Der Geruch in Paul Parkers Lieferwagen ist unerträglich. Diese Mischung aus Blut, Verwesung und Raubtier legt sich auf die Schleimhäute, hängt sich in die Kleider, dringt ins Haar. Der Geruch bleibt, selbst wenn man den Wagen verlassen, die Haare gewaschen, die Kleider gewechselt hat. Nach den zwei Jahren, die Paul Parker in diesem Wagen – ausser um zu essen und zu schlafen – verbracht hat, lässt ihn der Geruch nicht mehr los. Er weiss das nicht, hof­fentlich. Der Kammerjäger aus dem nordenglischen Newcastle upon Tyne hat in diesem Lieferwagen seine Bestimmung gefunden.

Paul Parker hat es sich – mit dem Segen des Umweltministeriums und der Unterstützung von Naturschutz­organisationen – zur Lebensaufgabe gemacht, fremde Eichhörnchen auf der Insel zu vernichten, die grossen grauen, die nicht hierhergehören. Die im 19. Jahrhundert vom amerikanischen Kontinent nach Grossbritannien importiert wurden. Und die die ro­ten britischen Ureichhörnchen verdrängen. Die Grauen sind grösser und ­aggressiver als die Roten. Ihr Nahrungsspektrum ist breiter. Sie ziehen mehr Nachwuchs gross. Sie tragen ein Virus, das Eichhörnchenpocken-Virus. Die Grauen ­erkranken nicht an den Pocken, sie bergen das Virus unerkannt in sich und übertragen es auf die Roten. Die sterben daran. Parker sagt: «Stell dir vor, ­eine Bande von Stadtrüpeln kommt aufs Land, bedroht die netten Leute und haut alles kurz und klein – so etwa ist das mit den Eichhörnchen hier.»

Es habe bereits sechsmal mehr graue Rüpel als ­­rote Nette, sagt der Jäger. Die Netten haben sich nach Schottland und in die britisch-schottischen Grenz­bezirke zurückgezogen, nach Northumberland zum Beispiel. Durch dieses Gebiet verläuft derzeit Paul Parkers Front. «Im Wald von Dipton habe ich 2000 Stück gefangen, in Slaley 3500. Jedes gesäuberte Gebiet zieht die Eichhörnchen aus den angrenzenden Wäldern an wie ein Vakuum. Ich fange auch die frisch Eingewanderten, es entsteht wieder ein Vakuum, das neue Tiere anzieht, ich fange auch sie.» Das ist seine Strategie. Zieht das Vakuum keine Nager mehr an, weiss er: Auch die Nachbarschaft ist jetzt eichhörnchenfrei. Er kann seine Front weiter nach Süden schieben. «Bis ich in London bin. In zehn Jahren will ich die Insel sauber haben. 30'000 habe ich schon erwischt.»

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Drei Tiere hängen hinter uns von der Decke des Wagens, kopfüber, eine Drahtschlinge um die Hinterfüsse gezogen. Ein viertes tobt in einer Drahtfalle auf und ab. Es pfeift schrill, es kreischt. Es klingt nicht verzweifelt. Ich kann hören, wie wütend es ist. Parker ruft: «Lange musst du da drin nicht mehr toben!» Vielleicht ahnt es das längst. Vielleicht hat es das schon gerochen. Die Köpfe, Füsse, Schwänze, Eingeweide und Felle von Artgenossen stinken in einem ehemaligen Konfitüreneimer neben der Falle. Getrocknetes Blut färbt die Innenseite der einst weissen Hecktüren braunrot. Ich wüsste gerne: Ab wie vielen Tagen in diesem Wagen wird sein Geruch zu meinem? Parker sagt: «Du kannst es später mit dem Luftgewehr schiessen.» – «Wie?», frage ich. «Du hältst den Lauf in eine Ecke der Falle und wartest, bis das Eichhörnchen den Kopf unter die Mündung hält. Dann: bamm!» – «Okay», sage ich. Der Brite nickt.

