Drei Mal muss Franz Tschöll am Anlasser ziehen. Dann heult die «Stihl 046» auf. Mit dem ersten Schnitt dringt er auf der Talseite schräg von unten in die 40 Meter hohe Fichte ein. Mit dem zweiten vollendet er die Kerbe. Zum dritten setzt er die Motorsäge auf der Bergseite waagrecht an. In den Motorenlärm mischt sich das Rauschen der Äste, dann ein Knacken und Splittern. Der Baum kippt und schlägt dumpf auf. 120 blossgelegte Jahresringe. Der Boden bebt.

Franz Tschöll entrindet ungerührt den Strunk. Dann stellt er die Säge ab. Es ist wieder still im Wald von Zwischenflüh im Diemtigtal, Berner Oberland. Tschöll zündet eine Zigarette an, wischt sich den Schweiss von der Stirn. «Chasch umi uftue», meldet Dani Gerber seinem Bruder Martin per Funk. Der lässt auf der Strasse unten die Autos wieder passieren.

Es ist ein heikler «Schlag», an dem die drei Männer an diesem frostigen Wintermorgen arbeiten. Unterhalb der Bäume, die Revierförster Hanspeter Weber mit einem rosa Punkt markiert und damit zum Fällen freigegeben hat, führt die Strasse von Diemtigen nach Zwischenflüh vorbei, und zwei Wohnhäuser stehen beängstigend nahe. Ein falsch berechneter Fallwinkel kann hier fatale Folgen haben.

«Wär im Wald schaffet, het ä Egge ab»


«Sechs Tote», sagt Franz Tschöll und macht sich an der nächsten Tanne zu schaffen, «sechs Tote habe ich schon gesehen, in 29 Jahren im Wald.» Dani Gerber steht 20 Meter daneben. Sein Blick wandert. Von Franz Tschöll hinauf zum Baumwipfel, wieder zum sägenden Kollegen, erneut zu den Ästen hinauf. Als der Baum zu kippen beginnt, macht er zwei Schritte rückwärts.

Der überalterte Wald, den es hier zu verjüngen gibt, gehört der Waldgemeinde Oeyen, bei der Dani Gerber Mitbesitzer und Präsident ist. 700 Kubikmeter Holz müssen gefällt werden, ein grosser Auftrag für die Holzerequipe Gerber-Wiedmer. 25 Franken pro Mann und Stunde gibt es dafür, ein guter Preis ausnahmsweise. «Sonst lässt sich hier oben im Wald kein Geld mehr machen», sagt Dani Gerber, «wär im Wald schaffet, het ä Egge ab.» Die 254 Hektaren Wald werfen für die Besitzer längst keinen Gewinn mehr ab. Geld verdient nur noch, wer im Schutzwald Holz schlagen kann, denn hier tragen Bund und Kanton die Verluste.

Und die sind gross. Allein im Wald, der im öffentlichen Besitz ist, kostete im Jahr 2002 jeder Kubikmeter geschlagenes Holz 40 Franken. Etwa 175 Millionen Franken fliessen so jährlich aus der Bundeskasse in den Wald, noch einmal so viel wenden Kantone und Gemeinden auf. Das ist viel Geld und – ausser im Schutzwald – schlecht angelegtes dazu. Geld verdient wird mit dem Schweizer Holz nämlich vor allem im Ausland, wohin mehr als die Hälfte der geschlagenen Bäume zur Verarbeitung exportiert werden. Zurück kommen Wagen- und Bahnladungen voll Holzprodukte: Fenster, Möbel, Bauelemente, Spanplatten und vieles mehr.

Die Branche steckt tief in der Krise. 250'000 private Waldbesitzer, von denen jeder für sich geschäftet, zu kleine Sägereien, zu wenig Holz verarbeitende Betriebe – es harzt an allen Ecken und Enden: «Das Festhalten an Traditionen sowie das Fehlen von unternehmerischem Denken haben umfangreiche Veränderungen erschwert», schreibt das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) in seinem Ende Januar veröffentlichten «Waldprogramm Schweiz», und weiter: «Eine effiziente Holzbereitstellung und -verarbeitung wird durch die vielfach kleingewerblichen Branchenstrukturen entlang der Holzkette zusätzlich behindert.»

