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BienenTotgesagte fliegen länger

Im Frühling schlugen die Medien Alarm: «Die Bienen sterben aus!» Wanderimker Martin Dettli sieht das nicht so für ihn ist das bloss Panikmache. Das wahre Problem liegt woanders.

Als die Grillen ihr Gutenachtkonzert starten, sieht Martin Dettli den Augenblick gekommen, mit dem Aufladen seiner Bienenkästen zu beginnen. Dettli, 48, ist Wanderimker und hat vor vier Wochen rund 30 seiner 70 Völker von seinem Wohnort Dornach SO nach Laufen BL gebracht. Nun will der Ingenieur-Agronom die handlichen Magazine, die ständig von summenden Bienen umschwirrt werden, an einen neuen Standort verlegen: auf eine Lichtung in den Wäldern von Gempen. Dettli fährt mit dem Geländewagen vor, holt Spannsets heraus und legt Schaumstoffstücke bereit. «Hier können die Tiere nichts Rechtes mehr holen», sagt er und weist mit der Hand über die sanften Hügel. Obstbäume und Rapsfelder seien verblüht, die Bienen müssten ins Dorf fliegen und dort die Gärten besuchen. «Später im Sommer reise ich mit den Völkern ins Oberalp-Gebiet auf 1800 Meter», sagt Dettli mit glänzenden Augen, «das ist jeweils die aufregendste Wanderung.»

In der Schweiz gibt es rund 260 Wanderimker, die etwa 9'500 Bienenvölker besitzen. Im Unterschied zur grossen Mehrheit der landesweit 19'000 registrierten Imker haben sie während der Blütezeit keinen fixen Standort, sondern verlegen ihre Nutztiere je nach Wetter, Vegetation und Entgegenkommen der Landbesitzer. Sind im Mittelland die Obstbäume verblüht, lohnt sich ein Abstecher in den Jura oder auf den Napf, wo die Flora erst am Erwachen ist. Manche Wanderimker bringen ihre Völker ins Tessin, weil dort der Frühling früher kommt, andere warten ab, bis es in den Wäldern Nektar zu holen gibt. Das Ende der Saison bildet die «Bergtracht» in den Alpengebieten.
«Wanderimker wollen aber nicht einfach nur mehr und besseren Honig ergattern», meint Dettli und holt das Rauchkännchen hervor. «Unsere Arbeit nützt auch den Bauern und fördert die Biodiversität.» So unterstützten die Bienen die Selbstbestäubung beim Raps, und manche Obstbauern bestellten Wanderimker, um die Ernte zu steigern. Lasse man die Wanderbienen im Wald und in den Bergen fliegen, werde die Wildflora gefördert. Dettli gibt ein Stück Jute ins Kännchen, zündet es an, legt faules Holz darauf und drückt den Blasebalg, bis ein hellgrauer Rauchstrahl aus der Öffnung strömt.

Blutsauger am Werk

Langsam geht er vor den Kästen auf und ab und vermeidet jede ruckartige Bewegung, damit er nicht gestochen wird; eine Schutzmaske trägt er nicht. Um zu zeigen, dass seine Bienen die Waben selber bauen, holt er ein Exemplar hervor. Mit viel Rauch und etwas Gottvertrauen klappt die Übung ohne Stiche, obwohl die Kästen seit dem Eindunkeln vollständig bewohnt sind. «Ich arbeite in Naturbau, kaufe also keine Mittelwände, die oft Rückstände enthalten», betont Dettli. Dann legt er die Wabe wieder zurück, zurrt die Spannsets um die Kästen und drückt den Schaumstoff in die Fluglöcher. Kurz vor 22 Uhr sind seine Kolonien reisefertig.

