1. Home
  2. Umwelt
  3. Flora & Fauna
  4. Energieweg: Von der Sonne zum Wind

EnergiewegVon der Sonne zum Wind

Mit Kindern wandern kann ganz schön anstrengend sein. Es sei denn, es gibt unterwegs viel zu erleben und etwas zu lernen. Genau das bieten Themenpfade. Was taugen sie? Ein Selbstversuch auf dem «Sentier découverte» bei Saint-Imier.

Christoph plant den Marsch vom Mont Soleil auf den Mont Crosin, der allerdings auch bestens ausgeschildert ist.
von

Es ist nicht so, dass Christoph (10) und Franziska (8) zum ersten Mal wandern. Sie sind regelmässig in den Bergen unterwegs, wissen, wie man Bäche staut und dass man an exponierten Stellen besser auf die Fussspitzen als in den Himmel schaut. Aber turmhohen Windturbinen begegnet man nicht alle Tage, und Christoph ist ein Fan von Wind- und Sonnenenergie, also scheint der «Sentier découverte» im Berner Jura genau das Richtige zu sein.

Dieser Erlebnispfad führt vom Mont Soleil zum Mont Crosin respektive vom Solarkraftwerk, das auch Forschungs- und Demonstrationsanlage ist, zum Windkraftwerk. Wir befinden uns auf knapp 1200 Metern über Meer. Unten liegt Saint-Imier, südlich davon überragt der Chasseral die umliegenden Jura-Hügel.

Christoph und Franziska sind die einzigen Kinder, die an diesem Nachmittag von Posten zu Posten gehen. Ohne diese elf Stationen könnte man den gut vier Kilometer langen Weg in einer knappen Stunde zurücklegen, aber wir sind ja hier, um etwas zu lernen, also haben wir das Doppelte an Zeit eingerechnet.

Drei Fussballfelder mit Solarzellen

Das Abenteuer beginnt bereits unten in Saint-Imier. Da steht, am Fusse des Mont Soleil, die Talstation der Standseilbahn. Sie werde mit «sauberer» Energie betrieben, heisst es. Christoph meint unbeeindruckt: «Ich habe schon bessere gesehen.» Doch die Kabine erklimmt in rasantem Tempo über 400 Höhenmeter, es gibt keine langen Wartezeiten, keinen Stromausfall, alles funktioniert bestens – wir befinden uns ja in der Region der Präzisionsarbeit, wo namhafte Luxusuhren wie Longines und Blancpain herkommen und neuerdings sogar Instrumente für die Raumfahrt.

Es überrascht denn auch nicht, dass auf dem Mont Soleil eine Sternwarte steht. Die lassen wir aber links liegen – uns drängt es auf den Erlebnispfad, der beim Solarkraftwerk beginnt, etwas oberhalb der Bergstation. An einem verwaisten Hotel vorbei, zwischen Nadelbäumen hindurch, auf eine asphaltierte Strasse – und schon sehen wir etwas in den Himmel ragen. Sind wir auf dem falschen Berg gestartet? Nein, bereits auf dem Mont Soleil, dem «Sonnenberg», stehen Windturbinen. 100 Meter ragen sie in die Höhe, kein besonders schöner Anblick eigentlich, aber Franziska und Christoph blicken ganz andächtig in den Himmel.

Die Panels des Solarkraftwerks sind schon von weitem zu erkennen, sie glänzen in der Sonne: in steilem Winkel zum Boden aufgestellte Zellen von 20'000 Quadratmetern Fläche. So riesig sieht das nicht aus, aber es entspricht der Grösse von drei Fussballfeldern, und das beeindruckt den Fussballfan Christoph dann doch.

Eine Tafel begrüsst die wissensdurstigen Wanderer: «Sentier découverte. Mont Soleil – Mont Crosin. Bienvenue!», steht da, darunter ein Comic-Einhörnchen, das in die falsche Richtung zeigt. Wir halten uns an den Weg und gelangen zur Solarzellen-Forschungsanlage. Die hier gewonnenen Erkenntnisse halfen beim Bau des weltweit grössten Solarschiffs: Seit 2001 gleitet der Katamaran «MobiCat» über die Jura-Seen. Auch das Stade de Suisse in Bern und «Solar Impulse», das Solarflugzeug von Bertrand Piccard, profitieren vom auf dem Mont Soleil generierten Wissen. Seit 1992 ist die Testanlage in Betrieb. Sie soll Möglichkeiten und Grenzen der Nutzung von Sonnenenergie aufzeigen und produziert dabei Strom, der für 200 Haushalte reichen würde.

Die 100 Meter hohen Windturbinen machen gewaltig Eindruck auf die Kinder.
Quelle: Alexander Jaquemet

Kinder wollen etwas erleben

Das «Labor» wirkt nicht gerade einladend: ein nüchterner Betonbau hinter einem Gitterzaun. Die Zuschauer finden auf einer Terrasse allerlei Informationen zu den einzelnen Solarzellen, die hier getestet werden. Es handle sich um Neuentwicklungen, die aktuelle Leistung lasse sich auf dem Display ablesen, wenn man den Schalter betätige. Das lassen sich Christoph und Franziska nicht zweimal sagen, sie drücken. Und drücken. Und drücken nochmals. Das Display bleibt dunkel. Jetzt könnte man alternativ allerlei zu den aus Japan, den USA, Deutschland und auch der Schweiz stammenden Testgeräten lesen, aber das ist den Kindern dann doch zu technisch. Also zurück auf den Pfad.