Paul Parker ist 44, ein kräftiger Mann mit runden ­Augen in einem roten Gesicht. Sein rollender Geordie-Akzent ist nur mit Mühe als Englisch zu verstehen. Nach einer kurzen Schulzeit arbeitete er ein paar Jahre lang als Dachdecker, bis er fand: «Ist doch besser, ich verdiene meinen Lebensunterhalt mit einer Arbeit, die ich mag.» Parker fing gerne mit Hilfe seines Frettchens die Ratten aus Hühnerhöfen. 20 Pfund zahlten ihm Freunde dafür, da war es bis zum hauptberuflichen Ungeziefervernichter nicht mehr weit. Parker trägt den Union Jack, die britische Natio­nalflagge, auf seinen Shorts. Wenn er über eine bestimmte Brücke in Newcastle fährt, reisst er die Beine hoch und ruft: «Teufelswasser! Nimm die Beine hoch, oder du stirbst!» Man könnte ihn leicht für einfältig halten, aber das würde ihm nicht gerecht. Wenn der Jäger seine tobenden Gefangenen in den Drahtfallen sieht, sagt er solche Sätze: «Die Eichhörnchen erinnern mich an die Typen in den Hoodies.» Er meint die Jugendlichen, die an Strassenecken herumlungern, mit den Kapuzen ihrer Sweatshirts über dem Kopf. «Jung, ohne Respekt und ausser Kontrolle!»

Parker ist nicht allein. Sein Kampfgefährte trägt den Titel «Lord». Rupert Redesdale ist Mitglied des britischen Oberhauses und Liberaldemokrat. Parker sagt: «Rupert ist mit Adolf Hitler verwandt, er war ein Cousin von Ruperts Urgrossvater oder so.» Das ist natürlich Unsinn. Redesdales Familie ist eine von fünf in Grossbritannien, deren Blutlinie direkt auf Wilhelm den Eroberer zurückführen soll. Den Normannen, der 1066 mit seiner Armee vom französischen Festland herüberkam, die Angelsachsen schlug und sich fortan König von England nannte. «Im Grunde sind wir Normannen», sagt der britische Lord. Sein Kammerjäger nennt ihn ungerührt weiter «Hitler». Der Lord nennt ihn «Fettsack». Man darf das als Zeichen der Zuneigung zueinander sehen, der Männer und ihrer Klassen. Redesdales Aufgabe ist das Beschaffen der Spendengelder, Parker erledigt das Töten. Beiden stehen Hunderte von Grundbesitzern zur Seite, die in ihren prächtigen Gärten willig Fallen mit den lockenden Haselnüssen aufstellen. Die Fänger sind in der Mehrzahl wohlsituierte Pensionäre mit Liebe zur kontrollierten Natur im Allgemeinen und zur heimischen Singvogelwelt im Besonderen. Die Pensionäre sagen Sätze, die vom Zögerlichen schnell ins Entschiedene kippen: «Früher haben wir die Eichhörnchen gerne gefüttert. Sie sind ja niedlich. Aber dank Paul Parker und Lord Redesdale wissen wir jetzt, was sie den Bäumen antun. Und dass sie Eier und Jungvögel aus den Nestern rauben.» Sie wissen jetzt, dass graue Eichhörnchen offiziell als «vermin», als Ungeziefer, gelten, und machen von dem Wort gern Gebrauch. Sie rufen den Ungeziefervernichter an, wenn ein Eichhörnchen in der Falle sitzt. Obwohl sie doch wissen, dass er die Fallen jeden Tag kontrolliert. Der Jäger sagt: «Die Omis sind die Schärfsten.»

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Es ist ein guter Tag. Im nächsten Garten finden wir zwei Eichhörnchen in der Falle. Eines sucht ver­gebens nach einem Ausweg aus dem von Parker konstruierten Drahtkasten. Das zweite ist zwischen den Metallbügeln einer Totschlagfalle festgeklemmt, sein Körper aufrecht, der Kopf vornüberhängend. Es sieht ergeben aus. Der Pensionär und Gartenbesitzer freut sich, als habe er Parker ein Geschenk gemacht. Der wirft das tote Eichhörnchen ins Heck des Lieferwagens, stellt die zweite Drahtfalle zur ersten und sagt zu dem Eichhörnchen, das schon länger mit uns fährt: «Jetzt kriegst du Gesellschaft.» Das Pfeifen und Kreischen im Heck steigt an, die Käfige scheppern. Die beiden Gefangenen sind sich kein Trost. Wir ­fahren zum «Manor House Inn», zum Restaurant für das Spezielle, schick und entlegen in der weiten nordenglischen Landschaft. Der Jäger beliefert die Küche mit Eichhörnchen, gehäutet und ausgenommen, das Stück zu vier Franken. Der Restaurantbesitzer ist noch nicht da. «Warten wir auf dem Parkplatz auf ihn», sagt Parker. ­«Wir haben ja noch zu tun.» Er öffnet die Hecktüren des Lieferwagens. «Kannst einem toten Tier das Fell ab­ziehen.» – «Ich?», frage ich. Welchen Eindruck wird es auf die Spezialitätenfreunde machen, wenn sie ihren kommenden Schmaus im blutbeschmierten, mit Müll und Körperteilen gefüllten Transporter baumeln sehen? «Zieh die Plastikhandschuhe an», sagt Parker.

