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Chauvet-Höhle«Diese Höhle ist voller ­Geschichten»

Der Regisseur Werner Herzog über seinen in der Schweiz angelaufenen Film «Die Höhle der vergessenen Träume», die Faszination für Höhlenmalerei und darüber, wie ihn das Erlebnis Höhle verändert hat.

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Werner Herzog, 69, ist einer der renommiertesten Regisseure Deutschlands. In seiner Heimat ­wurde er oft angefeindet, weil er nicht davor zurückschreckt, das Grauen darzustellen. Sein Film «Fitzcarraldo» (1982) mit Klaus ­Kinski sorgte wegen wüster Szenen beim Dreh für einen Skandal. Herzog wuchs in einem oberbayrischen Dorf auf. Sein Regiedebüt finanzierte der 19-Jährige mit seiner Arbeit als Schweisser. Er führte bisher bei über 50 Filmen Regie, ­veröffentlichte ein Dutzend Bücher und inszenierte ebenso viele Opern. Sein Dokumentarfilm «Die Höhle der vergessenen ­Träume» (2010; Originaltitel: «Cave of Forgotten Dreams») hat in den USA bereits fünf Millionen Dollar eingespielt.

BeobachterNatur: Herr Herzog, wie kamen Sie dazu, den Film über die Bilder in der Chauvet-Höhle zu machen?
Werner Herzog: Es war ein unglaubliches Privileg. Dass ein Bayer einen Film über ein franzö-sisches Kulturdenkmal macht, liegt ja nicht auf der Hand. Ich habe vorgeschlagen, den Film im Auftrag des französischen Staates gegen ein ­Entgelt von einem Euro zu machen. Das hat das Kultusministerium wohl überzeugt. Und ich musste natürlich darlegen, dass ich nicht völlig laienhaft an die Sache herangehe.

BeobachterNatur: Seit wann interessieren Sie sich für ­Höhlenkunst?
Herzog
: Ich habe mich ein Leben lang damit beschäftigt. Ich war zwölf, als ich in der Auslage einer Buchhandlung einen Band über die Malereien in der Lascaux-Höhle entdeckte. Und ich wusste: Dieses Buch muss ich ­haben. Das nötige Geld dafür habe ich als Balljunge auf Tennisplätzen verdient. Der Schauder, den ich damals beim Aufschlagen des Buches gefühlt habe, der ist geblieben.

BeobachterNatur: Sie haben als einer von wenigen Menschen auf diesem Planeten 32'000 Jahre zurück in die Vergangenheit geblickt. Hat Sie diese ­Erfahrung verändert?
Herzog: Nein, das wäre wohl zu viel verlangt. (lacht)

BeobachterNatur: Wie meinen Sie das?
Herzog
: Die Drehgenehmigung galt für sechs Tage. Wir durften uns pro Tag nur vier Stunden in der Höhle aufhalten, nichts berühren, keinen Fuss auf den Höhlen­boden setzen, keine Kamera abseits des schmalen Metallstegs aufstellen. Wir mussten also von dem Moment an, als wir die Höhle betraten, absolut professionell und unter grossem Zeitdruck arbeiten. Da gab es keine Möglichkeit für Reflexion. Das kam erst hinterher.

BeobachterNatur: Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Herzog
: Ich bin jeweils noch ein paar Minuten völlig alleine in der Höhle geblieben. Das ist dann so still, dass man seinen eigenen Herzschlag hört. Und dann erst sinkt etwas in einen hinein, was jenseits der Arbeit ist.

BeobachterNatur: Das klingt fast nach einer spirituellen ­Erfahrung …
Herzog
: Nein, da gehen Sie zu weit. Mit einem New-Age-Trip hat das nichts zu tun. Es geht ganz einfach ums Staunen: Staunen über ein grosses Rätsel. Denn wir wissen nichts über die Menschen, die diese Malereien hinterlassen haben. Die Höhlen waren ja nicht bewohnt, abgesehen von Höhlenbären, die dort überwinterten. Aber wir haben materielle Funde aus ­anderen Höhlen, anhand deren wir uns ein Bild machen können. Wir wissen zum Beispiel, dass es damals schon Flöten gab.

BeobachterNatur: Sie sprechen im Film davon, dass die Malereien der Chauvet-Höhle das «­Erwachen des modernen Menschen» ­markieren. Wie kommen Sie darauf?
Herzog
: Das ist keine Erfindung von mir, diese Auffassung teilen die meisten Wissenschaftler. Bei den Neandertalern, die zur selben Zeit in der Gegend lebten, sind keine solchen Anzeichen von Kultur zu erkennen. Aber die Chauvet-Höhle zeigt deutlich, dass beim Homo sapiens sapiens kulturelle Impulse da sind. Impulse, die uns heute noch bewegen.