Was in der Schweiz noch ein Nebenerwerb von Idealisten ist, hat sich andernorts zum profitablen Wirtschaftszweig entwickelt. Weniger wegen des Honigs als wegen der Bestäubung. In den USA zum Beispiel bezahlen Farmer bis zu 125 Dollar für die Miete eines Bienenstocks, um Blaubeerfelder oder Mandelbäume bestäuben zu lassen. Innert weniger Wochen kann ein Wanderimker bis zu 300'000 Dollar verdienen. Die vielen Monokulturen und diverse Krankheiten haben die Bienenvölker dezimiert, zudem werden Amerika wie auch Teile von Europa und China von einem rätselhaften Bienensterben heimgesucht, Colony Collaps Disorder (CCD) genannt. Dabei verlassen alle Arbeiterinnen den Stock, um an einem unbekannten Ort zu sterben. Lokal sind in den USA bis zu 70 Prozent der Völker eingegangen.

Auch in der Schweiz sorgte das «Bienensterben» dieses Frühjahr für Schlagzeilen doch von amerikanischen Verhältnissen ist man weit entfernt. «Von einem eigentlichen Bienensterben kann man nicht reden», sagt Richard Wyss, Präsident des Vereins der deutschschweizerischen und rätoromanischen Bienenfreunde (VDRB). Rund zehn Prozent Verluste im Winter seien normal, in gewissen Gebieten seien etwa 30 Prozent der Tiere eingegangen. Das Thema sei von den Medien «hochgeschaukelt» worden, die Verluste seien in den Jahren zuvor grösser gewesen. Um genaue Zahlen zu erhalten, hat der VDRB eine Umfrage unter den 15'000 Mitgliedern gestartet, die Resultate liegen noch nicht vor. So viel kann Wyss bereits verraten: «Beunruhigend ist, dass es lokal zu Totalverlusten kommt, was diverse Gründe haben wird. Das Grundübel aber liegt vermutlich bei der Varroamilbe.»

Diese Milbe macht den Imkern seit gut 20 Jahren das Leben schwer. Sie wurde durch ein deutsches Institut eingeschleppt, das Bienen aus dem Osten importierte. Die Milbe überträgt Krankheiten und saugt das Blut der hiesigen Bienen, die im Unterschied zu den Tieren in Asien kein geeignetes Putzverhalten kennen. Die Varroa-Behandlung ist ein Muss, aber auch ein Stress für die Bienen. Auch andere Faktoren könnten die Tiere schwächen, sagt Peter Gallmann, Leiter des Zentrums für Bienenforschung Agroscope in Liebefeld BE: «Es gibt Indizien, dass Bakterien, Viren, Protozoen und Milben für die erhöhten Winterverluste verantwortlich sind.» Auch Einflüsse wie Klima, Pestizide, Monokulturen und Elektrosmog seien nicht auszuschliessen; man müsse, so Gallmann, von «einem multifaktoriellen Mix» ausgehen. Allzu schwarz mag der Fachmann aber nicht malen: «Die Schweiz hat heute immer noch eine hohe Bienendichte. Einen unmittelbaren Mangel an Bienenvölkern für die Bestäubung wird es auch bei einem weiteren Rückgang nicht geben.»

Von der Bestäubung profitieren alle

Martin Dettli und sein Helfer Matthias, ein 23-Jähriger aus dem Behindertenheim, in dem der Wanderimker Teilzeit arbeitet, heben die verschlossenen Kästen stöhnend auf den Anhänger. Dettli startet den Wagen und rumpelt mit der schweren Ladung auf den Feldweg. Dem Bauern hat er am Nachmittag drei Glas Honig geschenkt: «So kann ich nächstes Jahr wiederkommen.» Ein Geschäft ist die Wanderimkerei nicht: Dettli führt genau Buch und verzeichnet jährlich einen Aufwand von 700 Stunden. Pro Volk kann er mit einem Honigertrag von rund 15 Kilo rechnen, die Ware (mit DemeterLabel) verkauft er in Bioläden, Bäckereien, auf dem Markt. Sein Ertrag: 26 Franken pro Kilo. «In normalen Jahren beträgt mein Stundenlohn etwa zwei Franken, in guten Jahren rund zehn Franken», sagt der Imker schmunzelnd.

