Der Aufbruch ins Leben beginnt im Sand. Im Boden eines einsamen Strandes auf der indonesischen Insel Sangalaki, 80 Zentimeter unter der Oberfläche, bahnt sich eine Schildkröte den Weg aus dem Ei. Mit einem Höcker auf der Schnauze ritzt sie die Schale auf, dann drückt und zwängt sie, bis das Ei aufbricht und sie sich vollends befreien kann.

Die Geschwister aus demselben Gelege, alle kaum grösser als ein Fünffrankenstück, tun es ihr gleich. Binnen Minuten krabbeln 100 Jungtiere aus ihren Schalen, bestrebt, ihre Sandhöhle so schnell wie möglich zu verlassen. Ein Kraftakt: Rund zwei Tage brauchen die Frischgeschlüpften, um sich durch den Sand hochzuarbeiten.

Knapp unter der Oberfläche ruhen sie ein letztes Mal aus. Sie schlafen tief, die Augen fest geschlossen, als seien sie tot. Ganz so, als ob sie ahnten, dass ihr Drängen ins Leben schon bald zu einem Spiessrutenlauf wird.

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Der Ausbruch der Schildkröten von Sangalaki wird von den Rangern der Turtle Foundation schon erwartet. Täglich machen sich die Naturschützer auf die ­Suche nach frischen Spuren im Sand. Denn die Insel östlich von Borneo ist ­eine der wichtigsten Brutstätten für die Grüne Meeresschildkröte (Chelonia mydas), die man früher auch Suppenschildkröte nannte. Rund 4000 Nester werden jedes Jahr an den Stränden der ­unbewohnten, bloss 20 Hektaren grossen Insel gezählt, so viel wie sonst nirgends auf der Welt.

Aller Anfang ist schwer, auch für die Meeresschildkröte

Seit zehn Jahren steht das Eiland unter Schutz. «Zuvor wurden die Schildkröteneier jahrzehntelang systematisch von Sammlern ausgebuddelt und auf Borneo auf dem Markt verkauft», sagt Hiltrud Cordes, Projektleiterin der Turtle Foundation. Die weltweit gefährdete Art wäre auch auf Sangalaki beinahe ausgestorben. Heute ­unterstützen die einheimischen Ranger wenigstens die ers­ten Schritte der Tiere, rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr. Sie ver­legen zu nah am Wasser gegrabene Nester aus der Überschwemmungszone. Sie schützen die Eier vor Dieben. Und sie tragen frischgeschlüpfte Tiere, die es aus eigener Kraft nicht durch den Sand schaffen, ins Meer.

Legt sich die Nacht über das Tropenparadies und leuchtet der Mond nicht allzu hell, scheint sich der Sand plötzlich zu bewegen. An ein, zwei Dutzend Stellen spuckt er Hunderte bis Tausende von Schildkröten­babys aus. Mühselig kämpfen sich die Tiere mit ihren schaufelartigen Beinchen aus dem Sand. Kaum befreit, wuseln sie flink den Wellen ent­gegen. So können sie mit etwas Glück den zahlreichen Krabben und Seevögeln entgehen, die schon auf ein nächtliches Fressgelage warten. Rasch gleiten sie ins Wasser und verschwinden in den Tiefen der Celebes-See.

Mit Hunderten von Eiern Richtung Sangalaki

Der im Tierreich vielleicht schwierigste Start ins Leben beginnt eigentlich schon Monate zuvor. Irgendwo im Pazifik, vom Wasser hin- und hergeworfen, klammert sich ein 150 Kilogramm schweres Männchen an den Rücken eines ebenso schweren Weibchens. Die beiden paaren sich, und das Weibchen speichert den männlichen Samen, um damit später Hunderte von Eiern zu befruchten. Wie von unsichtbarer Hand ­geführt, nimmt es kurz darauf Kurs auf Sangalaki, den Ort der Geburt.

