Mon ist ganz auf Bio eingestellt. Die sieben Landwirte des Bündner Dorfs am Hang über Tiefencastel sind allesamt Biobauern, und das einzige Restaurant vor Ort tischt konsequent Biologisches auf. Die grossen Schilder des Bio-Suisse-Labels machen klar: Hier ist Bioland. Doch wie lange noch?

Die Weichen in der Landwirtschaftspolitik sollen neu gestellt werden. Der Bund will die Direktzahlungen gezielter ausrichten. Der Unmut unter den Biobauern ist gross – vor allem in Berggebieten. Sie befürchten, weniger Unterstützung zu bekommen. Einer, der sich vor den Kopf gestossen fühlt, ist Daniel Albertin, Biobauer und Gemeindepräsident von Mon: «Wenn die in Bern sich nicht zu unseren Gunsten entscheiden, höre ich auf», sagt der 38-jährige CVP-Politiker, während er durch seine leeren Laufstallboxen geht.

Den Stall hat er vor wenigen Jahren den neuen Richtlinien für tiergerechte Haltung angepasst. Die Tiere verbringen den Sommer auf der Alp, nur ein paar Kälber sind beim Hof auf der Weide. Ein paar Hühner und Hasen hoppeln durch ihr Freigehege neben dem 2001 neu gebauten Wohnhaus.

Albertin betreibt mit seiner Frau Tanja, einer Tierärztin, den Eltern und einem Lehrling den Biohof. Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage. Zu sehr hängen er und seine Familie – gerade die Töchter im Alter von vier und zehn Jahren – an der Landwirtschaft. Bio aber würde er seinlassen. Sein Blick schweift über Dorf und Tal. Ein herrlicher Ausblick. Milde stimmt er aber nicht.

Sauer macht Albertin die Neuausrichtung der Direktzahlungen, die ab 2014 gelten soll. Im ersten Entwurf wollte das Bundesamt für Landwirtschaft die Biobeiträge für gesamtbetrieblich geführte Biohöfe fallen lassen. Der Protest war gross. Im Bericht des Bundesrats zu den Direktzahlungen sind die Biobeiträge zwar wieder vorgesehen, doch die Biobauern sind skeptisch. Noch ist nicht entschieden, wie sie konkret aussehen werden. Oder ob sie in der politischen Diskussion wieder gekippt werden.

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6000 Franken jährlich vom Bund

Doch die Biobeiträge sind nur das eine: «In den letzten Jahren wurden die Produktionsvorschriften im Biobereich laufend verschärft, ohne dass wir entsprechend mehr für unsere Produkte erhalten hätten», sagt Albertin. Die letzte Anpassung erfolgte Anfang Jahr. Seitdem muss er seinen Tieren 100 Prozent Biofutter geben. Zuvor durfte ein Fünftel aus konventionellem Anbau stammen.

Die Familie betreibt mit 40 Hektaren einen mittleren Landwirtschaftsbetrieb. 20 Mutterkühe, elf Milchkühe, Aufzucht und Biokalbmast – eine für die Region typische Betriebsstruktur. «Die Sache ist ganz einfach», rechnet Albertin vor: 6000 Franken jährlich erhalte er an Beiträgen für den biologischen Landbau. Für das teure und rare Biokraftfutter bezahle er nun rund 4000 Franken mehr. «Werden die Beiträge weniger, lege ich drauf. Und das mache ich bestimmt nicht mit.»

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Damit steht er nicht allein da. Laut einer Studie der Forschungsanstalt Agroscope spielen 15 Prozent der Biobauern mit dem Gedanken aufzuhören. Paradox: Die Nachfrage nach Bioprodukten steigt und steigt – im vergangenen Jahr um 11,2 Prozent.

Marcel und Sabina Heinrich aus dem zehn Kilometer entfernten Filisur wollen vorerst nicht aussteigen: «Für uns kommt nur der Biolandbau in Frage», sagt der 38-Jährige, der über Jahre am Biokreislauf seines Hofs gefeilt hat. Vor allem die tiergerechte Haltung liegt der Familie mit drei Mädchen im Alter von sechs bis zwölf am Herzen. Am Stall hängt neben dem Schild mit der Knospe auch jenes von KAG, dem tierfreundlichsten Schweizer Biolabel.

