1. Home
  2. Umwelt
  3. Flora & Fauna
  4. Markus Imhoof: Honigbienen

Markus ImhoofHonigbienen

BeobachterNatur: Markus Imhoof, Ihr Film «More than ­Honey» über das Bienensterben kommt bald ins Kino. Wie oft wurden Sie ­während der Dreharbeiten gestochen?
Markus Imhoof: Zu Beginn führten wir im Team Buch über die Stiche. Aber irgendwann wurden es zu viele. Ich bekam wahrscheinlich die meisten ab. Am ärmsten dran war aber der Kameramann. Sein Kopf war zwar mit einem Netz geschützt, doch bei der Nase konnten die Bienen hindurchstechen. ­Irgendwann schwoll seine Nase so stark an, dass der Arme aussah wie der «Elephant Man».

BeobachterNatur: In ganz Europa, Nordamerika und China könne heute keine Honigbiene mehr ­ohne Medikamente überleben, heisst es im Film. Gibt es also gar keine wild­lebenden Bienen mehr?
Imhoof: Nein, die gibt es nicht mehr. Auf einer ­dänischen Insel überliess man einmal 15 Völker ohne menschliche Pflege ihrem Schicksal und schaute, was geschah. Nach wenigen Jahren waren es nur noch drei. Dummerweise brach man das Experiment dann ab. Es wäre interessant gewesen zu sehen, ob die drei Völker längerfristig überlebt hätten.

BeobachterNatur: Was haben Sie über die Gründe für das Bienensterben herausgefunden?
Imhoof: Es gibt im Wesentlichen vier Gründe. Erstens die Bienenkrankheiten, verursacht vor allem durch die Varroamilbe, die ja vom Menschen über die ganze Welt verschleppt wurde. Zweitens die Pestizide, die Umweltgifte. Dann die zunehmende Eintönigkeit der Landschaften, die den Bienen zu wenig Futter bietet. Und viertens die Inzucht, ein völlig unterschätztes Problem. Die Genvielfalt muss sich unbedingt wieder vergrössern, damit die Bienen robuster und anpassungsfähiger gegenüber Krankheiten werden.

BeobachterNatur: Wie ist es zu dieser genetischen ­Verarmung gekommen?
Imhoof: Der Grund liegt im Rassenwahn, der unter den Imkern grassiert. Oberstes Ziel bei der Zucht sind heute Fleiss und Sanftmut sowie die Reinheit der Rassen. Wichtiger wären aber Gesundheit und Robustheit. In den 1920er Jahren wurde eine Bienenrasse gezüchtet, die gegen Milben in den Atemwegen resistent ist, die sogenannte Buckfastbiene. Aber viele Imker lehnen sie ­immer noch ab, weil es Bastarde seien.

BeobachterNatur: Sind also die Imker teilweise selber schuld am Bienensterben?
Imhoof: Zum Teil schon. Sie lassen die Bienen zum Beispiel auch nicht schwärmen, weil das nicht praktisch ist. Somit können die Tiere nie einen Neuanfang machen und ihre Waben von Grund auf neu bauen. Das würde den Varroamilben und anderen Krankheitserregern die Vermehrung erschweren. Viele Imker stecken die Bienen lieber in alte, verseuchte Waben.

BeobachterNatur: Sie erwähnen im Film, dass in China die Bäume von Hand bestäubt werden müssen, weil die Bienen ausgestorben sind. Ist das wirklich so?
Imhoof: Es gibt viele Wanderimker in China, die mit Familie, Zelt und Bienen durch das Land ziehen. Aber es gibt auch Imker, die die grossen Agro­industrielandschaften wegen der Pestizide meiden. Der Chemieeinsatz in China ist enorm; man sieht in den Feldern dauernd Leute mit Giftspritzen.

BeobachterNatur: Stimmt es, dass Bienen die ­Giftstoffe bei der Honigproduktion in ­ihrem Körper zurückbehalten, um die Brut nicht zu vergiften?
Imhoof: Ja, die Bienen versuchen, den Nachkommen reinen Honig zu geben, können aber die Giftstoffe nicht vollständig herausfiltern. Dieses Sich-Opfern für den Stock ist bei den Bienen ja ein ­Grundprinzip.

BeobachterNatur: Glauben Sie, dass das Thema ­Bienensterben viel Publikum ins Kino ­locken wird?
Imhoof: Viele Leute sagten im Vorfeld: «Jetzt wird er alt, jetzt macht er einen ‹Bienli›-Film.» Dabei will ich den Zusammenhang von Bienen und Weltwirtschaft aufzeigen. Was die Menschen ins Kino locken wird, ist die Erkenntnis, dass ein Drittel unserer Nahrung von den Bienen abhängig ist, dass wir alle betroffen sind. Und dann die «Science-Fiction-Reise» in den Bienenstock, all die Makroaufnahmen von tanzenden und fliegenden Bienen – das ist wahnsinnig spannend.

BeobachterNatur: «More than Honey» ist Ihr erster Film über ökologische Fragen. Was bedeutet das Thema für Sie?
Imhoof: In meiner Familie war die Ökologie immer präsent. Die Wirtschaftswunderwelt erschien uns von Kindsbeinen an als oberflächlich und zu schnell. Ich hatte viele «Krämpfe» mit meinem Vater, aber in diesem Punkt bin ich ihm sehr dankbar für die Basis, die ich bekommen habe.

BeobachterNatur: Es kommen vermehrt Filme zu ­öko­logischen Themen ins Kino.
Imhoof: Die Leute merken, dass es auf diesem Planeten stinkt, dass es seinen Preis hat, immer schneller und pseudobesser zu sein. Die Landwirtschaft und die Agrochemie, diese ganze Manipulation in den ­Monokulturen, das ist totalitär, am Ende auch für die Menschen, die das essen sollen. Dass da der Normalverbraucher irgendwann rebelliert, ist logisch. Ich finde das wunderbar.

Markus Imhoof, 71, hatte sich mit Dokus und Spiel­filmen bereits einen Namen gemacht, als ihm 1981 mit «Das Boot ist voll» ein Gross­erfolg gelang. Imhoof, der durch seinen neuen Film selbst zum Hobbyimker wurde, lebt in ­Berlin. «More than Honey» läuft ab 25. 10.2012 in den Schweizer Kinos.
Quelle: Ann-Cristine Jansson
Veröffentlicht am 01. Oktober 2012

Bitte melden Sie sich an, um zu diesem Artikel zu kommen­tieren.

1 Kommentar

Sortieren nach:
Rainer Busacker
Wenn wenigsens die Imkervereine Ihre Dokumentationen lesen und veröffentlichen würden, so wäre ein Anfang gemacht. Leider ist das wohl nur sehr bedingt so. Ich persönlich freue mich über alle Ihre Erkenntnisse und die Tatsache sie teilen zu wollen.

Bitte melden Sie sich an, um auf diesen Kommentar zu antworten.