Was ab den Siebzigerjahren in kleinen Schweizer Seen geschah, passiert jetzt auch in vielen küstennahen Meeresgebieten rund um den Erdball – nur in viel grösserem Massstab: Die Küstenzonen «kippen», den marinen Lebewesen geht der Sauerstoff aus, und es bilden sich eigentliche Todeszonen ohne Leben. Laut Forschern der Universität Wien gibt es weltweit bereits 400 solche sauerstoffarmen Zonen. Zusammengenommen beträgt ihre Fläche rund 250'000 Quadratkilometer - ein Gebiet so gross wie Deutschland.

Laut Bettina Riedel vom Departement für Meeresbiologie befindet sich die grösste Todeszone im Golf von Mexiko mit Ausmassen von bis zu 17'000 Quadratkilometern. Weitere solche «Dead zones» existieren zum Beispiel im Schwarzen Meer, in der Nordsee, der Ostsee oder im Norden der Adria.

Forschung an Mini-Todeszonen

Was am Meeresboden im Detail passiert, wenn eine Todeszone entsteht, untersuchen die Forscher der Uni Wien derzeit. Ihr Experimentiergebiet ist die nördliche Adria vor Slowenien. Mit einem Plexiglas-Kubus namens EAGU erzeugen sie Todeszonen im Kleinformat (50 x 50 x 50 Zentimeter). Die dabei gewonnenen Daten geben Aufschluss über die Veränderung des Ökosystems beim Beginn des Sauerstoffmangels, aber auch über die Wiederbesiedlung nach der Krise.

Ursache des Massensterbens am Meeresgrund ist wie bei den Schweizer Kleinseen die übermässige Nährstoffanreicherung. Die Nährstoffe, zum Beispiel Stickstoff oder Phosphor, gelangen über die von Landwirtschaft und Industrie verschmutzten Flüsse ins Meer. Dort fördern sie das Wachstum der Algen. Wenn diese dann absterben, wird übermässig viel Sauerstoff verbraucht. Das bekomme zuerst die «ozeanische Müllabfuhr» zu spüren, schreiben die Forscher: «Sterben nach den Algen auch die wasserfiltrierenden Organismen wie Schwämme und Muscheln, müssen an ihrer Stelle Bakterien das organische Material verwerten. Das kostet noch mehr Sauerstoff: ein Teufelskreis.»

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Wie stark die Lebewesen vom Sauerstoffwechsel betroffen sind, hängt nicht nur von der Schwere, sondern auch von der Dauer und der Häufigkeit der Sauerstoffkrise ab. «In schweren Fällen überleben nur die Bakterien, ansonsten überleben möglicherweise auch sogenannte tolerante Arten wie zum Beispiel manche Borstenwürmer oder Fadenwürmer. Das herkömmliche Leben aber, von Schwämmen bis zu Muscheln, stirbt vollständig ab», sagt Bettina Riedel.

Die Forscher versuchen nun genauer zu klassifizieren, welche Arten empfindlicher und welche toleranter sind. Doch auch die Veränderungen im Verhalten der Organismen erweisen sich als spannend. Michael Stachowitsch vom gleichen Forscherteam: «Wenn man weiss, welche Arten empfindlich sind und welche weniger, kann man an der Biodiversität und am Verhalten der Lebewesen ablesen, wann die letzte Sauerstoffkrise war - oder ob eine bevorsteht». Nur so könnten Küstenmanager und verantwortliche Politiker entsprechende Massnahmen setzen.

Ganz so einfach wie bei den Schweizer Kleinseen sind die Ursachen der Todeszonen im Meer allerdings nicht zu bekämpfen.

Weitere Infos

Infos zum Projekt und Filme: www.marine-hypoxia.com