Der Zeigefinger ist das Tor zur Welt. Er dient der Kommunikation und bringt uns die Umwelt näher. Noch bevor wir sprechen, zeigen wir als Säuglinge auf Gegenstände und Personen. Sind wir erwachsen, erheben wir den moralischen Zeigefinger und tippen an die Schläfe. Mit dem gleichen Taktstock navigieren wir mühelos durch die digitalen Welten. Tablets und Smartphone sind vollkommen an den Finger und den Daumen angepasst. Als hätte die Hand schon immer darauf gewartet.

Eine Bekannte betreut Kleinkinder in einer Krippe und hat eine unbestechliche Methode entwickelt, um zu klären, ob ihre Schützlinge bereits mobile digitale Geräte nutzen. Statt zu fragen, händigt sie den Kindern Bilderbücher aus. Wenn die Kleinen beim Betrachten einer Illustration innehalten und mit Daumen und Zeigefinger versuchen, diese zu vergrössern, ist klar: Bereits haben sie Erfahrung mit berührungsempfindlichen Bildschirmen. Bei einer Mehrheit der vierjährigen Kinder sei dieses Verhalten bereits zu beobachten.

Das ist kein Anlass zur Sorge, aber Zeugnis einer erstaunlichen Kontinuität. Den Pinzettengriff, wie das Zusammenführen der Kuppen von Daumen und Zeigefinger genannt wird, haben unsere Vorfahren vor Jahrmillionen für diffizile Handarbeiten ausgebildet. Der Griff basiert auf einem opponierbaren Daumen und diente in grauer Vorzeit dazu, mit immer feineren Werkzeugen zu hantieren. Um zum Beispiel einen Köder an der Angel zu befestigen. Oder Schmuckstücke aus Knochen zu drechseln.

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Die Ingenieure aus dem Silicon Valley verleihen dieser Feinmotorik eine neue Bedeutung. Der berührungsempfindliche Bildschirm ist das perfekte technische Gegenstück zum Netzwerk der Nerven in den Fingern. An den Kuppen verleiht eine hohe Zahl empfindsamer Rezeptoren Fingerspitzengefühl. Auf dem Touchscreen entsprechen die Hyperlinks sozusagen den Nerven ins Internet. Wie Ying und Yang fliessen menschliche Hand und technische Oberfläche ineinander. Für die Navigation kommt uns die schnelle Verbindung der Hand zum Gehirn zugute. Von den Fingern führen Nervenstränge ohne verzögernde Umschaltungen direkt ins Zentralnervensystem und zurück.

Das Tablet ist die perfekte Verlängerung von Zeigefinger und Daumen. Ein multifunktioneller Knopf an der Unterseite reagiert auf Druck. Mit sanften Bewegungen des Zeigefingers holen wir Bilder und Texte auf den Bildschirm, schieben Bildschirmseiten ins Nichts und wechseln von einem Programm ins andere. Die Geräte funktionieren durch drücken und streicheln. Anstelle der dreidimensionalen Welt, die wir als Säuglinge ertasten, dirigieren wir die digitale Welt mit Zeigefinger und Daumen.

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Mit dem Tablet hat die Kommunikation mit Finger- und Handgesten eine neue Stufe erreicht. Gesten drücken seit jeher existentielle menschliche Erfahrungen und Emotionen aus. Sie stehen am Anfang der zwischenmenschlichen Verständigung und sind laut einer gängigen These sogar der Ursprung der Sprache. Dank Gesten begannen unsere Vorfahren miteinander zu reden. Die Techniker des 21. Jahrhunderts haben diese uralte Gestik geschickt für die Kontrolle ihrer Geräte umfunktioniert. Apple nutzt nicht nur Zeigefinger, Daumen und Pinzettengriff, sondern weitere Gebärden. Zum Beispiel das Zusammenziehen aller Finger. Mit dieser Wischbewegung schliesst sich ein Programm. Andere Hersteller tüfteln an Systemen mit Ultraschall oder Infrarotlicht, die auf Handgesten reagieren.

Die digitalen Geräte nehmen die tief in unserer Vergangenheit verankerten Gesten nicht nur auf. Sie erweitern das Repertoire und initiieren neue Gebärden. So werfen sich immer mehr Leute eine «Sims-mal»-Geste zu. Sie tippen dazu mit dem Zeigefinger auf die Innenfläche der Hand. Das unmissverständliche Handzeichen verdrängt die gute alte Telefongeste, bei der die Hand mit dem Daumen am Ohr und dem kleinen Finger am Mund ein analoges Telefongespräch imitiert.

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Technik und Gestik aber auch die Fingerfertigkeit beeinflussen sich gegenseitig. Mein Sohn kann schneller simsen als ich. Zuerst war ich überrascht, als auf eine mühsam getippte SMS in Sekundenschnelle die Antwort eintraf. Bis ich dem Heranwachsenden über die Schulter blickte. In Windeseile fegt sein Daumen über das winzige Buchstaben- und Zahlenfeld, das mich, gewöhnt an Tastaturen von Schreibmaschinen und Computern, schon beim Anblick nervös macht. Unterdessen tippe ich flotter, aber noch immer langsamer als junge Erwachsene.

Die tastempfindlichen Oberflächen passen zwar perfekt zu Zeigefinger und Daumen. Aber das kribbelige Tippen und Streicheln fordert die menschliche Mechanik in nie gekannter Weise. Handspezialisten rechnen damit, dass in Zukunft mehr Leute mit Sehnenentzündungen der Finger und Arthrosen der Fingergelenke in die Kliniken kommen. Besonders gefährdet ist der Daumen. So wie der gefürchtete Musikerkrampf selbst den virtuosesten Klavierspieler befallen kann,  so müssen ruhelose Handynutzer mit medizinischem Unbill rechnen. Zumindest in naher Zukunft.

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Mit der Zeit werden sich die Finger den neuen Erfordernissen anpassen. So wie das Internet den tatkräftigen Faustgriff zur Bedeutungslosigkeit verdammt, so fordert und fördert es die feinen Bewegungen der Finger. Nach und nach vergrössern sich Zeigefinger und Daumen, gleichzeitig verkümmern die untätigen Restfinger. Vielleicht wachsen uns in weit entfernter Zukunft je zwei Daumen und Zeigefinger an einer Hand. Oder der Mensch bildet unzählige und ultrabewegliche Finger. Die Hand gliche dann den Tentakeln einer Seeanemone, die mit ihren Fangarmen in alle Richtungen zielt. Die Zukunft ist im Zeigefinger angelegt.