Andreas Weber, 45, hat Biologie und Philo­so­phie studiert und ­arbeitet als Journalist («Geo», «Die Zeit», FAZ), Schriftsteller und Hochschuldozent. Er ist Vater zweier Kinder und lebt mit seiner Familie in ­Berlin und in Varese (I).

BeobachterNatur: Herr Weber, in Ihren Büchern fordern Sie Eltern dazu auf, ihre Kinder im ­Freien herumtoben zu lassen. Warum ist es so wichtig, dass sich Kinder die Hosen schmutzig machen?
Andreas Weber: Schmutz ist nicht das Entscheidende. Aber er ist eine nicht zu vermeidende ­Begleit­erscheinung, wenn man einem Kind Freiheit gibt. Das Wichtige am Herumtollen draussen ist, dass ein Kind dabei nichts erfüllen muss, dass es nicht bewertet wird.

BeobachterNatur: Können Sie das genauer erklären?
Weber: Die Natur ist ein erwartungsfreier Raum. Sie fordert nichts von uns – wie Katzen und Hunde, die auch kein Urteil über uns fällen. Zentral ist die ­Erfahrung von Lebendigkeit: In der Natur begegnen wir Pflanzen, Tieren, Spielkameraden, in denen wir uns spiegeln und so unsere ­eigene Lebendigkeit erfahren können. Kinder sind keine funktionalen Maschinen, sondern fühlende Subjekte. Wir müssen der kommenden Generation so viel Lebendigkeit wie möglich zugänglich machen.

BeobachterNatur: Kann man Lebendigkeit auch im Spielzimmer erfahren?
Weber: Erst einmal ist es wichtig, dass Kinder überhaupt spielen. Drinnen ­können sie auch viel lernen: über das ­Humane, So­ziale, Kulturelle. Die Erfahrung des Lebendigen aber machen sie vor allem draussen.

BeobachterNatur: Viele Eltern haben Angst davor, ihre Kinder unbeaufsichtigt im Freien spielen zu lassen.
Weber: Diese Angst ist eine ernstzunehmende Hürde. Ich hatte auch Schiss, als ich meinem Sohn die Schlüssel zum Schuppen gab mit der Aufforderung, ein Baumhaus zu bauen. Er und seine Kumpel sägten und hämmerten dann tagelang. Sie hatten ­einen Riesenspass, und passiert ist nichts.

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BeobachterNatur: Sie hatten vielleicht einfach nur viel Glück.
Weber: Immer mit dem Schlimmsten zu rechnen ist ein Ausdruck von Misstrauen dem ­Leben gegenüber. Unseren Kindern sollten wir eine andere Botschaft vermitteln: dass sie auf ihre Lebendigkeit, Stärke und Kraft vertrauen können.

BeobachterNatur: Viele Eltern fürchten, ihr Kind könnte Opfer eines Verbrechens werden.
Weber: Es gibt heute nicht mehr Gewaltverbrechen an Kindern als früher. Die Täter stammen oft aus dem eigenen Umfeld. Im Wald sind Kinder viel sicherer als auf dem Spielplatz. Und sie verletzen sich in der Wildnis auch weniger häufig.

BeobachterNatur: Wie kommt das?
Weber: Auf einem Spielplatz geht ein Kind davon aus, dass wenig passieren kann, dass es nicht aufpassen muss. Auf dem gepolsterten Spielplatz lernt das Kind nicht, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Im Wald weiss es: Jetzt muss ich genau überlegen, wie ich die Böschung hoch- oder trocken über den Bach komme.

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BeobachterNatur: Trotzdem geschehen Unfälle.
Weber: Natürlich. Wir sterben ja auch alle irgendwann. Ich plädiere nicht für diese dumme Öko-Esoterik-Haltung, die postuliert, dass die Natur und die Welt nur gut seien. Im Gegenteil: Das Risiko wird grösser, wenn man versucht, den Tod zu verdrängen. Es ist gesünder, zu sagen: Das Risiko ist da, dafür bin ich lebendig.

BeobachterNatur: Müssen Kinder auf die Nase fallen?
Weber: Kinder brauchen ein gewisses Mass an ­Risiko. Wir Menschen haben den Wunsch, uns zu bewähren, und nehmen in Kauf, dass es auch einmal schiefgehen kann. Dieser Wunsch folgt einem intuitiven ­Programm: Wie kann ich die Fülle dieser Welt erfahren?

