Die biologische Vielfalt steht global, aber auch in der Schweiz stark unter Druck. Mit der Biodiversitätskonvention hat die Weltgemeinschaft 1992 am Erdgipfel in Rio de Janeiro einen wichtigen Schritt zum Schutz der Lebensräume, der Tiere und der Pflanzen unternommen. Die Konvention trat 1993 in Kraft, ein Jahr später hat die Schweiz das Regelwerk ratifiziert. Unter anderem fordert die Konvention die Unterzeichner-Staaten auf, eine nationale Strategie zur Erhaltung der Biodiversität zu entwickeln.

Diesen Herbst hat der Bundesrat diese Verpflichtung erfüllt und einen Entwurf der sogenannten Biodiversitäts-Strategie in die Vernehmlassung geschickt. Dies, nachdem sich der Bundesrat erst geweigert hatte, die Arbeit anzugehen, aber vom Parlament dann dazu gedrängt wurde. Die Strategie umfasst zehn Ziele, die bis 2020 zu erreichen sind. BeobachterNatur stellt die zehn Themen und ihre Zielsetzungen in einer Kurzfassung vor, ergänzt mit einer Einschätzung aus unserer Redaktion.

Die zehn Ziele der Schweizer Strategie zur Biodiversität:

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Eine kleine Auswahl von Zielen:

WALD
Der Schweizer Wald gehört zu den naturnahsten Lebensräumen; die Biodiversität ist vergleichsweise wenig gefährdet. Der Druck auf den Wald wird zukünftig aber zunehmen, da der Wald vor allem im Mittelland vermehrt genutzt werden soll.

Wichtigste Zielsetzungen: Der Anteil der Waldreservate soll von drei auf acht Prozent erhöht werden. Die Menge an toten Bäumen und Fallholz soll zunehmen, um Arten zu fördern, die darauf angewiesen sind. Projekte für einzelne gefährdete Arten sollen angestossen werden.

Einschätzung: Sinnvolle und erreichbare Ziele. Längerfristig müsste der Anteil der Reservate aber weiter erhöht werden, damit der Natur auch in den Wäldern des Mittellands genügend Raum zur Verfügung steht.

LANDWIRTSCHAFT
Das Kulturland gehört zu den Lebensräumen, die seit Jahrzehnten am stärksten unter Druck stehen. Dementsprechend stehen überdurchschnittlich viele Arten auf der Roten Liste; besonders viele Arten sind schon ausgestorben. Mit der aktuellen Landwirtschaftspolitik soll die Natur zwar wieder mehr gefördert werden, aber es zeigt sich, dass das heutige Subventionssystem ungenügende Anreize bietet, um die Arten wie etwa die Feldlerche oder den Feldhasen zu fördern.

Wichtigste Zielsetzungen: Die Qualität und Vernetzung der bestehenden Ausgleichsflächen sollen verbessert, neue Ausgleichsflächen geschaffen werden.

Einschätzung: Die Ziele gehen nicht über jene der Agrarpolitik 2014–2017, die derzeit in Diskussion ist, hinaus. Das vorgeschlagene neue Subventionssystem soll zwar gegenüber dem heutigen System Verbesserungen für die Natur bringen. Ob die Anreize aber genügen werden, damit sich im Kulturland wieder mehr Tier- und Pflanzenarten etablieren können, muss sich erst zeigen.

TOURISMUS, SPORT UND FREIZEIT
Der Druck auf die letzten unberührten Naturräume durch Freizeit- und Sportaktivitäten nimmt stetig zu. Dies ist vor allem für störungsanfällige Arten wie grosse Vögel oder Huftiere eine Bedrohung. Um dem entgegenzutreten, haben einige Kantone in den letzten Jahren neue Wildruhezonen eingerichtet.

Wichtigste Zielsetzungen: Die Informationsvermittlung soll «gestärkt» werden, und man will neue Rahmenbedingungen für Besucherlenkungs-Konzepte erarbeiten. Weiter sollen neue Naherholungsgebiete geschaffen werden, um andere Naturräume vom Freizeitdruck zu entlasten.

Einschätzung: Wichtig wären genügend grosse Wildruhezonen sowie Konzepte, um den Freizeitrummel in sensiblen Gebieten einzuschränken. Dazu kann die Biodiversitätsstrategie nicht viel beitragen – denn die Ziele sind wenig konkret und unverbindlich.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Vor allem das Mittelland ist durch viele Strassen und Bahnlinien zerschnitten und stark verbaut. Kleine und unvernetzte Naturschutzgebiete bieten den bedrohten Arten nur noch wenig Lebensraum. Die Schutzgebiete machen derzeit einen Anteil von 15,7 Prozent an der Landesfläche aus, 1,3 Prozent weniger als von der Biodiversitätskonvention vorgegeben.

Wichtigste Zielsetzung: Es soll ein nationales «Netz» an Schutzgebieten entstehen, durch das die Tier- und Pflanzenarten erhalten werden können, für welche die Schweiz eine Verantwortung trägt.