Bekannt ist, dass sich Schildkröten auf ihren Wanderungen durch die Meere am Magnetfeld der Erde orientieren. Mit einem künstlichen Magnetfeld kann man sie nämlich problemlos in die Irre führen. Allem Anschein nach haben sie im Gehirn eine Art Magnetfeldkarte gespeichert, die ­ihnen den Weg vom Geburtsort zu den bes­ten Nahrungsgründen weist und sie später wieder zurückführt. Aber wie genau die ­urtümlichen Tiere, die seit 150 Millionen Jahren durch die Meere schwimmen, auch kleinste Inseln wiederfinden, zählt zu den grossen Geheimnissen der Natur.

Das Weibchen trifft in einer lauen Nacht am Strand von Sangalaki ein. Mit der Flut lässt es sich ans Ufer spülen, dann schleppt es sich mühsam aus dem Wasser. Lange wartet das Reptil am Wellensaum, um sicherzugehen, dass es den Strand für sich allein hat. Ist die Luft rein, gräbt es mit seinen Hinterbeinen ein Loch in den Sand, so tief, wie es nur geht. Immer wieder hält es inne. Die Arbeit ist kräfteraubend. Dann drückt es um die 100 weisse, schleimige Bällchen aus dem Hinterleib. Es deckt die Brut mit Sand zu, kehrt ins Meer zurück und überlässt die Nachkommen ihrem Schicksal.

Jede Nacht graben an den Stränden von Sangalaki etwa zehn Weibchen ihre Nester. Von Dezember bis April sind es etwas weniger, von Juli bis September etwas mehr als sonst. Bis zu fünf Nester legt ein Weibchen im Abstand von jeweils zwei Wochen. Danach schwimmt es für zwei bis vier Jahre zurück zu seinen Nahrungsgründen nördlich von Borneo.

Ob aus den Eiern Weibchen oder Männchen schlüpfen, hängt von der Nesttemperatur kurz nach der Eiablage ab. Bei unter 30 Grad Celsius entwickeln sich die Embryos zu Männchen, bei über 30 Grad zu Weibchen.

Noch heute versuchen Eierdiebe, die Nester zu plündern. Immer wieder legen verdächtige Boote an. Manchmal direkt bei der Ranger-Station, einer einfachen Holzhütte mit einem Wassertank und einem Dieselgenerator. Aber die Ranger anzugreifen wagt niemand. Werden die potentiellen Diebe erwischt, müssen sie ­unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Nur die Harten kommen in ... das Meer

Rund zwei Monate nach der Eiablage ist es so weit: Die kleinen Schildkröten schlüpfen. Doch ist damit der Aufbruch ins Leben geschafft? Mitnichten. Was in der Folge passiert, kann am besten mit Darwins Formel vom «Überleben der Stärksten» beschrieben werden. Denn nicht nur am Strand, auch im Meer lauern unzäh­lige Feinde auf die quirligen Jungtiere. Raubfische und Delfine schnappen vor der Küste nach ihnen. Meeresvögel greifen von oben an. Fischernetze und Angelhaken fordern ihren Tribut. Gleichzeitig trägt die Meeresströmung die Schildkröten fort, nicht immer in die Richtung, in die es die Kleinen eigentlich zieht.

Die wenigen, die mit viel Glück allen Feinden und Gefahren entkommen, finden in den Weiten des Ozeans irgendwie ihren Weg. Sie ernähren sich zuerst von kleinen Tierchen, später von Seegras und von Algen. Bis zu fünf Stunden lang können sie mit der Luft eines Atemzugs unter Wasser bleiben.

Nach mehreren Jahren sind die Schildkröten endlich so gross, dass sie sich nur noch vor zwei Feinden fürchten müssen: vor dem Hai und vor dem Menschen. Und dann, 15 bis 25 Jahre nach ihren ersten Schritten im Sand, schliesst sich der Kreis: Von 1000 Weibchen schafft es eines, nach Sangalaki zurückzukehren, um erstmals selber Eier abzulegen.