BeobachterNatur: Was hat Sie am meisten bewegt?
Herzog
: Das Erstaunlichste an diesen Malereien ist ihre Vollkommenheit. Es fängt nicht primitiv an mit Kritzeleien. Auf einmal tritt uns Malerei entgegen, die 32'000 Jahre alt ist und die qualitativ auf einer Ebene mit dem ist, was wir aus der Kunstgeschichte kennen. Dazu kommt diese Intensität. Eine Gruppe von Höhlenlöwen starrt gebannt auf etwas, schleicht sich womöglich an ihre Beute an. Da steckt ein solches Drama in diesen Bildern, das ist absolut bemerkenswert.

BeobachterNatur: Was Sie gerade schildern, erinnert an ­Geschichten, wie sie uns im Kino erzählt werden.
Herzog
: In gewissem Sinn werden uns in der Höhle kleine Storys erzählt, manchmal sogar in laufenden Bildern, was wie vorzeitliches Kino wirkt. Da gibt es einen ­galoppierenden Bison mit acht Beinen oder eine Löwin, die sich an der Flanke des Männchens reibt. Die Höhle ist voller solcher Geschichten, die wir nicht alle ­filmen konnten.

BeobachterNatur: Weshalb?
Herzog
: Weil sie unzugänglich waren. Wie die Spuren eines Jungen und eines Wolfs, die zehn bis zwölf Meter vom Steg entfernt sind: Wir wissen nicht, ob der Wolf den Jungen verfolgt hat oder ob sie als Freunde nebeneinander herliefen. Vielleicht liegen die Spuren zeitlich aber auch 5000 Jahre auseinander. Wie es wirklich war, werden wir wohl nie erfahren.

BeobachterNatur: Sie wollten den Film anfangs nicht in 3-D filmen. Dabei liegt 3-D für einen Film über eine Höhle doch auf der Hand.
Herzog
: Ich bin kein Freund dieser Technik, aus fundamentalen Erwägungen. Und ich dachte zuerst gar nicht an 3-D, weil die Fotos, die ich gesehen hatte, so wirken, als wären es flache Wände, auf denen die Malereien platziert wurden. Aber als ich vor Drehbeginn kurz in der Höhle sein durfte, war mir bereits nach den ersten Schritten klar, dass es ein dreidimensionaler Film sein musste. Schon die steinzeitlichen Maler haben die dramatischen Formen, Ausbuchtungen, Nischen und hängenden Felsteile der Höhle als Ausdrucksmittel genutzt. Wieso sollte ich es ihnen nicht gleichtun?

BeobachterNatur: Sie sind Regisseur, Drehbuchautor und Sprecher in einem. Verträgt sich diese ­Subjektivität mit dem Genre des Dokumentarfilms?
Herzog
: Natürlich! Dass es Objektivität in Dokumentar­filmen gibt, ist eine völlig unsinnige Annahme. Jeder Kamerawinkel ist bereits eine persönliche Entscheidung und eine Beeinflussung von Realität. Ich stilisiere in meinen Dokumentarfilmen, bringe Dinge hinein, die scheinbar nichts mit dem Sujet zu tun haben. Wie die radioaktiven Albinokrokodile in «Höhle der vergessenen Träume».

BeobachterNatur: Helfen Sie uns, das Rätsel zu lösen: Was haben die Krokodile, die sich im Abwasser eines benachbarten AKWs tummeln, mit dem Rest des Films zu tun?
Herzog: Es geht um unterschiedliche Sehweisen. Um die Frage, wie andere Kulturen diese Gemälde sehen, wie unter Umständen Tiere diese Gemälde sehen. Die Sequenz ist ein wüster Ausbruch in eine Science-Fiction-Phantasie. Das Publikum liebt so etwas. Es möchte zu wilden Phantasien ­angeregt werden. Und es funktioniert: Wer immer den Film gesehen hat, redet über die Albinokrokodile.

Veröffentlicht am 28. November 2011

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1 Kommentar

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Martin Johner
Wir haben heute diesen wunderbaren Film gesehen und haben wieder einmal das Staunen erleben dürfen, obwohl wir die Höhle dank einer vorzüglichen, illustrierten Publikation bereits kannten. Uns ist nicht ganz klar geworden, warum die Entdecker dieser mysteriösen Höhle, welche eine enorme Vorarbeit geleistet haben, nicht zu Wort gekommen sind. Alles übrige verdient unsere volle Anerkennung.

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