Anfang Dezember werden wir wahrscheinlich Zeugen eines seltenen und spektakulären Schauspiels. Überlebt der Komet Ison das Vorbeiziehen an der Sonne, ohne in kleine Bruchstücke zu zerbersten, können wir den Schweifstern in den ­ersten Dezembertagen mit blossem Auge verfolgen. Just zur Adventszeit kämen wir in den Genuss eines Himmels­phänomens, das an die biblische Geschichte erinnert. Wobei der Stern von Betlehem vermutlich kein Komet war, sondern eine seltene Konstella­tion der Planeten Jupiter und Saturn.

Ob es zur Himmelsshow kommen wird, war bei ­Redaktionsschluss noch offen. «Die grosse Frage ist, ob Ison den Kräften der Sonne standhalten kann oder nicht», sagt Astronom Andreas Verdun von der Universität Bern. Ison gilt als «Sonnenstreichler», weil er sich dem Zentralgestirn am 28. November bis auf 1,5 Millionen Kilometer nähert. Das entspricht der vierfachen Distanz zwischen Erde und Mond, ist aber für kosmische Verhältnisse wenig. Falls Ison die Nähe zur Sonne überlebt, wird sich sein Schweif zu maximaler Grösse ausdehnen. Die starke Strahlung und der Sonnenwind treiben Gase und Staub aus dem Kern des Kometen und erzeugen eine sogenannte Koma, bestehend aus einem Gas- und einem Staubschweif. Zur Gefahr für die Erde wird Ison nicht. Er passiert sie in einer Entfernung von rund 60 Millionen Kilometern.

Wie viele Kometen stammt Ison aus der Oortschen Wolke am Rande unseres Sonnensystems. Dort haben sich Überbleibsel aus der Entstehungszeit der Sonne und der Planeten angesammelt: Milliarden von Brocken aus Eis und Staub. Ab und zu verlässt ein solcher «dreckiger Schneeball» die Oortsche Wolke und umrundet die Sonne in einer weiten, elliptischen Bahn. Manche Kometen bewegen sich auf einer stabilen Bahn und kehren wie der bekannte Halley-Komet alle paar Jahrzehnte wieder. Andere verschwinden im All.

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Ison ist ein junger Komet und fliegt erstmals auf die Sonne zu. Erst am 21. September 2012 haben ihn zwei russische Astronomen entdeckt. Fachleute rechnen deswegen mit einem besonders hellen Schweif, weil der Kometenkern noch voller gefrorener Gase ist. Ob sich Ison an diese Prognosen hält, bleibt abzuwarten. «Voraussagen sind schwierig. Es ist möglich, dass wir mit blossem Auge nichts sehen werden», sagt ­Verdun. — Stefan Stöcklin

Blick in den Himmel

Komet Ison zeigt sich vor Sonnenaufgang am süd­östlichen Morgenhimmel. Bis Ende November ist er mit dem Feldstecher oder sogar mit blossem Auge sichtbar. Nach der Sonnenpassage am 28. November sollte er mit blossem Auge sowohl in der Morgen- als auch in der Abend­dämmerung (im Westen) erkennbar sein.