So ein Pech! Wir wollen Biber beobachten, und es beginnt zu stürmen. Orkanartiger Wind kommt auf, Hagelkörner prasseln nieder, schnell suchen wir Unterschlupf. Doch wir haben Glück. Kaum eine Viertelstunde später ist die dunkle Wand vorbeigezogen, über dem Mont Vully ist schon wieder blauer Himmel zu sehen, und in Richtung Neuenburgersee steht ein perfekter Regenbogen über dem Horizont. Es ist kurz nach 19 Uhr. Wir sind noch nicht zu spät. Die Nager können kommen.

«Bevor sie auftauchen, sieht man nichts, keine einzige Welle», sagt Christof Angst. «Plötzlich sind sie da, wie das Monster von Loch Ness, bevor es einen frisst.» Christof Angst ist Biologe und leitet die Biberfachstelle des Bundes. Wir stehen auf einer kleinen Brücke und schauen gebannt auf den Grand Canal, einen der vielen Kanäle, die das Grosse Moos zwischen Bieler-, Neuenburger- und Murtensee entwässern. Ein Blässhuhn füttert seine Jungen mit Wasserlinsen, ab und zu springen Fische. Nun ist warten angesagt, warten auf jenen pelzigen Baumeister, der fürs Leben gerne nagt und Löcher gräbt – und den Bauern ziemlich auf die Nerven geht.

«Dann sollen alle für Schäden aufkommen»

Einige Stunden zuvor hat uns Werner Probst, der Gemeindepräsident von Fins­terhennen BE, einige Biberschäden gezeigt: Kanalböschungen, die über viele Meter abgerutscht sind, weil der Nager den Hang unterhöhlt hat; Löcher in den Strassen, die auf eingestürzte Biberbauten zurückzu­führen sind; Biberdämme, die die Entwässerungskanäle verstopfen und auf den Fel­dern hektarenweise Staunässe verursachen können.

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«Nur schon die Schäden an den Kanalböschungen kommen uns auf etwa eine halbe Million Franken zu stehen», klagt Probst. Sein Problem: Der Bund steht ledig­lich für die Frassschäden in den Feldern gerade. Die wirklich ins Gewicht fallende Reparatur der zerstörten Infrastruktur müssen dagegen die Eigentümer tragen. Bei den Böschun­gen sind das je zur Hälfte die Gemein­den und der Kanton, bei den Strassen nur die Gemeinden. «Ist das nicht ungerecht?», fragt Probst. «Alle wollen den Biber, dann sollen auch alle für die Schäden aufkommen.» Vor allem aber bereitet ihm die Haftung bei Unfällen Sorgen: «Wenn ein 40-Tönner wegen eines Biberlochs den Hang hinunterrutscht, dann haften die Eigentümer des Wegs, also wir!»

Es platscht. «Da ist einer», flüstert Christof Angst. Tatsächlich. Der Biber ist unbemerkt unter uns durchgetaucht, streckt jetzt die grossen, rötlichen Nagezähne aus dem Wasser. Wir sehen gerade noch, wie er in einiger Entfernung ans Ufer geht. Wir schleichen uns an, spähen durch die Bäume. Da sitzt das Tier im hohen Gras und macht das, was es am liebsten tut: an einem Weiden­zweig nagen. Gebannt schauen wir zu, minutenlang – bis unvermittelt ein zweiter Biber aus dem Wasser auftaucht. Er nimmt Kurs auf das kauende Tier, vertreibt es und beginnt dann selber am Zweig zu nagen. Wir wagen kaum zu atmen. Plötzlich scheint uns der Biber zu wittern; jäh gleitet er in den Kanal und klatscht mit dem Schwanz aufs Wasser. Bevor er flüchtet, warnt er die Artgenossen. «Das waren zwei Teenager», erklärt Angst. Er ist begeistert. Dass das nicht die einzige Begegnung mit den scheuen Nagetieren an diesem Abend sein sollte, kann er noch nicht wissen.

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Biber sorgen für Artenvielfalt

Flüsternd machen wir uns zur nahe gelege­nen Biberburg auf. Der grosse Asthaufen liegt gut getarnt unter einer Weide. Der hier­zulande ansässige Eurasische Biber baut seine Wohnung immer in die Uferböschung – zum Leidwesen der Kanalbauer und Bauern. Bricht der Biber nach oben durch, bedeckt er die Einsturzstelle mit Ästen: Eine Biberburg entsteht. Neben dem Familienbau legt er oft weitere Baue an. Dämme wie­derum errichtet der Bau­meister, um seinen Lebensraum zu optimieren. Damit er bei Gefahr abtauchen kann, muss ein Gewässer mindestens 60 Zentime­ter tief sein. Mit einem Damm am richtigen Ort kann er grosse Flächen überfluten, was ihm neue Nahrungsquellen erschliesst.