Endlich der erste Posten. Das Comic-Einhörnchen trägt hier eine dunkle Brille und brutzelt Spiegeleier unter der kugelrunden Sonne. Von Silizium, Photonen und Elektronen ist auf der Tafel die Rede. Christoph wirft einen kurzen Blick darauf und ruft: «Weiter, weiter, wir sind doch hier, um etwas zu erleben!» Bei den weiteren Posten werden Flora und Fauna, das Panorama, die Geologie erklärt, und der Verkehrsverein Saignelégier, der Posten drei gesponsert hat, hat sich für Eigenwerbung entschieden: «Entdecken Sie den Nordjura!», dazu ein Text über die Freiberge.

Heutzutage hat jede Gegend und jede Gemeinde, die etwas auf sich hält, einen oder mehrere Themen- und Lehrpfade. Viele richten sich an Kinder und erfüllen auch den Zweck der Werbung für die Tourismus-Destinationen. Kinderfreundlichkeit ist zu einem wichtigen Faktor geworden. So gibt es in Guarda den Schellen-Ursli-Weg und in Lenzerheide den Globi-Wanderweg. Die Mehrheit der Themen- und Lehrpfade vermittelt aber Wissen zu Pflanzen und Tieren der Umgebung (siehe «Für Kinder»). Interessant sind Lehrpfade für Kinder aber vor allem, wenn sie zum Spielen einladen wie der Grimmimutzweg im Diemtigtal oder die Muggestutz-Zwergenwege auf dem Hasliberg.

Ist ein Experiment mit Spielen verbunden, sind Kinder bereit, auf einem Ausflug etwas zu lernen, wie hier beim Stromerzeugen im Karussell.
Quelle: Alexander Jaquemet

Kein Wort über den CO2-Ausstoss

Christoph und Franziska haben genug von komplizierten Informationen und freuen sich über Posten fünf. Hier können sie aktiv werden. Konkret: Energie erzeugen. Sie setzen sich in das eiserne Gestell und ziehen am Kreisel in der Mitte, sodass sich das Karussell zu drehen beginnt. Eine Anzeige gibt Auskunft, wie viel Leistung sie mit ihrer Muskelkraft erzeugen: ganze 80 Watt. Die angeschlossene Lampe flackert. Der Mann im Tross hilft nach – 140 Watt, mehr sogar! Jetzt leuchtet die Lampe hell, Christoph und Franziska quietschen, Haare fliegen. Wird ihnen nicht schlecht dabei? «Neeeein! Das ist lustig!»

Den Erwachsenen indes wird flau im Magen, vom blossen Zuschauen. Während die Kinder sich im Kreis drehen, wenden sie sich dem Statischen zu – Informationen zu Energie. Man lernt, dass das nur beschränkt vorhandene Erdöl und Erdgas mehr als zwei Drittel unseres Energiebedarfs decken, Zahlen und Diagramme unterstreichen die Botschaft – aber kein Wort über die Problematik dieser Energiequellen, über CO2 und Klimawandel, stattdessen wird auf die beschränkten Möglichkeiten von Sonnen- und Windenergie hingewiesen. Der Solar- und Windenergie-Lehrpfad wurde von den Bernischen Kraftwerken (BKW) mitfinanziert. Ihnen gehören die Wind- und Solarkraftwerke hier oben, und sie sind an Kohlekraftwerken in Deutschland und Italien beteiligt.

Franziska sorgt für wohltuende Zerstreuung: «Wie lange lebt die Sonne noch?» Das wissen wir leider nicht so genau. «Lange. Ganz lange. Der Sonne gehts blendend. Und dem Wind übrigens auch», sagen wir.

Naturerlebnis ist nicht zu schlagen

Christoph hat die Windturbinen gezählt, die er bereits gesichtet hat – zwölf an der Zahl. Insgesamt sind es 16, die auf dem Grat oberhalb von Saint-Imier stehen, acht davon sind ganz neu, die BKW haben sie am 1. September in Betrieb genommen. An diesem Augusttag ruhen sie noch, keine Drehung, nichts. Die alten sind in Betrieb, es scheint, als würden sie jede Menge Energie erzeugen, aber wir werden eines Besseren belehrt. Pierre Berger, der die Anlagen wartet, kommt nicht ganz zufällig des Weges und führt uns ins Innere eines Turbinenmasts. Ein grosser Augenblick.

