Die Zeit ist unser Gegner. «Los, los – schneller!» Der Wind pfeift kalt um die Ohren, die Anweisungen sind kaum zu verstehen. Stefan schaufelt wie wild, keucht, schwitzt. Der Schnee, den er hinter sich wirft, wird von Markus und dann von Gustav weiter nach hinten verfrachtet. Nach 60 Sekunden werden im Eiltempo die Positionen gewechselt. Nun schaufelt Markus zuvorderst. Dort ist die Arbeit extrem anstrengend, der Schnee hart und schwer.

Über einen Meter tief haben wir schon gegraben. Der Puls ist am Limit. Was gäben wir darum, endlich auf Michels grünen Rucksack zu stossen! Die Minuten verrinnen – und Minuten entscheiden bei einem Lawinenunglück über Leben und Tod.

«Trauer nach Lawinenunfall am Stanserhorn», «Lawinen-Horror am Titlis»: Solche Meldungen jagten sich während der schneereichen letzten Wintersaison regelmässig. Um möglichst nie selbst Gegenstand einer solchen Schlagzeile zu werden, haben wir uns für den Grundkurs «Lawinen» der Alpinschule Berg + Tal angemeldet. Wir machen uns auf zur Lidernenhütte im Kanton Schwyz: mit der winzigen, vom Landwirt betriebenen Luftseilbahn von Chäppeliberg hinauf, dann mit Fellen an den Skis hinüber zur SAC-Hütte. Dort hiess es: Fensterläden zu, Beamer an, Notizblock und Kugelschreiber zur Hand.

Freischaufeln: mühsam und zeitraubend

Nach dem Theorieblock steigen wir ins freie Gelände auf. Das Wetter hat mittlerweile umgeschlagen. Die Sonne ist weg, der Wind bläst eisig. Vorher, in der warmen Stube, haben wir gelernt: Nach 15 Minuten schwindet die Überlebenschance in einer Lawine drastisch. Wir schaufeln bereits seit 20 Minuten. Knapp zwei Meter tief haben wir schon gegraben. Dann endlich stösst Gustavs Schaufel auf Widerstand, und mintgrün schimmert Michels Rucksack unter der Schneeschicht.

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Kursleiter Michel Alessandri grinst. Der Bergführer meint: «Ihr habt meinen Rucksack aber auch etwas gar tief vergraben.» Die durchschnittliche Verschüttungstiefe liege bei rund einem halben bis einem Meter, erklärt uns der 35-Jährige.

Mit einem Lawinenverschütteten-Suchgerät (LVS, siehe «Lawinen: Gerüstet für den Notfall») findet man ein Lawinenopfer in wenigen Minuten. Doch die Feinsuche per Sonde, einer zusammensteckbaren Alu­miniumstange, ist trotz modernem LVS zur exakten Ortung wichtig. Und dann das Schaufeln: anstrengend und zeitraubend. «Und, gopferteckel, warum müssen wir zu dritt schaufeln und den Schnee mühsam weit nach hinten verfrachten?», haben wir Michel keuchend gefragt. Weil wir nicht wissen können, in welche Richtung der Verschüttete liegt, sagt er. «Im dümmsten Fall buddelt ihr erst nur die Füsse frei und müsstet dann genau dort zum Kopf hinunter graben, wo euer Schneehaufen liegt.»

Der Wind als Baumeister der Lawinen

Michel stellt immer wieder Fragen zu unserer eigenen Einschätzung der momentanen Situation. Und er mahnt uns: «Überprüft dauernd, ob die Gefahr gemäss Lawinenbulletin mit derjenigen hier vor Ort übereinstimmt!» Neuschnee sei grundsätzlich problematisch, die sogenannte «kritische Neuschneemenge» hänge aber von der Unterlage ab und liege zwischen 10 bis 50 Zentimeter. «Die meisten Lawinen werden von den Tourengängern selbst aus­gelöst.» Zum Beispiel, weil eine Spitzkehre beim Aufstieg die Schneedecke um das Zwei- bis Dreifache des Körpergewichts belastet, ein Sturz während der Fahrt sogar bis um das Zwölffache. «Bei gewissen Bedingungen gibt es deshalb Stellen, wo man schlicht nicht stürzen darf», sagt Michel.

Und was der Laie auch nicht gedacht hätte: Bereits bei «erheblicher» Lawinen­gefahr, der dritten von insgesamt fünf Gefahrenstufen, ist eine Fernauslösung möglich – ein einzelner Tourengänger, der unten im Talgrund unterwegs ist, kann am Hang oben eine Lawine auslösen.