Im Diemtigtal hat man einen Ausweg gesucht. Vor zwei Jahren gründeten 14 private Waldkorporationen das Forstrevier Diemtigtal. Seither laufen alle Fäden bei Revierförster Hanspeter Weber zusammen. Er koordiniert alles, was mit dem Wald zu tun hat: Borkenkäferbekämpfung, Holzschlag, Arbeitssicherheit, Abrechnungen. «Die Koordination und die Logistik im Forst sind besser geworden», stellt er fest, «statt 14 Ansprechpartner gibt es jetzt nur noch einen.»

Nach «Lothar» kam der Käfer


Die Flucht nach vorn war nötig, denn die Zeiten sind schlecht im Diemtigtal. Von der Landwirtschaft allein lässt sich kaum noch leben. Das Einkommen aus der Arbeit an den Skiliften am Wiriehorn, wo viele Bauern einen Zusatzverdienst haben, ist vom Wetter abhängig und schwankt. Und im Diemtigtaler Wald hat an jenem fatalen 26. Dezember 1999 der Sturm «Lothar» gewütet und riesige Schneisen in die Landschaft gerissen. Zweieinhalb Jahre nach «Lothar» kam «dr Chäfer», der Borkenkäfer, und nistete sich in den Rinden der vom Sturm geschwächten Tannen ein. Seither kämpft man im Diemtigtal einen ungleichen Kampf: Mensch gegen Käfer.

«Für dieses Jahr», so konstatierte der «Berner Oberländer» Ende Jahr, «haben die Waldarbeiter den Kampf gegen den ‹Borki› nur dank hochtechnisiertem Einsatz gewonnen.» 200 Millionen Käfer, so hat Revierförster Weber ausgerechnet, bevölkerten im heissen Sommer 2003 die Diemtigtaler Wälder. Allein kam man nicht mehr gegen die Plage an. Es brauchte Hilfe von aussen, schnelle Hilfe. Kleinunternehmer wie die Holzerequipe Gerber-Wiedmer kamen nur noch vereinzelt zum Einsatz. Jetzt waren die grossen Firmen gefragt.

Geschäftlicher Aufwind dank «Lothar»


Firmen wie die Abächerli Forstunternehmen AG. Die 21 Mann aus Giswil brachten Maschinen wie den riesigen «Gebirgsharvester» ins Tal, eine Art mobiler Seilkran, mit dem man ganze Bäume aus dem Wald holen, auf die gewünschte Länge zuschneiden und automatisch entasten kann. Sie kamen mit riesigen Baggern, die aus gefällten Bäumen innert Sekunden transportfähiges Rundholz machen. Und sie mieteten Helikopter, um das geschlagene Holz möglichst effizient aus dem Wald zu schaffen. Statt wie früher 20 oder 30 Kubikmeter schafften sie so bis zu 100 Kubikmeter pro Tag. Aus dem Handwerk wurde eine kleine Industrie.

«Nur so hat die Forstwirtschaft Zukunft», sagt Alois Abächerli. Mit Motorsäge und Seilwinde, mit purer Handarbeit, das hat der gelernte Forstwart früh begriffen, lässt sich im Schweizer Wald kein Geld mehr verdienen. Wer gegen die Konkurrenz aus Österreich und Osteuropa, ja gar aus China bestehen will, muss in grösseren Dimensionen denken. «Wer heute ohne Maschinen holzt, verdient bestenfalls noch etwas nebenbei», sagt Abächerli. «Davon leben kann man nicht.»

Abächerli, der Unternehmer, läuft heute mit Handy und Computer durch den Wald, erfasst jeden Stamm: Länge, Dicke, Kubikmeter, Qualität. Er verkauft und koordiniert den Transport. Das meiste Holz geht ins Südtirol, wo das «Chäferholz» zu Obstharassen verarbeitet wird.

«Lothar» und der Borkenkäfer waren gut fürs flaue Geschäft. «Klar», sagt Alois Abächerli, obwohl er nicht gern darüber spricht, «wir haben dadurch grosse Aufträge bekommen.» 16'000 Kubikmeter Holz haben die Obwaldner aus dem Diemtigtaler Wald geholt, noch einmal 22'000 Kubikmeter aus dem Forst im angrenzenden Simmental. Subventioniertes Holz: Rund 60 Millionen Franken sprach der bernische Grosse Rat nach «Lothar» für die Beseitigung der Schäden.

