Die Models auf diesem Laufsteg sind nicht blond, sondern grün, die Idealmasse nicht 90-60-90, sondern 4-90-4. Die Ziffern stehen für Vier-Liter-Turbo-Dieselmotor, 90 Pferdestärken und Vierfach-Zapfwelle. Die Mannequins hier drin sind nämlich Traktoren. In der Halle des Strickhofs im zürcherischen Lindau sitzen Dutzende von Bauern auf Festbänken und trinken Rivella aus Pet-Flaschen, einige essen eine Olma-Kalbsbratwurst dazu. Es geht gegen Mittag zu.

Die Landmaschinenfirma Claas präsentiert ihre neusten Traktoren, Kreiselwender, Ladewagen und Rundballenpressen. Plötzlich recken die Zuschauer ihre Köpfe Richtung Scheunentor zu Karin. Sie ist die Moderatorin und einzige Frau im Raum. Unter Fanfaren aus Lautsprechern kündigt sie den ersten Traktor an, der mit eingeschalteten Flutlichtern in den Saal prescht. Intercooler Turbolader, voll gefederte Kabine, Joystick an der Armlehne, luftgefederter Komfortsitz, alles vom Feinsten. Der Traktor trägt den Namen «Ares», wie der griechische Kriegsgott, Sohn des Zeus; den Gott gibt es in Ausführungen bis 200 PS. Dann ein donnernder Abgang, Karin kündigt schon die nächsten Modelle an. Sie macht das sehr professionell, hat die Daten wohl schon hunderte Male heruntergespult. Sie trägt Blue Jeans und schwarze Cowboystiefel mit weissen Stickereien, ihr blondes Haar ist zu einem Rossschwanz zusammengebunden. Einige Traktorräder sind so gewaltig, dass sie sogar Karin überragen, die kein Zwerg ist.

Dieselruss und kaputte Böden



In den letzten Jahren hat sich auf Schweizer Höfen eine stille Revolution vollzogen. Ein Blick in den Agrarbericht des Bundesamts für Landwirtschaft zeigt: Die Zahl der Traktoren mit über 100 PS hat sich in der Schweiz seit 1990 verfünffacht, dafür gibt es nur noch halb so viele Traktoren unter 50 PS. Auch die Arbeits- und Erntemaschinen werden immer breiter und schwerer: Es gibt dreimal so viel Mehrscharpflüge und viermal so viel Sammelpressen für Grossballen wie noch vor 15 Jahren. Mit Radlasten von elf Tonnen und Maximalgewichten um die 60 Tonnen stehen in der Zuckerrübenernte die schwersten Landmaschinen im Einsatz.

Kommt dazu: Schweizer Bauern lieben nicht nur grosses Gerät, sie haben auch jede Menge davon. Die Schweiz hat «eine der höchsten Dichten an Traktoren pro Fläche in ganz Europa», sagt Wolfgang Sturny vom Amt für Landwirtschaft und Natur des Kantons Bern. 118000 Traktoren fahren auf Schweizer Äckern herum, und es gibt knapp 66000 Betriebe. Das heisst: Im Schnitt verfügt jeder Betrieb über zwei Traktoren.

Erstaunlich ist, dass man über die Folgen dieser Übermechanisierung kaum spricht.

Erstens produzieren Dieselmotoren gesundheitsschädigenden Russ, was SVP-Nationalrätin Jasmin Hutter einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte, als sie behauptete, es gebe keine funktionierenden Russpartikelfilter für Baumaschinen auf dem Markt. Damals war ausschliesslich von Baumaschinen die Rede. Doch die Dieselmotoren in der Land- und Forstwirtschaft verursachen fast ebenso viel schädlichen Russ. Praktisch kein Traktor in der Schweiz ist mit einem schützenden Russpartikelfilter ausgestattet, wie Felix Reutimann, Experte beim Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, bestätigt.

Zweite Folge: Den Böden geht unter der tonnenschweren Last der Schnauf aus, sie geraten buchstäblich unter die Räder. Sie verdichten, wie es im Jargon heisst. Oder direkter formuliert: Sie gehen kaputt. Der Boden besteht nämlich zur Hälfte aus Hohlräumen. Schwere Traktoren drücken diese Hohlräume zusammen, das Wasser kann deshalb nicht mehr versickern. Die Bauern zerstören so ihre eigene Lebensgrundlage. Besonders schlimm sind die Folgen, wenn die Böden während der Bearbeitung feucht sind. Der Spaziergänger erkennt die Schäden nach starken Niederschlägen: Es sind die Wasserseen auf den Äckern. Sie sind ein untrügliches Zeichen für verdichtete Böden. Ein Drittel der Schweizer Landwirtschaftsfläche ist laut Bodenspezialist Sturny gefährdet.

Der Zwang zur erhöhten Produktivität



Die Studie «Bodenverträglichkeit von Landmaschinen», in Auftrag gegeben von drei kantonalen Umweltschutzämtern, kommt zu erschreckenden Ergebnissen:

  • «Grosstraktoren (ab 135 PS) sind nur unter trockenen Bedingungen bodenverträglich», bei nassem Boden haben sie eine «zerstörende Wirkung». Doch gerade solche Maschinen werden immer häufiger im Frühgemüseanbau eingesetzt, also zwangsläufig auf feuchten Böden.

  • Normaltraktoren (70 bis 135 PS): «Bei feuchtem Boden muss ihr Einsatz grösstenteils kritisch beurteilt werden.»

  • Selbst Druckfässer für die Gülle und Mistzetter sind «bereits aufgrund ihrer Achslasten bodenunverträglich».

  • Selbstfahrende Feldhäcksler müssen als «generell kritisch und für die Maisernte sogar als bodenunverträglich beurteilt werden».

  • Zuckerrübenvollernter sind «selbst unbeladen kritisch bis unverträglich für den Boden». Mehrreihige Vollernter sind «bodenzerstörend». Solch schwere Maschinen werden vor allem von Lohnunternehmern eingesetzt, die von Bauern für die Ernte angeheuert werden. Um die teuren Maschinen gewinnbringend zu nutzen, werden sie rund um die Uhr eingesetzt, also auch bei schlechtem Wetter. Der Druck, im Frühling möglichst früh, also auch bei nassen Bedingungen, mit der Produktion zu beginnen, ist stark.


Die Landmaschinenbranche reagiert zwar, indem sie breitere und luftdruckvariable Reifen anbietet. Doch «ab einer gewissen Bodentiefe ist das Gewicht entscheidend», sagt Bodenspezialist Wolfgang Sturny. «Da nützen auch Zwillingsräder nichts mehr.»

Man kann es den Bauern nicht verübeln. Jeden Tag verschwinden in der Schweiz vier bis fünf Bauernhöfe. Politiker predigen: Ihr Bauern müsst Unternehmer werden, die Arbeitsproduktivität erhöhen. Die kann man erhöhen, indem man Muskelkraft durch Maschinenkraft ersetzt, indem man in einem Arbeitsgang immer mehr Fläche bearbeitet. Und das braucht eben mehr PS.

Die Show auf dem Strickhof ist fast beendet. Ein Film zeigt Traktoren, die der untergehenden Sonne entgegenfahren. Dann kündigt Karin ihr Lieblingsgerät an, den Cougar. «Das ist mein Baby», sagt sie. Das Baby wiegt 18 Tonnen.

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