Parker reicht mir ein Eichhörnchen und ein Messer. «Zuerst brichst du ihm die Beine, gleich hinter den Pfoten, damit du mit dem Messer nicht durch den Knochen musst, dann schneidest du die Pfoten ab.» Ich greife ein Bein, biege den Knochen, biege ihn in die an­dere Richtung, es ist überraschend schwer, ihn zu brechen. «Die reinsten Bastarde, noch wenn sie tot sind», sagt Parker. «Fest!», ruft er. Es knackt. Viermal. Ich ziehe die Messerklinge durch Fell, Haut und Sehnen, ich zerre. Es ploppt. Das Tier ist nackt. Es ist nun kein Eichhörnchen mehr. Es ist ein Stück leidlich eichhörnchenförmiges Fleisch. Fertig für die Küche. Parker fängt es in einem ­Plastikbeutel auf. Ich greife, was für die Küche untauglich ist, mit der behandschuhten Rechten, ziehe den Handschuh ab, über Fell, Pfoten und Gedärm, und knote ihn zu. «In den Eimer», sagt Parker.

Das Menü auf der Schiefertafel über dem Tresen des «Manor House Inn» lockt mit der aktuellen Spezialität: «Geschmortes Eichhörnchen und Kaninchen». Eine Frau ruft: «Das ist ja widerlich!» Und sie hat nicht mal das Innere des Spezialitätentransporters gesehen. Ich will trotz allem das Schmorgericht. Es schmeckt eigen, kräftig, nach Wild. Ich bin erleichtert, dass es nicht so schmeckt, wie Parkers Auto riecht. Jason Long, 37, Koch und Be­sitzer des Restaurants, sagt, es habe ihn Überwindung ­gekostet, in das erste Eichhörnchen zu beissen. «Der Geruch beim Häuten war so streng.» Er verzieht das Gesicht. «Abstossend!» Dann wird er versöhnlich: «Aber sie schmecken ganz ähnlich wie Kaninchen.» In Jason Longs Unterarm steht mit tiefblauer Tinte gestochen: «God made me funky!» – Gott machte mich flippig. Der Mann zieht einen Bräter aus dem Ofen, in dem graubraunen Sud ­simmern verschiedene Stücke Fleisch. «Die kleinen ­grauen sind Eichhörnchen, die grossen goldbraunen ­Kaninchen.» Jason Long kocht beides zusammen, weil das Grau allein so unappetitlich aussieht. Er kocht sie mit Ros­marin, Thymian und ungeschälten roten Zwiebeln. «Die Zwiebelschale gibt zusätzlich Farbe.» Er brät beide Sorten Fleisch an und gart sie darauf im Ofen, sechs Stunden lang, bei 100 bis 150 Grad. Er sagt, das Eichhörnchen brauche diese langsame Zubereitung. Sein Fleisch, reiner Muskel ohne Fett, wäre sonst zu zäh. Das Tier ist keine naturgegebene Delikatesse. Selbst dem Gaumen muss man es gefügig machen.

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Parkers Handy klingelt. «Paul Parker Pest Control.» Er lauscht. «Seit wann?», fragt er. «Sicher, dass es noch lebt?» Er lauscht erneut, nickt. «Aye. Bin unterwegs, zehn Minuten.» Er schlägt das Steuer ein und wendet wortlos seinen Wagen. «Und?», frage ich. «Da ist ein Eichhörnchen mit Unterkühlung. Muss in der Falle sitzen seit gestern Abend.»

