Man ist nervös in Landwirtschaftskreisen. Ende Juni ging die Vernehmlassung für die neue Agrarreform zu Ende. Es geht um viel Geld. 3,4 Milliarden liegen jährlich im Bundeskässeli für die Bauern bereit, davon 2,8 Milliarden für Direktzahlungen, deren Verteilung die Reform neu regeln soll.

Umstritten ist vor allem die Abschaffung der sogenannten Tierbeiträge. Bislang wurden diese Beiträge pro Tier gesprochen, was gemäss Bundesamt für Landwirtschaft vor allem in den leicht zu bewirtschaftenden Lagen der Berggebiete zu einer unerwünschten Intensivierung der Landwirtschaft geführt hat: Die Bergbauern halten zu viele Tiere. Das hat unerfreuliche Folgen für die Umwelt. Auf vielen Bergwiesen, wie zum Beispiel im Unterengadin, führte die Übernutzung zu einem Rückgang der Artenvielfalt. Die Wiesen brachten weniger Gras und Heu, und dieses war von minderer Qualität. In den schwer zu bewirtschaftenden Lagen wie dem Bergell zeigte sich das umgekehrte Bild; hier drohte durch die Unternutzung die Vergandung.

Zur Agrarreform gingen 680 Stellungnahmen von Organisationen, Parteien und Einzelpersonen ein. Insbesondere der mächtige Schweizerische Bauernverband mit dem Thurgauer SVP-Nationalrat Hansjörg Walter an der Spitze droht mit Rückweisung, wenn nicht massive Änderungen vorgenommen werden.

Ökologie oder Produktivität?

Gefochten wird in der Debatte mitunter eher mit dem Zweihänder statt mit dem Florett. So nahm etwa Martin Haab, im Vorstand des Zürcher Bauernverbands, in seinem Beitrag im «Zürcher Bauern» kein Blatt vor den Mund. Sein Groll galt der «Vision Landwirtschaft», einer nach eigener Darstellung unabhängigen Denkwerkstatt von Agrarfachleuten. «Pseudovisionäre» seien sie und «verkappte Agrarwissenschaftler», die nichts anderes im Schilde führen würden, als «die Daseinsberechtigung ihrer wie Pilze aus dem Boden schies­senden Ökobüros zu legitimieren», wetterte Haab.

Bauernverband und Vision Landwirtschaft haben unterschiedliche Vorstellungen. Produktion versus Ökologie heisst der strittige Gegensatz. Während Vision Landwirtschaft im Berggebiet auf Landschaftspflege, Erhaltung der Artenvielfalt und öko­logischen Anbau setzt, sieht der Schweizerische Bauernverband in der Pflege von «Blüemli-Wiesen» eine Gefahr für das Weiterbestehen der Landwirtschaft überhaupt. Deshalb müsse auch im Berggebiet die Produktion von Milch und Fleisch im Vordergrund der landwirtschaftlichen Aktivitäten stehen.

Der Vision Landwirtschaft ist auch der «Futtertourismus» ein Dorn im Auge. Weil das Berggebiet für die gehaltenen Tiere nicht genug hergibt, wird Kraftfutter aus den Talregionen und dem Ausland zugeführt. So ist der Anteil an importiertem Kraftfutter stetig gewachsen. «Ein ökologischer Unsinn», sagt Markus Jenny, Präsident von Vision Landwirtschaft.

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Die Lösung liegt für Jenny in der Um­lagerung der Tierbeiträge in solche für gemeinwirtschaftliche Leistungen. Die Zahlungen sollen nicht mehr pro Tier ausbezahlt werden, sondern vielmehr die Beschaffenheit der bewirtschafteten Fläche berücksichtigen. Je steiler, schwerer zugänglich und hindernisreicher die Wiesen, desto höher soll der ausgezahlte Betrag sein. So könne die Vergandung der Grenz­ertragslagen verhindert und die Intensivierung in den Gunstlagen reduziert werden.

Der Bauernverband lehnt diese Lösung ab. Der administrative Aufwand sei zu hoch, die Qualität einer Landschaft könne nur schlecht bewertet werden. Dennoch hat der Lösungsvorschlag von Vision Landwirtschaft teilweise Eingang gefunden in das bundesrätliche Reformpapier.

Denkwerkstatt mit «Geheimplan»

Der Erfolg der Organisation, die erst seit 2007 besteht, scheint das gegnerische Lager aufgeschreckt zu haben. «Bei Vision Landwirtschaft ist nicht immer klar, wer dahintersteckt. Bemerkenswert etwa ist, dass die Sitzungen teilweise im Bundeshaus stattgefunden haben», sagt Samuel Krähenbühl. Der Redaktor des «Schweizer Bauern» hat in einer der letzten Ausgaben einen «Geheimplan» von Vision Landwirtschaft aufgedeckt, ein internes Strategie­papier, das minutiös festlegt, welche Poli­tiker für die eigenen Zwecke eingespannt werden sollen. Markus Jenny dazu: «An diesem Plan ist nichts geheim. Jede professionelle Organisation überlegt sich, wie sie ihren Zielen am besten zum Durchbruch verhilft.»