«Sicher, umwelt- und klimafreundlich» - mit diesen drei Stichworten wirbt das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) für sein Angebot, und auf vielen seiner Wasserkraftwerke prangt stolz das Ökolabel «naturemade». Umweltfreundlich? Naturemade? Da kann Gian-Reto Borsien nur den Kopf schütteln. Borsien ist Aktuar beim Kantonalen Fischereiverband Graubünden, er kennt die meisten Gewässer im Kanton. Auch den Abschnitt der Julia beim Dorf Rona. «Dort wird der Fluss für die Fische wegen der Wassernutzung zur Todesfalle».

Rona liegt in einer lauschigen Ebene im Oberhalbsteintal. Die Julia fliesst hier langsam, der Kiesgrund ist ein ideales Laichgebiet für die Fische. Im Winter jedoch trocknet der Abschnitt komplett aus. Wenige Kilometer talaufwärts nutzt das EWZ mit dem Marmorera-Stausee die Julia für die Stromproduktion und lässt das Wasser aus dem Stausee via Druckschacht ins Kraftwerk Tinizong abfliessen. «Die Konzession gibt uns die Möglichkeit, sämtliches Wasser zu nutzen und damit kein Restwasser in das unterliegende Bachbett einzuleiten», sagt EWZ-Mediensprecher Harry Graf. Ob ein Flussbett austrockne, hänge auch von weiteren Faktoren ab wie der Beschaffenheit des Bachbettes, dem Grundwasserspiegel, der Wasserführung der Seitenflüsse oder von baulichen Massnahmen Dritter. Um die Julia ganzjährig fliessen zu lassen, müsste das EWZ auf eine Energiemenge verzichten, die ausreicht, um rund 6000 Haushalte zu versorgen.

Für Gian-Reto Borsien sind das nur Ausflüchte. Man könne nicht für Ökostrom werben und gleichzeitig die Julia austrocknen lassen. Um zu verhindern, dass die Fische verenden, wird der Abschnitt jeden Herbst von freiwilligen Helfern unter der Leitung des Hauptfischereiaufsehers leergefischt. Rund 1200 Tiere waren es bei der letzten Aktion. «Ist es ökologisch oder 'naturemade', wenn man Flüsse ausfischt und den Tieren die Fortpflanzung verunmöglicht?», fragt Borsien. Das naturemade-basic-Zertifikat, so EWZ-Sprecher Graf, verlange nur, dass der Strom aus erneuerbaren Energiequellen produziert wird. Das ist offensichtlich nicht gleichbedeutend mit umweltverträglich.

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