Aus dem «Lothar»-Geld wurde dann der Not gehorchend «Chäfer»-Geld. Wer die sturm- oder käfergeschädigten Bäume aus dem Wald räumte, kassierte je nach Lage und Transportart pro Kubikmeter zwischen null und 40 Franken und konnte zudem über das Holz verfügen. Generalunternehmer Abächerli griff zu.

Bloss: Die riesigen Holzmengen, die nach «Lothar» in den Wäldern lagen, liessen die Preise auf dem Markt völlig zusammenbrechen. «Wer die ganze Verwertungskette anbietet, vom Schlag bis zum Verkauf, kommt über die Runden», sagt Alois Abächerli. «Aber für private Waldbesitzer ist Käfer- oder ‹Lothar›-Holz ein Nullsummenspiel.» Die drei bis fünf Franken, die bestenfalls am Schluss übrig bleiben, müssen gleich wieder in die Waldpflege investiert werden.

«Ha no gnue Chäferholz»


Selbst Abächerli kämpft zuweilen mit Absatzschwierigkeiten. 1500 Kubikmeter entrindete Stämme hat er im Diemtigtal zurückgelassen, «um den Markt nicht weiter zu belasten». Auf zwei riesigen Stapeln direkt an der Strasse, unübersehbar mit «Abächerli» angeschrieben. Ebenso unübersehbar markiert vom «Chäfer»: Der Pilz, den der Borkenkäfer unter der Rinde einpflanzt, dringt tief ins Holz hinein und bildet einen blauen Kranz im Stamm. «Minders Holz» sei das, sagt man im Diemtigtal, schlechtes Holz. Noch hat sich niemand dafür interessiert.

«Bruchsch Chäferholz?», fragt auch der ältere Bauer, der auf der Vorbeifahrt kurz bei Martin Aebersold stoppt. Er hätte da ein paar Kubik zu bieten, und man würde sich schon finden. Aebersold winkt ab. «Ha no gnue», meint er knapp.

Seine Sägerei steht im «Chirel», einem kleinen Seitental des Diemtigtals. Hier wird einheimisches Holz verarbeitet. Zu abgelegen ist der Betrieb, zu mühsam die Anfahrt, als dass man hier an grosse Aufträge denken könnte. Kunden sind Zimmereien, Schreinereien und Waldbesitzer aus der Umgebung. Und diese wollen nicht nur Holz sägen lassen, sondern vor allem auch welches loswerden: «Da muss man halt ab und zu auch Holz kaufen, das man eigentlich nicht möchte», sagt Aebersold und zuckt mit den Schultern. «Schliesslich gibt es hier zurzeit wenig anderes.» Aus dem Käferholz sägt er meist Dachlatten und Palettenbretter. Aber der Markt ist gesättigt, und so stapeln sich die bläulich verfärbten Stämme auf dem Lagerplatz.

3000 Kubikmeter Holz laufen jährlich durch die Blockbandsäge – ein Nichts. In der grössten Sägerei der Schweiz, bei Schilliger in Küssnacht am Rigi, werden jährlich rund 200'000 Kubikmeter verarbeitet, und selbst das ist im Vergleich zu ausländischen Betrieben wenig. Nun plant ein österreichischer Unternehmer im solothurnischen Luterbach ein Sägewerk mit einer Kapazität, die helvetisches Vorstellungsvermögen fast überfordert: Eine Million Kubikmeter pro Jahr, das Dreihundertfache von Aebersolds Jahresproduktion, sollen dort verarbeitet werden.

«Die Preise kämen schon etwas unter Druck», kommt da Aebersold ins Grübeln. Zu den Spezialitäten seines Betriebs gehören Paletten oder Bretter für den Gerüstbau, «und die könnten in einem so grossen Werk natürlich billiger gesägt werden».

Martin Aebersold wartet an diesem kalten Winternachmittag auf das Holz, das die Holzschlaggruppe Gerber-Wiedmer fällt. Er wartet vergebens, der Transporteur hat sich verspätet.

Vor Einbruch der Dunkelheit machen Dani und Martin Gerber und Franz Tschöll Feierabend. Am nächsten Tag wird erst nach Mittag Holz geschlagen, denn am Morgen gibt es Arbeit auf dem Hof. Es eilt nicht mit dem Schlag an der Strasse von Zwischenflüh im Diemtigtal. Das Holz ist frisch hier, und «dr Chäfer» fliegt erst im Frühling wieder.

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