Die ersten Naturfotografen suchten das Unberührte und nahmen sich Zeit. Erst die Erschliessung durch Strasse und Eisenbahn, die Einführung von Freizeit und Ferien sowie die Erfindung handlicher Kleinformatkameras schufen die ­Voraussetzung, dass seit den fünfziger Jahren ein kollektives Archiv mit Millionen von Bildern der Schweizer Natur und Bergwelt entstehen konnte.

Wenn Bäume reden könnten, würden sie uns erzählen, dass Menschen, die heute in der Natur wandern, joggen oder mountainbiken, vor lauter vorgefertigten Waldbildern in ihren Köpfen die wirklichen Bäume nicht mehr sehen.

Hand aufs Herz: Sind Sie auf ­Ihren Ausflügen nicht auch schon ans Ziel gekommen und waren enttäuscht? Im Reiseführer sah die Berglandschaft so romantisch, so poetisch aus. In 3-D aber erschien sie banal, ja sogar stinkend und verdreckt vom Abfall derjenigen, die vor Ihnen da gewesen waren.

Und umgekehrt: Haben Sie nicht auch schon innerlich gejauchzt, weil der Blick von der Bergstation bis aufs i-Tüpfelchen exakt so aussah wie auf dem MMS-Bild, das Ihnen Ihr Geliebter mit dem Vermerk geschickt hatte, Sie seien gerade so lieblich wie die Hügel im Appenzell?

Wer heute behauptet, er verfüge über eine reine Wahrnehmung, erliegt einer Illusion. Der gesamte ­Bilderberg der letzten 100 Jahre Natur- und Freizeit­industrie ist in unserem visuellen Gedächtnis gespeichert und wird aktiviert, wann immer wir aufbrechen, um die Schweizer Bergwelt zu – nun ja, «entdecken» kann man kaum noch sagen. Überall, wirklich überall waren vor uns schon andere da.

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Kein Grund zur Trübsal! Nur unverbesserliche ­Kulturpessimisten lassen deshalb die Ohren hängen. Denn: Unsere Wahrnehmung entwickelt sich weiter, unser Verständnis von Natur erfindet sich ständig neu. Das ist gut so. Vor 200 Jahren erklärte der Dorfpfarrer die todbringende Lawine oder die Überschwemmung durch den Dorfbach zur Strafe Gottes. Zum Glück ­sind wir heute nicht nur meteorologisch aufgeklärter und wissen es besser.

Die Genauen…

Die heutige professionelle Naturfotografie weiss um den in uns angehäuften Bilderberg. Sie nimmt die ­Herausforderung an und will die Natur bildlich neu ­erfinden. Professionelle Naturfotografen lassen sich dabei in zwei Gruppen aufteilen.

Das sind zum einen die Exakten. Sie porträtieren Tiere, Pflanzen, Landschaften und Berge möglichst nach dem Grundsatz: «So sieht der Berggipfel XY t­atsächlich aus, wenn ich ihn im Morgenlicht von der Gegenseite des Tals fotografiere.» Die Exakten sind die Nachfolger der naturwissenschaftlichen Zeichner – eines Berufsstands, den es heute kaum mehr braucht. Die Exakten machen die grosse Menge aus. Sie beliefern Presse und andere Medien und glau­ben oft an die Objektivität ihrer Bilder, auch wenn selbstverständlich jedes Bild immer persönlich geprägt ist.

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…und die Dichter

Zum andern sind da freie Kunstschaffende, sie bilden die Minderheit. Ihnen ist der naturwissenschaftliche Wahrheitsgehalt von Bildern gleichgültig. Sie suchen das Bildergedicht: «Ich zeige euch, wie ich diesen Berg oder jenen Baum sehe, wie ich sie fühle, wie ich sie interpretiere. Ich will euch zeigen, wie die Natur auch sein könnte, nicht, wie sie ist. Das soll mein Bild ausdrücken, deshalb habe ich es vielleicht auch be­arbeitet oder farblich verändert.»

Eine freie Künstlerin ist die Schweizer Fotografin Ester Vonplon. Ihr Baumbild auf der gegenüberliegen­den Seite könnte ein Selbstporträt eines sterbenden Baumes sein.

Wir Pixelknipser

Und dann sind da neben den Professionellen noch wir, wir Millionen von Laien. Wir schiessen weitaus am meis­ten Naturbilder, eine nicht mehr bestimmbare Zahl pro Jahr.

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Sind wir so gut wie die Profis? Wie die Exakten und die Kunstschaffenden? Das darf bezweifelt werden. Uns gelingen zwar manchmal meisterhafte Fotos, nur ­geschieht das zufällig. Professionell Fotografierende haben ihre Augen über Jahre geschult. Bildermachen ist ein Beruf. Und das sieht man Profibildern an.

Unsere mit Digicam oder Smartphone gemachten Naturfotos verfolgen aber auch nicht den Zweck der Ver­öffentlichung oder Ausstellung. Die Bilder funktionieren als Beweismittel für unsere eigene Lebensgeschichte. Ihre Botschaft lautet: «Schau, hier war ich tatsächlich, und zwar dann und dann.» Wir wollen sicher sein, dass wir uns erinnern werden und andere sich an uns erinnern. Deshalb klebten wir früher unsere Fotos in Alben und laden wir sie heute auf unsere Facebook- oder Instagram-Site.

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Die Bildverweigerer

Eine neu auftauchende, wachsende Gruppe ist die der Bilderverweigerer. Sie wollen sich ihr Naturerlebnis nicht durch vorgefertigte, in Zeitungen und Zeitschriften, im Fernsehen und im Internet veröffentlichte Bilder korrumpieren lassen. Ihr wichtigstes Votum ist: «Nein danke.» Der Bilderstreik also. Sie sehnen sich nach Stille und dem Ursprünglichen. Der Natur möchten sie sich trotz kollektivem Bilderberg mit dem frischen Blick von Kleinkindern nähern. Das mag abwegig klingen und naiv, eröffnet ihnen aber ­eine neue Sichtweise. Vielleicht auch uns, beim nächs­ten Ausflug ohne Handy und Kamera.

Der freie Kurator, Galerist und ­Autor ist Mitbegründer des Fotomuseums Winterthur. Zuletzt realisierte er die Ausstellung «Kapital. Kauf­leute in Venedig und Amsterdam» im Landesmuseum Zürich. 

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(private Aufnahme)

Quelle: Ester Vonplon