Den Körperkontakt zu den Kühen mag ich. Jeden Morgen, wenn ich sie auf die Weide lasse, kommen die Tiere und wollen gestreichelt werden. Beim Melken lehne ich mich an sie. Auf dem Hof leben sechs Kühe, 70 Hühner, zwei Hunde sowie Katzen und Hasen. Ich brauche die Tiere, sie gehören zu meinem Leben. Ich beobachte sie immer und sehe so schnell, wenn ihnen etwas fehlt.

Die Namen für meine Tiere sind mir wichtig: Eine Kuh namens Wilma hat jeder zweite Bauer, darum wollte ich nicht auch noch eine. So habe ich unter anderem eine Wolana, eine Cindy und eine Pamela. Ich hatte nie Mühe, die Namen der Kühe auswendig zu lernen, denn jedes Tier hat seine Macken. Es gibt zum Beispiel Kühe, die am Euter sehr kitzelig sind. Da muss man aufpassen, dass sie nicht ausschlagen.

Es war von jeher mein grösster Traum, Bäuerin zu werden. Was mein Vater und mein Grossvater als Bauern machten, imponierte mir. Ich war von klein auf immer im Freien. Als ich sechs Jahre alt war, starb mein Vater bei einem Traktorunfall. Dieser Schicksalsschlag traf unsere Familie hart und schweisste uns alle ganz fest zusammen. Mein Grossvater musste damals den Hof wieder übernehmen.

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«Ich will keinen Hausmann»

Als die Zeit der Berufswahl kam, war für mich der Fall klar: Ich wollte den zweijährigen landwirtschaftlichen Lehrgang absolvieren und dann den Hof übernehmen. Meine Mutter riet mir zwar, ich solle doch zuerst eine andere Lehre machen. Aber für mich kam das nicht in Frage – und ich setzte meinen Kopf durch.

Nach bestandener Prüfung besuchten wir – zwei Frauen und 13 Männer – die Landwirtschaftskurse. Da lief immer viel: Wir gingen in den Ausgang und hatten unseren Spass. Manchmal wurden wir Landwirtinnen von den männlichen Kollegen auf den Arm genommen. Wir bekamen oft zu hören, dass wir zwar melken und mähen könnten, nicht aber kochen und waschen. Immer wurde uns gesagt: «Ihr müsst nach einem Hausmann Ausschau halten.» Ich will aber keinen Hausmann. Ich wünsche mir schon, einmal eine Familie zu haben. Dann werde ich wohl den Haushalt machen, obwohl ich lieber draussen bin.

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Bei gewissen Arbeiten – etwa beim Verladen von Kraftfuttersäcken – konnten die Männer zeigen, dass sie mehr Muskeln haben. Aber ich fühlte mich trotzdem akzeptiert und ernst genommen. Ich denke, dass meine männlichen Berufskollegen für die Maschinen oft mehr Gefühl haben. Dafür scheinen wir Frauen mehr Gespür für die Tiere zu besitzen.

Die Automobilisten staunen

Als ich vor zwei Jahren den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb übernahm, fragte ich meine Nachbarn, ob ich von ihnen Maschinen ausleihen dürfe. Am Anfang wollten sie jeweils die ganze Arbeit für mich erledigen. Das kommt ja aufs Gleiche heraus, meinten sie. Ich bestand aber darauf, die Arbeit selber zu machen. Für etwas habe ich diesen Beruf ja erlernt.

Mein Tagesablauf sieht so aus: Morgens um vier Uhr stehe ich auf und verteile die Zeitungen in alle Haushalte in Däniken. Diese Arbeit ermöglicht mir einen Zusatzverdienst zu dem, was ich mit meinem integrierten Produktionsbetrieb erwirtschafte. Zudem helfe ich als Lohnarbeiterin auf verschiedenen Höfen mit oder arbeite stundenweise bei Unternehmen in der Landwirtschaftsbranche, damit ich etwas Geld auf die Seite legen kann. Ich besitze den kleinsten Betrieb in Däniken: fünf Hektaren Land und zwei Hektaren Wald. Meine paar Kollegen haben alle mehr Land und ein grösseres Milchkontingent als ich.