Wir biegen in einen Weg unter alten Bäumen, links von uns Felder, rechts eine Rasenfläche, hie und da eine Eiche. Es herrscht Parkambiente. «Wo ist es denn?», sagt Parker. Die Fallen unter den Bäumen sind leer. Wir gehen den Weg zurück zum Haus, der Parkbesitzer kommt uns entgegen. Er ist froh, den Jäger zu sehen. Darüber, dass er in Begleitung einer Journalistin ist, nicht. Er zögert. «Ich möchte nicht, dass Sie einen falschen Eindruck bekommen. So etwas kommt wirklich selten vor. Nicht wahr?» Er sieht zu Parker, der Blick übertrifft seinen Tonfall noch an Dringlichkeit. «Ist schon okay», sagt dieser. Der Parkbesitzer führt uns in ein Gebüsch. Das Eichhörnchen in der Falle liegt reglos da. «Sicher, dass es noch lebt?» – «Jaja», sagt der Parkbesitzer. Parker stösst mit dem Fuss gegen das Gitter. Das Tier zuckt. «Aye», sagt Parker. «Lebt noch.» Er zieht den Körper aus der Falle. «Ist jung, maximal ein Jahr. Die Jungen haben kaum Fettreserven, die kühlen schnell aus, wenn sie sich nicht bewegen können.» Das Herz schlägt schwächer, das Blut zirkuliert nur noch langsam, die unterversorgten Muskeln erstarren. Parker hält mir das Tier hin. Ich fühle mich überrumpelt, zögere. Ich kann ein totes Eichhörnchen anfassen, kein Problem. Mit diesem knapp noch lebenden ist es etwas anderes. Ich scheue seine unvermittelte Regung, ein plötzliches Zucken. Ich fürchte die Unberechenbarkeit seines Körpers. Ich greife zu.

Das graue Fell ist kalt. Auf meinen Armen und meinem Rücken zieht sich die Haut zusammen. Ich umfasse die Eichhörnchenbrust etwas fester, nicht zu fest, gleich hinter den Vorderbeinen, dort, wo ich das Herz vermute. Ich muss mich zur Wehr setzen gegen das Gefühl, diesem Körper und seinem unerhörten Lebenskampf ausgeliefert zu sein. Ich bin voller konzentrierter Erwartung. Ich sage: «Pscht!» Wir stehen still. Da ist das Pochen. Weit weg. In viel zu langen Abständen. «Wenn ich es warmhalte, seine Herzgegend massiere, könnte ich es zurück ins Leben holen?» Jetzt frage ich nicht aus Mitleid. Ich frage aus rationalem, kühlem Interesse. Ab welchem Punkt bedeutet «tot» die letztmögliche Konsequenz von «so gut wie tot»? Ab wann ist das Leben unwiederbringlich? Ich glaube, das Herz schneller und stärker schlagen zu spüren, je länger ich den Körper halte. Ich umfasse ihn mit beiden Händen. «Vergiss es», sagt Parker. «Wir machen dem jetzt ein Ende.» Er geht voran, zu den Resten eines Zauns. «Also, du packst es an den Hinterbeinen und schlägst es mit dem Kopf auf den Pfosten. Zack!» – «Warum erschiessen wir es nicht?» Parker schüttelt den Kopf. «Das ist schon so gut wie hinüber. Was willst du eine Kugel verschwenden?» Ich hole aus. Zack. Graues Fell streift das Schwarz des Pfostens.

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Unter meinen Fingern pocht es vage weiter. «Scheisse», sage ich. Dann hole ich noch einmal aus. Zack! ­Das Pochen ist weg. Ich weiss: Diese Geschichte wird eine der ­Geschichten sein, die Paul Parker sammelt wie Schätze. Wie er eine Journalistin dazu brachte, einem Grauhörnchen den Garaus zu machen. Von diesen Storys lebt er. Darüber vergisst er sein schmales Gehalt. Und die Un­sicherheit, ob die Spendengelder auch morgen noch reichen werden. Und den Geruch im Wagen, der ohne diese Geschichten nicht auszuhalten wäre. Und ich frage mich, ob ich den Geruch schon angenommen habe.