BeobachterNatur: Viele Eltern wollen ihrem Kind negative Erfahrungen ersparen.
Weber: Es ist hart, sein Kind scheitern zu sehen. Aber dabei übt es Wirklichkeit, entwickelt Widerstandskraft. Und es realisiert, dass Scheitern nicht das Ende der Welt bedeutet. Ich falle in einen Bach, werde nass, friere, ziehe trockene Kleider an – und es ist völlig okay.

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BeobachterNatur: Scheitern als Lebensschule?
Weber: Genau. Wir Menschen wollen etwas hinkriegen, schwierige Situationen meistern. Das Leben ist eine permanente Heraus­forderung, die Bewältigung einer Dauerkrise. Das triumphale Gefühl, das sich einstellt, wenn wir eine Krise überwunden haben, das wollen wir immer wieder ­erleben.

BeobachterNatur: In Ihren Büchern idealisieren Sie eine Kindheit, wie sie Mark Twains Roman­figur Tom Sawyer am Mississippi ­erlebte. Ist das nicht pure Nostalgie?
Weber: Nostalgie ist auch mit dabei, ja. Ich kenne diesen Sog, die Dinge verklären zu wollen. Mein Vater hatte eine Tom-Sawyer-Kindheit, ich nicht mehr. Dafür habe ich zu oft mit meiner Modelleisenbahn ­gespielt. Im Übrigen sind die elementaren Erlebnisse auch in der Stadt möglich, dazu braucht es keine unberührte Wildnis.

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BeobachterNatur: Manche Neuropsychologen bestreiten den Nutzen von Naturerfahrungen für die kindliche Entwicklung. Andere Reize wie etwa Geigespielen seien ­genauso förderlich.
Weber: Musizieren ist natürlich toll, etwas höchst Kreatives. Auch der Gameboy trainiert gewisse Reflexe. Nur: Zur Ausbildung einer Gesamtpersönlichkeit reicht das nicht.

BeobachterNatur: Viele Kinder spielen nun mal lieber mit dem Gameboy als draussen.
Weber: Meine Kinder machen das zuweilen ja auch. Ich bin kein Fanatiker und sehe ein, dass es heute nicht mehr ohne Computer geht. Kinder sollen aber nicht nur mit ­fixfertigen Anleitungen spielen. Sie sollen die Möglichkeit haben, selber etwas zu ­erfinden, sich Geschichten auszudenken, schöpferisch tätig zu werden. Beim Spielen soll es nicht um Leistung gehen, wie das bei vielen Games der Fall ist. Schule, Sport, Klavierunterricht, all das funktioniert schon nach dem Leistungsprinzip. Spielen hat aber mit Nützlichkeit nichts zu tun. Spielen soll zweckfrei sein. Auf dem Spielplatz einfach mal abhängen, Gleichaltrige treffen – das brauchen Kinder.

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BeobachterNatur: Können Spielplätze die Natur ersetzen?
Weber: Ich will das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Natürlich sind Spielplätze besser als gar nichts. Noch besser wäre es aber, den Kindern die Strasse zu öffnen. In Berlin plane ich ein Projekt, bei dem Kinder aus einer Strasse eine Spiel­installation machen und dabei ihre ganze Kreativität ausleben können. So würden sie die Stadt in Wildnis zurück­verwandeln.

BeobachterNatur: Können Kinder, die kaum Natur­erlebnisse hatten, noch erfolgreich «ausgewildert» werden?
Weber: Ja, klar. Anfangs können sie mit der neuen Freiheit nicht umgehen, sie müssen sich erst orientieren. Aber nach ein paar Tagen Waldschule oder Wildniscamp öffnen sich ihre Augen. Die Kinder entwickeln einen Blick dafür, was in der Natur vor sich geht; ihre Sinne werden geschärft.

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BeobachterNatur: Werden Kinder in der Natur klüger?
Weber: Der Effekt ist nicht grössere Klugheit, sondern eine intensivere Existenz. Studien zeigen auch, dass Kinder, die sich regelmässig in der Wildnis erholen, besser mit Stress klarkommen. Natur tröstet Kinder in traurigen oder konfliktreichen Situa­tionen.