Christoph wird zu Hause als Erstes sagen: «Wir waren in einer Windturbine drin!» «Und was habt ihr gelernt?» Langes Schweigen. «Dass man Windenergie nicht speichern kann!», ruft Franziska. Und Christoph: «Dass Windmühlen nicht immer Strom erzeugen können!» Das hat uns Herr Berger erzählt. Die Turbinen müssen sich schnell drehen, sonst ist die Leistung zu schwach. Und was noch? Christoph: «Dass so ein Drehkarussell Energie erzeugen kann und dann ein Lämpchen brennt!» Franziska: «Dass es lustig ist, nachher in der Zeitung zu kommen.» Kicher, kicher.

Die Wanderung auf über 2000 Metern, die wir kurz zuvor unternommen haben, wo die Kinder Bäche stauen konnten und manchmal gut auf ihre Schritte aufpassen mussten, finden sie aber noch «viiiiiel lässiger».

Themen- und Erlebniswanderwege für Kinder

Barfuss gehen bei Gonten (AI) und Krummenau (SG)
Durch das Gontner Hochmoor oder auf dem Hochplateau Rietbach oberhalb von Krum­menau: Für einmal sind Sohlen und Zehen zuständig für die Sinneseindrücke.
Ideal für: die ganze Familie
Länge: 4,9 km bzw. 13 km
Barfussweg Gontner Hochmoor
Barfussweg Hochplateau Rietbach

Im Reich der Klänge im Toggenburg (SG)
Vogelgesang, Kuhglocken oder verschiedene Instrumente – Spaziergänger erfahren allerlei über Klänge. 23 verschiedene Instrumente können ausprobiert werden. Texttafeln ergänzen die Erlebnisse.
Ideal für: Kinder ab 6 Jahren
Länge: 6,3 km (drei Etappen, leicht)
Klangweg

Knobeln auf dem Chnobelweg bei Hemberg (SG)
Denken und tüfteln ist auf dem Chnobelweg angesagt: Wie bastle ich ein «schwebendes» Dach aus Nägeln, wie eine Pyramide aus zwei Holzklötzen oder einen Würfel aus einem Windrad?
Ideal für: Kinder ab 7 Jahren
Länge: 3 km (leicht) |
Chnobelweg

Spielen auf dem Märchenweg im Diemtigtal (BE)
Der Rundweg erzählt die Geschichte von Grimmimutz und der bösen Pfefferhexe. Die Posten laden aber auch zum Spielen ein und bringen Kindern die Natur näher.
Ideal für: Kinder ab 3 bis 4 Jahren
Länge: 3,5 km
Erlebnisweg Grimmimutz

Zwergen-Abenteuer auf dem Hasliberg (BE)
Der Klassiker: Die Kinder spielen die Abenteuer der Haslizwerge nach und schaukeln sogar durch die Luft.
Ideal für: Kinder von 4 bis 10 Jahren
Länge: 5 km
Muggestutz

Forschen auf der Alp Flix ob Savognin (GR)
Auf der Alp Flix erforschen Wissenschaftler die Biodiversität – und Kinder können es ihnen gleich tun. Mit einem Forscherkit (38 Franken) ausgerüstet begeben sie sich auf einen Parcours und erkunden die Artenvielfalt auf der Alp.
Ideal für: Kinder von 7 bis 12 Jahren
Dauer: etwa 2 Stunden
Forscherparcour Alp Flix

Mit Globi lernen, Lenzerheide (GR)
An 14 Posten entlang einem Höhenweg lernen Kinder (und Erwachsene) Wissenswertes über die Natur in der Region. Wer beim Globi-Quiz mitmachen will, bezieht gegen Depot (50 Franken) einen Rucksack mit Material zum Basteln, Raten und Schreiben.
Ideal für: Kinder ab 4 Jahren
Länge: 2 km (kurzer Weg, mit Kinderwagen begehbar) respektive 7 km (längere Route)
Globi-Wanderweg

Den Bären kennenlernen im Val Müstair (GR)
Im Schweizer Nationalpark führen die Themenwege «Süls stizis da l’uors» auf die Spuren der Bären. Einige Etappen richten sich speziell an Kinder – aber auch Erwachsene dürften Freude haben, wenn ihre Kinder mit Kuhschellen den Bärenblues spielen.
Ideal für: die ganze Familie
Länge: unterschiedlich, je nach Route
Bärenthemenweg

Auf dem Gäggersteg durch den Wald bei Schwarzenburg (BE)
1999 verwüstete der Sturm Lothar auch die Waldflächen des Gägger im Gantrisch-Gebiet. Ein Steg führt durch das Gebiet, das seither der Natur überlassen wird.
Ideal für: die ganze Familie
Dauer: etwa 90 Minuten
Gäggersteg

Bei den Bienen in Schafisheim (AG) und Pfäffikon (SZ)
Gemäss Albert Einstein würden wir ohne Bienen nicht überleben, doch sie sind selbst gefährdet. Höchste Zeit, zu erfahren, wie sie leben und arbeiten. Der Lehrpfad zeigt, wie ein Bienenstaat funktioniert, wie er Honig produziert und von welche ökologische Bedeutung das Bienenhalten hat.
Ideal für: die ganze Familie
Länge: 1 km bzw. 2,5 km
Bienenlehrpfad

Veröffentlicht am 01. Oktober 2010