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Wenn ich um sechs Uhr alle Zeitungen verteilt habe, gehe ich in den Stall, um die Kühe zu melken. Anschliessend bringe ich sie auf die Weide und füttere die Hühner, die sich auf meinem Hof frei bewegen können. Mein Grossvater arbeitet sehr viel mit; er ist noch rüstig mit seinen 82 Jahren.

Meine 16-jährige Schwester Yvonne hilft mir immer, wenn sie Ferien hat. Da gibt es schon lustige Situationen: Ich mähe das Gras, und meine Schwester fährt auf dem Traktor mit dem Ladewagen hinter mir her. Die Autofahrer kriegen manchmal den Mund fast nicht mehr zu. Ich winke den Automobilisten zu – das macht riesigen Spass. Ein wenig Provokation darf doch sein! Das habe ich mir auch gesagt, als ich mir vor drei Jahren meine blonden Haare violett färben liess.

Am Abend gehe ich um 17 Uhr in den Stall. Im Sommer sind wir anschliessend nochmals auf dem Feld. Wenn es schönes Wetter ist, dreschen wir. Und in den Juliwochen verbringt die ganze Familie viel Zeit auf den Kirschbäumen. Ich gehe meistens gegen 21 Uhr ins Bett, sonst komme ich morgens um vier Uhr fast nicht aus den Federn.

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Im Sommer kann ich es mir nicht oft leisten, in den Ausgang zu gehen. Das erfordert von meinen Freundinnen und Freunden viel Verständnis. Ein Kollege fragte mich kürzlich an einem Sonntagabend, ob wir zusammen etwas unternehmen wollen. Ich sagte ihm, dass ich noch Kirschen lesen und deshalb passen müsse. Er meinte: «Lass die Kirschen Kirschen sein, die hängen bestimmt auch am Montagmorgen noch am Baum.» Ich musste ihm klarmachen, dass das nicht drinliegt – sonst kämen wir mit der Kirschenernte nicht voran, die Früchte würden faulen.

Keine Ferien, dafür Freiheit

Es gibt Situationen, in denen ich gerne mal alles stehen und liegen lassen würde. Ich habe aber vor der Hofübernahme gewusst, was alles an Arbeit auf mich zukommt. Also darf ich jetzt auch nicht jammern. Es gehört halt zu meinem Beruf, dass ich nicht vier Wochen Ferien habe. Zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen fahre ich jedes Jahr ein Wochenende ins Tessin, um ein bisschen zu feiern – das sind meine Sommerferien.

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Es gibt trotzdem viele Gründe, weshalb das Landwirten für mich der absolute Traumberuf ist: Ich mache nie den ganzen Tag das Gleiche. Ausserdem kann ich mir die Zeit selber einteilen. Wenn es regnet, gehe ich ab und zu nach Aarau oder nach Olten, um einzukaufen. Andere Bauern halten das vielleicht nicht so, aber ich nehme mir diese Freiheiten.

Dem Landwirtschaftssektor geht es momentan nicht sehr gut. Ich bin überzeugte Gegnerin eines EU-Beitritts. Meinem Berufsstand würde ein Beitritt nur schaden; wir können nicht zu EU-konformen Preisen produzieren. Den Preisdruck spüren wir Bauern schon heute.

Für mich persönlich ist es darum wichtig, innovativ zu sein und Neues auszuprobieren. Ich suche neue Wege: Wir fahren jeden Mittwoch mit dem Auto ins Dorf und verkaufen Eier. Auch Honig, Kartoffeln, Obst und Fleisch sind bei mir im Direktverkauf zu haben. Wichtig ist dabei, dass man Zeit hat für die Leute. Bei uns ist es oft so, dass die Kundinnen und Kunden noch gern ein wenig plaudern wollen. Ab und zu gibts einen Kaffee, das wird von den Leuten sehr geschätzt.

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Das ist das Schöne am Bauern: Ich bin nicht nur Herrin über meinen Hof, sondern auch über meine Zeit.