«Was die Bauern stört, ist für die Natur eigentlich ein Gewinn», sagt Angst. «Eini­ge sagen, der Biber sei ein Anarchist. Ich nenne ihn lieber ‹Ökosystem-Ingenieur›: Lässt man ihn machen, fördert der Biber die Artenvielfalt, schafft Auenwälder, Flachwasserzonen und Feuchtwiesen.» Und die Natur sei bestens an das Wirken des Bibers angepasst. «Wenn er eine Weide fällt, treibt diese im nächsten Jahr wieder mit voller Wucht aus.» Hätte die Weide diese Fähigkeit nicht entwickelt, wäre sie längst ausgestorben – denn bis vor einigen Jahrhunder­ten lebten um die 100 Millionen Eurasische Biber auf unserem Planeten. Eine Zahl, die sich manch ein Landwirt wohl lieber nicht vorstellt. «Heute leben hierzulande gerade mal 1600 Biber, und schon das ist man­chen zu viel», sagt Angst. «Dabei ist der Biber noch immer eine seltene Art, und eine weitere Ausbreitung ist sehr wichtig.»

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Der Biber war in der Schweiz ausgestorben; 1806 geriet den Jägern der letzte seiner Art vor die Flinte. Um ihn wiederanzusiedeln, setzten Naturschützer zwischen 1956 und 1977 insgesamt 141 Tiere aus. Dies war dringend nötig, denn der Bestand war zuvor weltweit auf nur noch 1000 bis 2000 Tiere geschrumpft. Die Wiederansiedlung kam allerdings lange nicht richtig in die Gänge. Erst ab Ende der neunziger Jahre ging es rasch aufwärts – womit sich auch die Konflikte mit den Bauern verschärften.

«Der Mensch muss nun wieder lernen, mit dem Biber umzugehen», sagt Angst. Deshalb werden jetzt in vielen Kantonen Biberkonzepte entwickelt. «Viele Schäden können zum Glück durch einfache Massnahmen behoben werden.» Rund 90 Prozent der Biberschäden ereignen sich in weniger als zehn Metern Abstand zum Gewäs­ser. «Wenn man den Nagern diesen Uferstreifen zugesteht», sagt Angst, «sind die meisten Probleme gelöst.» Gewisse Pro­bleme hätten sich die Gemeinden im Grossen Moos auch selber zuzuschreiben. «Einige Kanäle sind altersschwach, stossen bei Hochwasser an die Kapazitätsgrenzen und müssten sowieso bald saniert werden. Zudem wurden die Wege viel zu nah an den Kanälen angelegt.»

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Biberkonzept soll Gemüter kühlen

Was Angst zurzeit am meisten ärgert, ist der Umstand, dass die Unterhaltsequipen im Grossen Moos – mit dem Segen des Kan­tons – praktisch jeden Biberdamm zerstören können. Das eben entstandene Biber­konzept für das Grosse Moos wird künftig regeln, wo die Dämme entfernt werden dürfen und wo der Biber Vorrang hat.

Fragt sich nur, ob sich alle an den Plan halten werden. «Ich würde die Biber­dämme auch dann zerstören, wenn ich dafür nach Witzwil in die Strafanstalt müsste», sagt ­etwa ein Gemüse­bauer aus Gampelen. «Man sollte auch mal an die Bauern denken, nicht nur an die Biber!»

Christof Angst ist mit solchen Stimmen vertraut. Doch statt auf Konfrontation zu setzen, sucht er lieber nach praktikablen Lösungen. Ohnehin ist ihm in den letzten Jahren eines klargeworden: «Die Biberschäden sind nur Ausdruck davon, dass wir den Ge­wässern nicht mehr genügend Raum zugestehen.» Anders gesagt: Solan­ge die Gewässer, in Kanäle gezwängt, nicht frei fliessen dürfen, so lange wird der Biber dem Menschen an den Nerven nagen.

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Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Mücken sirren über unseren Köpfen. Plötzlich fliegt ein Blässhuhn laut platschend vom Wasser auf: Es scheint vor etwas zu fliehen. Tatsächlich taucht völlig über­raschend schon wieder ein Biber auf. Der drit­te heute. «Wahn­sinn», flüstert Angst, seine Augen sind weit geöffnet.

Der Biber sieht uns nicht, doch er scheint uns zu spüren. Wie leblos, aber angespannt wie eine Feder lässt er sich viele Meter treiben. Dann verliert er die Scheu, geht an Land und schüttelt sich wie ein nasser Hund. «Es ist die Mutter», erklärt mein Begleiter. Lange beobachten wir, wie sie Gras und Blätter frisst. Dann markiert sie die Ausstiegsstelle mit Bibergeil, einem stark riechenden Sekret, gleitet ohne Eile ins Wasser und schwimmt mit ein paar Zweigen im Maul in Richtung Bau. Ihre Jungen werden sie schon ungeduldig erwarten.

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