BeobachterNatur: Selbst im Wald stehen heute ­Verbotsschilder. Wie sollen Kinder da Natur erleben?
Weber: Das ist ein echtes Problem. Natur wird heute als Museum angesehen, als etwas Zerbrechliches, das man in einer Vitrine ausstellt. In vielen Nationalparks darf man die Wege nicht verlassen. Es gibt dort eine scharfe Trennung: hier das Schutz­gebiet, da die Kinder. Das macht mich ­wütend.

BeobachterNatur: Menschen können in Naturschutz­gebieten viel Schaden anrichten.
Weber: Natürlich machen Kinder hie und da auch einmal ­etwas kaputt, köpfen eine Distel, verletzen einen Frosch. Das müssen wir riskieren, wenn wir die Grenzen zwischen Mensch und Natur aufweichen wollen. ­Umgekehrt heisst das auch, dass wir mehr Natur in die Stadt zurückholen müssen. In manchen Parks könnten wir Bauernhoftiere halten, das wäre durchaus machbar.

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BeobachterNatur: Benötigt die Natur in Ihren Augen also gar ­keinen besonderen Schutz?
Weber: Doch, wir müssen die Natur schützen. Nur sollten wir vom Bambi-Syndrom wegkommen, von der Vorstellung, dass Natur fragil und niedlich ist. Damit machen wir einen Riesenfehler.

BeobachterNatur: Weil Natur auch brutal, unerbittlich und gefährlich sein kann?
Weber: Genau. Zur Naturerfahrung gehört auch, dass wir darin zu Schaden kommen können. Wir können in einem Schneesturm erfrieren, im Meer ertrinken oder von ­einem Zeckenbiss Borreliose kriegen. Letzteres ist mir übrigens passiert.

BeobachterNatur: In der Schule lernen Kinder heute mehr über die Natur und ihre Umwelt als früher. Das ist doch eine positive ­Entwicklung.
Weber: Angelesenes Wissen nützt aber nichts, es ist ­sogar kontraproduktiv.

BeobachterNatur: Warum?
Weber: Technischer Biologieunterricht gewöhnt Kindern das Thema Lebendigkeit komplett ab. Mein Biologieunterricht war mehr oder weniger Elektrotechnik. Wenn ich nicht selber Frösche beobachtet und Vogel­stimmen bestimmt hätte, wäre ich nicht im Traum darauf gekommen, dass Bio­logie etwas mit mir zu tun hat.

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BeobachterNatur: Fast alle Kinder mögen Tiere. Weshalb sind Tiere so wichtig für sie?
Weber: Kinder sind geradezu fasziniert von Tieren. In über 80 Prozent aller Geschichten, die Drei- bis Fünfjährige erzählen, kommen Tiergestalten vor. Wir brauchen sie für unsere seelische Entwicklung. Die Psychologin Gail Melson sagt, dass animalische Charaktere das Rohmaterial sind, aus dem Kinder ein Gefühl für ihr Selbst konstruieren. Kinder sehen an Tieren, was sie selbst sind: kohärente Akteure mit Emotionen und Intentionen.

BeobachterNatur: Was wäre unser Leben ohne Natur?
Weber: Es wäre gar kein Leben. Wir sind ein Stück Natur. Wenn ich einen Apfel esse, wird der Kohlenstoff der Nahrung Bestandteil meines Körpers. Später atme ich Kohlenstoff aus. Es ist fundamental, zu realisieren, dass wir nicht komplett unabhängig vom Rest der Welt sind. Sonst sitzen wir ­einer ­Illusion auf.

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BeobachterNatur: Auf die globale Umweltkrise über­tragen, ­bedeutet das: Wir sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen.
Weber: Wir sitzen nicht auf dem Ast, wir sind der Ast. Wir können ohne Natur nicht existieren. Meiner Meinung nach stecken wir in dieser Krise, weil wir die Welt seit 200 Jahren als tot beschreiben. Der Glaube, dass wir die Natur nicht brauchen, ist eine Täuschung, eine Verblendung.

«Mehr Matsch! Kinder brauchen ­Natur»; Ullstein-Verlag, 2012, 256 Seiten, CHF 16.90

«Das Quatsch-Matsch-Buch»; Kösel-Verlag, 2013 (erscheint im Juli), 144 Seiten, CHF 23.90