BeobachterNatur: Herr Colat, sind Sie ein Fisch?
Colat: Das hat meine Frau auch schon gefragt. Aber nein, ich habe weder Flossen noch Kiemen.

BeobachterNatur: Trotzdem können Sie länger als 21 Minuten ohne Luft unter Wasser bleiben. Normalerweise sind Menschen nach drei Minuten tot.
Colat: Bevor ich tauche, pumpe ich mich mit reinem Sauerstoff ab der Flasche auf. Ohne Hilfsmittel schaffe ich bloss acht Minuten.

BeobachterNatur: Das ist immer noch zweieinhalb Mal über den tödlichen Zeitraum hinaus. Wie ist das möglich?
Colat: Ich trainiere jeden Tag. In meiner Lunge haben ­inzwischen zehn statt nur vier Liter Luft Platz. Und wenn ich abtauche, schalte ich auf Sparmodus – die Körpertemperatur nimmt ab, und der Puls sinkt auf 20 Schläge pro Minute.

Anzeige

BeobachterNatur: Gut trainierte Ausdauersportler haben einen ­Ruhepuls von 40 Schlägen pro Minute.
Colat: Sobald der Körper ganz unter Wasser ist, sinkt der Puls. Das ist ein Reflex, den wir mit Delphinen und anderen Meeressäugern gemeinsam haben. Für einen möglichst tiefen Puls muss man sich allerdings optimal entspannen. Das ist dann eine Kopfsache.

BeobachterNatur: Wie entspannt man sich auf Kommando?
Colat: Ich denke nur an schöne Momente und lasse mich von einem Gedanken zum nächsten ­treiben – ich sehe meine Tochter beim Spielen oder rufe Bilder eines Tauchgangs ab.

Peter Colat hat Ende September zum dritten mal den Guinness-Rekord im statischen Tauchen gebrochen: Er war 21 Minuten und 33 Sekunden unter Wasser, ohne zu atmen. Der 40-Jährige trainiert meistens im Hallenbad. Im Vierwaldstättersee taucht der Familienvater und Architekt jedes Jahr am 1. Mai, wenn die Schweizer Freitaucherszene sich zum Grillplausch in der Zentralschweiz trifft.

BeobachterNatur: Trotzdem: 21 Minuten – länger als die Tagesschau! Verursacht das keine bleibenden Schäden?
Colat: Ich wüsste nicht, dass ich welche hätte. Aber man muss seine Grenzen kennen. Wenn man in Ohnmacht fällt, hat man sie überschritten. Mir ist das zum Glück noch nie passiert.

BeobachterNatur: Sonst wären Sie ertrunken.
Colat: Beim statischen Tauchen, also beim Luftanhalten knapp unter der Wasseroberfläche, steht immer ein Buddy bereit. Er fordert einen regelmässig auf, ein Zeichen mit dem Finger zu ­geben. Bleibt es aus, holt er den Taucher raus.

BeobachterNatur: Sie tauchen nicht nur lang, sondern auch tief.
Colat: Mit 65 Metern halb so tief wie der Weltrekordhalter.

BeobachterNatur: Wie fühlt man sich da unten?
Colat: Gut. Richtig gut.

BeobachterNatur: In dieser Tiefe ist der Druck so gross, als lasteten rund acht Kilo auf jedem Quadratzentimeter Ihres Körpers. Wie kann man sich da gut fühlen?
Colat: Der Druck ist gewaltig, aber man weiss auch, dass man sein Ziel erreicht hat.

BeobachterNatur: Hatten Sie schon einmal einen Tiefenrausch?
Colat: Nein, dafür müsste ich in Tiefen gehen, in die man sich von einem Schlitten ziehen lassen muss. Das mache ich nicht, weil man da völlig abhängig von der Technik ist – versagt sie, bleibt man unten.

BeobachterNatur: Warum tauchen Sie überhaupt ohne Ausrüstung? Mit wäre doch viel einfacher.
Colat: Erstens: Das kann jeder. Und zweitens ist ­Freitauchen viel schöner. Keine Flasche, keine Schläuche, kein Geblubber. Nur Stille – ein ­Gefühl von absoluter Freiheit.

Anzeige

BeobachterNatur: Schön riskant. Sie selber haben Anfang Jahr ­einen Freund beim Eistauchen verloren.
Colat: Das ist so. Leider.

BeobachterNatur: Wie haben Sie seinen Tod verarbeitet?
Colat: Das ist noch nicht vorbei. Es kommt mir ­praktisch jeden Tag in den Sinn.

BeobachterNatur: Trotzdem machen Sie weiter.
Colat: Im ersten Moment habe ich mir schon überlegt aufzuhören. Aber ich mag den Sport immer noch – und mein Freund hätte sicher nicht gewollt, dass ich nicht mehr ins Wasser steige.