Heinrichs sind Vertreter einer jüngeren Generation Biobauern, die vieles ausprobiert und diverse Standbeine aufgebaut hat: ein zum Hoflädeli umgebauter Holzwagen, in dem unter anderem Trockenfleisch und Sirup aus Eigenproduktion verkauft werden, eine kleine Stallbeiz, ein Laufstall, ein Feld mit Blumen zum Selberpflücken.

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Notfalls ohne Label: Marcel und Sabina Heinrich wollen vorerst beim Biolandbau bleiben.

Quelle: Yannick Andrea

«Von Idealismus lässt sich nicht leben»

Die Familie hat 30 Hektaren Landwirtschaftsfläche, 20 Mutterkühe, neun Milchkühe. Neben der Biokalbmast setzt sie auf Kartoffeln – auf rare, alte Sorten. Mit den fünf Lamas bieten sie Trekkings an, drei Esel und fünf Pferde leben zur Pension hier, die Hühner liefern Eier für das Lädeli. Rechnet sich das? «Bis jetzt mussten wir nicht drauflegen», sagt Marcel Heinrich. Nicht zuletzt, weil er nebenbei als Forstinstruktor in seinem herkömmlichen Beruf tätig ist.

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Auf dem Hof stehen keine grossen Maschinen – Traktor, Anhänger, Lader teilen Heinrichs mit ihren Nachbarn. Freunde helfen mit. Dass er nicht voll auf Milchwirtschaft gesetzt habe, sei ein Vorteil, so Heinrich. Besorgt ist er jedoch über die Folgen der befürchteten Ausstiegswelle unter den Biobauern: «Woher soll ich dann meine Biokälber beziehen, woher das Biofutter? Das wird eine fatale Kettenreaktion geben.»

Daniel Albertin stört sich an den Erwartungen der Gesellschaft: «Von uns Bauern wird Idealismus verlangt. Doch davon lässt sich nicht leben.» Gerade weil die Landwirte heute mehr denn je unternehmerisch denken müssten, gelte: «Soll der Biolandbau funktionieren, muss er nachhaltig sein, auch für die Familie.» Sprich: Der Betrieb muss in einer angemessenen Zeit entschuldet, die Altersvorsorge gesichert und die Ausbildung der Kinder gewährleistet sein.

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Es geht schlicht darum, ob sich der Biolandbau in Zukunft noch lohnt. Jahrelang hat der Bund Anreize geschaffen, auf ökologischere Landwirtschaftsformen umzustellen. Albertin macht kein Hehl daraus, dass er wegen der lukrativeren Beiträge umgestellt habe: zuerst auf integrierte Produktion (IP), Mitte der neunziger Jahre dann auf Bio. «Bern lenkt die Landwirte in die Richtung, in der man sie haben will», sagt er nüchtern.

Der Bund versucht, die Wogen zu glätten: «Die Befürchtungen sind unbegründet. Biobeiträge sind weiterhin vorgesehen», so Christoph Böbner, Vizedirektor des Bundesamts für Landwirtschaft. Weil das nicht von Anfang an so war, zweifeln die Bauern am Stellenwert, den der Biolandbau beim Bund hat. Der Bündner SP-Nationalrat Andrea Hämmerle will mit einer parlamentarischen Initiative den gesamtbetrieblichen Biolandbau in der Verfassung verankern und ihm so die Unterstützung des Bundes sichern. Und der Bündner Bauernpräsident und BDP-Nationalrat Hansjörg Hassler verlangt in einer Interpellation, die Flächenbeiträge für den biologischen Landbau auf 400 Franken pro Hektare zu verdoppeln.

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Und wenn das nicht reicht? Marcel Heinrich weiss nicht, wie es dann weitergehen soll. Eine Möglichkeit sei, ohne Label weiterzumachen und verstärkt auf Direktvermarktung zu setzen. Albertin dagegen wird die strengen Biovorschriften nicht mehr eins zu eins umsetzen. Was er nicht so dramatisch sieht: «Während der Jahre als Biobauer ist bei einigen das Bewusstsein für den Umgang mit der Natur und den Tieren gereift», sagt er. Die Zeiten, in denen tonnenweise Handelsdünger über die Weiden geschüttet wurde, seien vorbei. Hofft er.

2007 wurden 6200 Biohöfe gezählt – 3,4 Prozent weniger als 2005. Gut 2,8 Milliarden Franken werden jährlich an Direktzahlungen an die Landwirtschaft ausgezahlt, rund ein Prozent davon sind Biobeiträge.