Beobachter: Mitte April wurden 13 Bienenvölker samt Waben aus Ihrer Forschungsanstalt entwendet. Warum stiehlt jemand Bienen?
Peter U. Gallmann: Das anhaltende Bienensterben trocknet den Markt aus. Letzten Winter lagen die Ausfälle erneut bei rund 30 Prozent, deshalb sind auf legalem Weg kaum mehr Völker erhältlich.

Beobachter: Die Ursachen des Bienensterbens sind umstritten. Es ist immer wieder zu hören, die Biene leide unter Stress.Gallmann: Die Belastungen sind vielseitig. Ein Schlüsselfaktor ist sicher die Varroamilbe. Sie schwächt die Tiere und überträgt Viren. Aber auch die Varroa-Behandlung mit Ameisen- und Oxalsäure ist für Bienen ein Stress. Dann gibt es weitere Einflüsse, wie Mangelernährung durch grosse Monokulturen oder der Einsatz von Insektiziden.

Beobachter: Es heisst, Stadtbienen seien gesünder und produktiver als jene auf dem Land. Stimmt das?
Gallmann: In grünen Stadtteilen mit vielen Gärten gibt es tatsächlich solche Beobachtungen. Die Vegetation dort ist wesentlich vielfältiger als in Gebieten mit moderner Landwirtschaft. Es gibt viel mehr Blüten, und sicher ist auch die Insektizidbelastung geringer.

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Beobachter: Ein Insektizidwirkstoff, der derzeit oft kritisiert wird, ist Clothianidin. Es gehört zu einer Gruppe von Giften, die das Nervensystem angreifen.
Gallmann: Clothianidin tauchte in Wassertröpfchen auf, die von behandelten Pflanzen ausgeschieden werden – in tödlichen Dosen. Und sogar in den Pollen – der «Babynahrung» der Bienen – wurden Spuren von Pestiziden nachgewiesen.

Beobachter: Es gibt Hinweise, dass diese Gifte selbst in kleinsten, nicht messbaren Konzentrationen Schaden anrichten. Ist das Zulassungsverfahren für diese Stoffe zu lasch?
Gallmann: Aufgrund der neuen Erkenntnisse werden die Zulassungen und die Zulassungsverfahren derzeit in einigen Ländern überprüft.

Beobachter: Wurde das Bienensterben in der Schweiz auch bei wildlebenden Völkern beobachtet?
Gallmann: Es gibt hier keine wildlebenden Honigbienen mehr. Die Varroamilbe hat sie alle ausgelöscht.

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Beobachter: Heutige Bienenvölker könnten also ohne Betreuung durch einen Imker gar nicht mehr überleben?
Gallmann: Nein. Und das ist das Beängstigende: Bienen gibt es seit 30 Millionen Jahren. In dieser Zeit sind sie mit allen Veränderungen fertig geworden – bis der Mensch kam.

Beobachter: Was würde passieren, wenn alle Bienen verschwänden?
Gallmann: Es gibt Berechnungen, dass rund 30 Prozent all unserer Nahrungsmittel ausfallen würden. Aber was ihr Verschwinden für das ganze Ökosystem bedeuten würde, ist unabsehbar.

Peter U. Gallmann ist Leiter des Zentrums für Bienenforschung an der Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld-Posieux.

Quelle: Stock-Kollektion colourbox.com
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