Einschätzung: Vernünftige Vorgaben, die aber nicht über die bereits laufenden Programme und Aktivitäten hinausgehen und auf ein absolutes Minimum an geschützten Flächen ausgerichtet sind.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Der Anteil der stark gefährdeten Arten nimmt zu. Und von vielen Arten (zum Beispiel Insekten, aber auch Säugetieren oder Pflanzen) ist gar nicht bekannt, wie selten sie sind und wo genau sie vorkommen. Ein weiteres Problem sind die vom Menschen in die Schweiz eingeschleppten Arten, welche die einheimischen Arten verdrängen können.

Wichtigste Zielsetzungen: Der Zustand von stark gefährdeten Arten wird mittels Aktionsplänen bis 2020 verbessert und das Aussterben so weit als möglich unterbunden. Die Ausbreitung von gebietsfremden Arten mit Schadenspotenzial wird eingedämmt.

Einschätzung: Sinnvolle Ziele

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Je mehr verschiedene Pflanzen und Tiere einen Lebensraum bewohnen, umso grösser sind die genetischen Ressourcen. Aber auch innerhalb der Arten ist eine hohe genetische Variabilität wichtig, da genetisch verarmte Populationen längerfristig Mühe haben, zu überleben. Mit dem Rückgang artenreicher Lebensräume hat die genetische Vielfalt in den letzten Jahrzehnten auf allen Ebenen abgenommen. Zudem fehlen genetische Ressourcen für die Zucht neuer Arten und für die Forschung.

Wichtigste Zielsetzung: Es soll ein Konzept zur Erhaltung der genetischen Vielfalt in der Schweiz vorgelegt werden, damit die genetische Verarmung gebremst werden kann.

Einschätzung: Sehr wichtig, aber schwer umsetzbar und unverbindlich

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Gemäss einer Studie hat rund ein Drittel aller Bundessubventionen eine potenziell schädigende Wirkung auf die Naturvielfalt und die Landschaft.

Wichtigste Zielsetzungen: Die Anreize des Steuer- und Finanzsystems sollen bis 2015 überprüft werden. Anreize, die der biologischen Vielfalt abträglich sind, müssen bis 2020 beseitigt sein. Bis dann sollen auch allfällige Botschaften für Gesetzesrevisionen erarbeitet sein.

Einschätzung: Sinnvolle Ziele, deren Erreichung aber vollkommen von der Politik abhängig ist.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Der Wert einer intakten Umwelt wird in den gängigen Messgrössen wie dem Bruttoinlandprodukt (BIP) nicht erfasst. Die Schweiz prüft deshalb, inwieweit andere Indikatoren den Wert eines Lebensraums erfassen können. Identifiziert wurden 23 Ökosystemleistungen, die eine quantitative Beschreibung des natürlichen Kapitals erlauben sollen.

Wichtigste Zielsetzungen: Die Ökosystemleistungen werden bis 2020 erfasst und ergänzen das BIP.

Einschätzung: Pionierleistung, Schweiz könnte Vorreiterrolle einnehmen.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Das Wissen über die biologische Vielfalt ist sowohl in der Bevölkerung als auch in Politik und Wirtschaft nur noch marginal vorhanden.

Wichtigste Zielsetzungen: Bund, Kantone und Gemeinden stärken mit Kommunikationsaktivitäten das Bewusstsein aller Akteure. Schülern und Studenten sollen Grundkenntnisse vermittelt werden. Forscher sollen sich besser vernetzen.

Einschätzung: Die Ziele gehen nicht über die bestehenden Aktivitäten hinaus.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Grünräume in Städten und Dörfern sowie drum herum sind für den Menschen und die Umwelt gleichermassen wichtig. Die heutige Raumplanung trägt diesen Frei- und Grünräumen zu wenig Rechnung.

Wichtigste Zielsetzungen: Das Potential der Raumplanung zur Schaffung und Erhaltung von Frei- und Grünräumen soll ausgeschöpft werden.

Einschätzung: Sinnvoll, aber wenig konkret. Konflikte mit anderen Nutzern sind zudem programmiert.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Die Länder arbeiten nur unzureichend zusammen, um den globalen Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen.

Wichtigste Zielsetzungen: Die Schweiz setzt sich im Rahmen der Staatenbündnisse, Staatenverträge und Konventionen für den Erhalt der globalen Biodiversität ein.

Einschätzung: Die Zielsetzung geht nicht über das normale Engagement der Schweiz hinaus, formuliert aber zumindest alle Handlungsfelder.

Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.

Die Strategie lässt sich nur umsetzen, wenn die Veränderungen der biologischen Vielfalt dokumentiert werden. Es braucht eine Bestandesaufnahme, basierend auf dem bereits bestehenden nationalen Monitoring.

Wichtigste Zielsetzungen: Veränderungen in Ökosystemen, Arten und der genetischen Vielfalt werden bis 2020 überwacht.

Einschätzung: Datenberge werden generiert. Ob sich der riesige Aufwand lohnt, um den Verlust der Biodiversität zu stoppen, ist fraglich.