Mit Bienen kann man in der Schweiz kaum das tägliche Brot verdienen, praktisch alle Imker haben weitere Einnahmequellen. Das gilt auch für die «Nomaden», wie Heinrich Leuenberger, Sekretär des Vereins Schweizer Wanderimker (VSWI), erklärt: «Manche Gemeinden bezahlen eine Bestäubungsprämie von 5 bis 30 Franken pro Volk. Andere Imker erhalten Früchte, wenn sie die Bienen in eine Obstplantage stellen.» Von einem Business sei man hierzulande aber weit entfernt. Christoph Surbeck, ein Wanderimker aus Weinfelden TG, der regelmässig bei Obstbauern Bestäubungsdienste leistet, erklärt: «Vorläufig haben wir in der Schweiz noch eine grosse Bienendichte, die Nachfrage zum Bestäuben ist noch gering.» Surbeck verlangt 100 Franken für zwei starke Völker, was gut für eine Hektare reicht. «Das deckt nur den Mehraufwand», sagt der Thurgauer. Umgekehrt profitierten seine Völker aber vom Wandern: «Können die Bienen Nektar verarbeiten, sind sie vitaler, als wenn sie nichts zu tun haben. Das erhöht die Chance für eine gute Überwinterung.»

Es fehlt an Imkernachwuchs

Doch was der Schweiz in Zukunft blüht, ist ungewiss. Denn nicht nur die Zahl der Bienen schwankt, auch ist eine Abnahme und «Überalterung» der Imker zu verzeichnen. Experte Peter Gallmann betont, dass es wegen Varroa ohne Imker keine Honigbienen gäbe. «Flächendeckende Imkerei ist aber für die Biodiversität wichtig: Jedes Tal sollte seine Imker haben.» Regional könnte es zu Engpässen kommen, «wenn die Imkerzahl weiter drastisch zurückgeht oder wenn vermehrt grosse Bienenverluste auftreten». Hier müsse die Politik ansetzen: Deutschland und Österreich bieten Imkerschulung und forschung in Berufsschulen und Universitäten an. Die Europäische Union investiert jährlich 54 Millionen Franken in den Bienenschutz die Eidgenossenschaft gerade mal 250'000 Franken. Dem stehen mindestens 300 Millionen Franken gegenüber, welche die Imkerei der Volkswirtschaft durch Bestäubung und Bienenprodukte einträgt. Immerhin: Im Frühling dieses Jahres hat das Parlament die Bienenhaltung ins Landwirtschaftsgesetz aufgenommen und beschlossen, die Imkerei künftig stärker zu fördern.

«Giesskannen-Subventionen» sollten allerdings keine ausbezahlt werden, meint VDRB-Präsident Richard Wyss, die Imkerei könne man nicht nur wegen der Profite betreiben. Aber: «Der Bund muss sich verstärkt um Forschung, Aus und Weiterbildung, Zucht und Vermarktung kümmern.» Heinrich Leuenberger vom Verein der Wanderimker präzisiert: «Im Gegensatz zum benachbarten Ausland ist es in der Schweiz zurzeit leider nicht möglich, den Imkerberuf zu erlernen.» Das sei auch ein wesentlicher Grund, warum in der Imkerei zu wenig Junge nachrücken würden. Auch in der Forschung sei die Suche nach neuen Fachkräften aufwendig, sagt Bienenexperte Peter Gallmann: «Bei uns müssen Fachleute ‹on the Job› ausgebildet werden; Nachwuchs mit Erfahrung findet man nur im Ausland, wo es Universitäten mit Bienenforschung gibt.»

Gegen 22.30 Uhr erreicht Martin Dettli seinen neuen Standplatz in den Hügeln von Gempen. Im milchigen Schein der schmalen Mondsichel holt er die Bienenkästen vom Anhänger und platziert sie auf der Waldlichtung. Die Tiere surren hörbar erregt hinter den Holzwänden; als Dettli den Schaumstoff von den Fluglöchern zieht, muss er sich fluchtartig in Deckung bringen. «Für die meisten Imker war das Bienensterben dieses Jahr vor allem ein Medienthema», meint er. Denn die Situation sei «fast etwas peinlich»: «In Sachen Honig war der Frühling 2007 absolut genial, es ist mit einer Rekordernte zu rechnen. Die angeblich toten Bienenvölker haben also offenbar ganze Arbeit geleistet!»

Veröffentlicht am 29. Juni 2007