BeobachterNatur: Herr Pfister, die Natur kennt keine Katastrophen, sie hat gelernt, sich an Veränderungen anzupassen. Wie geht der Mensch mit Naturereignissen um?
Christian Pfister: Menschliche Gesellschaften versuchen, sich an Naturkatastrophen anzupassen. Wichtig sind Erinnerung und Überlieferung. Wir haben das für die Schweiz untersucht: Je häufiger und gravierender die Erfahrungen sind, desto angemessener die Reaktionen. In gefährdeten Berggebieten beispielsweise kennen die Leute jede Lawine und ihren Zerstörungsraum. Aus diesem Grund wurde in gefährdeten Zonen früher nicht gebaut. Dasselbe gilt für die von Gewässern ausgehenden Gefahren: Vor Mitte des 19. Jahrhunderts waren Verbauungen gegen Hochwasser weitgehend wirkungslos geblieben. Deshalb liess man den Gewässern den nötigen Freiraum – ein Prinzip, das in den letzten 130 Jahren oft missachtet wurde. Gefährlich waren auch die im Unterschied zu Lawinen und Überschwemmungen seltenen Bergstürze: Sie überraschten die Menschen und forderten oft viele Leben.

BeobachterNatur: Sie haben den Begriff der «Katastrophenlücke» geprägt. Was meinen Sie damit?
Pfister: In der Schweiz gab es zwischen 1882 und 1976 bis auf den Lawinenwinter von 1951 und den Gletscherabbruch von Mattmark 1965 keine schweren Katastrophen. Ein Phänomen, auf das wir gestossen sind, weil wir erstmals über eine längere Periode hinweg die Opferzahlen von Katastrophen mit den materiellen Schäden verglichen haben. So konnten wir eine Wertung schwerer Ereignisse vornehmen, die im Gedächtnis haftenblieben. Als schwer bezeichnen wir eine Katastrophe ab 50 Todesopfern und/oder mehr als 300 Millionen Franken Sachschaden. Diese Periode nach 1882 war so lang, dass die normale Erinnerung an Naturgefahren, die über maximal drei Generationen verläuft, unterbrochen war. Das haben wir als Erinnerungslücke bezeichnet.

BeobachterNatur: Heisst das, dass ältere Menschen in Bezug auf Naturkatastrophen ein falsches Gefühl der Sicherheit entwickelt haben?
Pfister: Ich wurde 1944 geboren und kannte lange Zeit nur zwei Naturkatastrophen: den Lawinenwinter von 1951 und die Sturmflut vom Februar 1953 in den Niederlanden. Damals strickten wir in der Schule Decken für die Flutopfer. Dagegen grassierte die Angst vor einem Atomkrieg, es war die Zeit des Kalten Kriegs. Darauf versuchte man sich einzustellen. Bezüglich Naturgefahren herrschte ein falsches Gefühl der Sicherheit vor. Eine Folge war, dass man näher an die Flüsse hinbaute und bei den Armierungen an den Brückenfundamenten sparte.

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BeobachterNatur: Die Ruhephase endete mit einer Serie von schweren Hochwassern. Was waren die Folgen?
Pfister: Der Wendepunkt war das Hochwasser 1987. Es wurde nach der Katastrophenlücke als aussergewöhnlich wahrgenommen, über längere Zeit gesehen, war es aber einfach nur ein seltenes Ereignis. Man hat nach Ursachen gesucht und vorschnell die Bodenversiegelung und die Abholzung verantwortlich gemacht. Zu Unrecht, wie wir heute wissen: Es hat einfach extrem stark geregnet. Die Reussebene wäre auch überflutet worden, wenn das gesamte Urserental bewaldet gewesen wäre.

BeobachterNatur: Das heisst, man hat aufgrund der Katastrophenlücke falsche Ursachen benannt?
Pfister: In einer ersten Phase auf jeden Fall. Erst nachfolgende Expertisen korrigierten das Bild. Daraufhin wurden Massnahmen wie neue Zonenpläne und Renaturierungen eingeleitet.

BeobachterNatur: Hat der Mensch ein einseitiges Verhältnis zu Naturkatastrophen und vergisst vor lauter Bedrohung, dass sie Treiber der Evolution sind?
Pfister: Das ist doch verständlich. Wir denken und handeln in letzter Instanz immer aus Sicht des einzelnen Menschen. Die Dynamik der Natur und ihre Gesetzmässigkeiten sind für uns brutal, denn sie nimmt auf Individuen keine Rücksicht, auch nicht auf den Menschen. Die Natur hat ein viel längeres Gedächtnis, unsere Perspektive ist sehr kurz.

BeobachterNatur: Wird sich dieses Bewusstsein ändern?
Pfister: Wenn «Peak Oil», das globale Fördermaximum von Erdöl, erreicht ist, geht die Ölproduktion nur noch zurück. Dann beginnt die zweite Halbzeit der industriellen Zivilisation. Und die wird sehr viel anders aussehen als die erste. Grundlegende Veränderungen sind zu erwarten. Wir florieren noch dank einer grossen Masse billiger Energie, verheizen die fossilen Brennstoffe in einem kurzen Zeitraum von ein- bis zweihundert Jahren. Dies ist im Vergleich zur Evolution ein Klacks.

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