Zurück in der Hütte, weckt uns in der Nacht ein Föhnsturm, der an den Fensterläden rüttelt. «Der Wind ist der Baumeister der Lawinen», hat Michel am Nachmittag gesagt. Der Wind verfrachtet den Schnee, vor allem bei Neuschnee, und damit kann sich an den windabgewandten Hängen Triebschnee ansammeln – was dort das Lawinenrisiko erhöht. So verinnerlichen wir das Gelernte schon fast im Schlaf.

Morgens um halb acht steigen wir in Richtung Hundstock auf. Der Sturm hat sich gelegt. Wir wissen nun: Faktoren, die das Lawinenrisiko beeinflussen, sind Niederschlag, Temperatur, Wind und der Mensch. Zwei weitere Punkte kommen hinzu: Gelände und Schneedecke. Beim Gelände gilt: In der Regel entstehen Lawinen erst ab einer Hangneigung von 30 Grad. «So richtig Spass macht das Skifahren aber erst ab 30 Grad», bringt Bergführer Michel das Dilemma auf den Punkt. Dann zeigt er auf ein kleines Tännchen oben an einem steilen Hang: Dorthin müssen wir unseren eigenen Weg finden – möglichst so, dass wir nie in eine Neigung von über 30 Grad geraten. Nur zwei von sieben Kursteilnehmern schaffen es – denn das un­geübte Auge täuscht sich aus der Distanz schnell. Deshalb zeigt uns Michel, wie man mit den Skistöcken die Neigung berechnet.

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Am Nordhang ist die Gefahr am grössten

Zu guter Letzt müssen wir noch einmal schaufeln. Diesmal sogar zwei Löcher, ­eines an einem Nord-, das andere an ­einem Südhang. Wir wollen die Schnee­decke untersuchen: Mit halbgeschlossenen Augen fährt Michel langsam und gefühlvoll mit dem Zeigefinger von oben nach unten durch den freigelegten Schnee. Jede gespürte Veränderung der Schneehärte markiert er mit einer Kerbe. Wie meist üblich, hat es am Nordhang mehr Schichten, die ausserdem weniger gut miteinander verbunden sind – was das Schneebrettrisiko erhöht.

Mit Michels Gespür für Schnee können wir natürlich nicht mithalten, aber wir haben von der weissen Pracht nun wenigstens eine Ahnung. Und so werden wir von nun an abseits der Pisten nicht mehr völlig blauäugig durch die Gegend stieben.

Kurse

  • Grundkurs Lawinen, 2 Tage, rund 375 Franken, inklusive Übernachtung in der Hütte und Halbpension.

  • Aufbaukurs Lawinen, 3 Tage, rund 595 Franken, inklusive Übernachtung in der Hütte und Halbpension.


Buchen: Alpinschule Berg + Tal, Root LU, www.bergundtal.ch

Lawinenkurse werden auch vom SAC und von vielen anderen Bergsportschulen in der ganzen Schweiz angeboten: www.sac-cas.ch, www.bergsportschulen.ch


Internet

Lawinenbulletin: www.slf.ch

Merkblatt «Achtung Lawinen» und Broschüre «Lawinengefahr – das Risiko besser einschätzen» zum Bestellen oder Download: www.slf.ch/...


Buchtipp

Kurt Winkler, Hans-Peter Brehm, Jürg Haltmeier: Bergsport Winter: Technik, Taktik, Sicherheit; Verlag SAC, 272 Seiten, 42 Franken (SAC-Mitglieder 33 Franken)

Lawinen: Gerüstet für den Notfall

Die Lawinen-Grundausrüstung kann man meist auch in Bergsportgeschäften oder bei Bergführern mieten. Spezielle Gadgets wie Lawinen-Airbag, Avalung, Avalanche-Ball und Recco-Reflektoren dienen aber nur als Ergänzung zur Grundausrüstung – ersetzen diese also keinesfalls. Ausserdem: Für mehr Sicherheit sorgt beispielsweise ein Lawinen-Airbag nur dann, wenn man nicht gleichzeitig ein höheres Risiko eingeht.

Lawinensonde.jpgLawinenverschütteten-Suchgerät (LVS): Nur moderne Drei-Antennen-LVS sollten benutzt werden. Sie sind einfacher zu bedienen und führen auch schneller zu den Verschütteten. Preis: zwischen 330 und 480 Franken.

Lawinensuchgeraet.jpgLawinensonde: Sie besteht aus mehreren klappbaren Alurohren und misst zusammen­gesteckt 2,4 bis 3,2 Meter. Moderne Sonden sind mit einem LVS-Empfänger mit Näherungsanzeige ausgerüstet. Preis: zwischen 50 und 180 Franken.


Lawinenschaufel.jpgLawinenschaufel: Sie sollte möglichst robust sein und über ein gekrümmtes Schaufelblatt verfügen, was die Effizienz verbessert. Der Stiel (möglichst längenverstellbar) sollte einen T- oder D-Handgriff haben. Preis: zwischen 50 und 90 Franken.