Als junger Bursche litt Pascal Savary, 37, immer wieder unter Rückenschmerzen, weshalb er einen Arzt aufsuchte. Noch auf der Türschwelle, beim Eintreten, rief ihm der Medikus entgegen: «Sie sind Landwirt!» Er hatte recht. Vom vielen Melkeimer-Leeren hing seine rechte Schulter ein wenig schief. Denn schon als Dreikäsehoch ging Savary seinem Vater, einem Bauern, beim Melken zur Hand.

Doch Melken wie zu Zeiten Gotthelfs, das war einmal. Heute zischen, dröhnen und pulsen Melkmaschinen im Stall. 80 Dezibel kommen da schon zusammen. Staubsaugerlautstärke. Für die Kuh bedeutet das Stress. Sie wird krank, im Extremfall gibt sie keine Milch mehr. Überhaupt kann beim automatischen Melken einiges schieflaufen: ein angerissenes Pulsschläuchlein, Milchwirbel im Schlauch, unregelmässiges oder zu starkes Saugen. «Wir wissen nicht genau, wie die Kuh das empfindet. Wir können sie ja nicht fragen», sagt Pascal Savary, inzwischen Melkspezialist an der bundeseigenen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon in Ettenhausen TG.

«Nur Hühnern wird noch mehr abverlangt»

Im Dezember hat er eine europaweit einzigartige «Melkwand» in Betrieb genommen. Mit ihrer Hilfe spürt Savary, ein schlaksiger Bursche mit kurzem Haar und Brille, Vibrationen und Lärm im Innern der Melkanlage nach. Für verzweifelte Bauern, deren Kühe nicht mehr freiwillig den Melkstand betreten, ist er die letzte Instanz – wenn der Servicefachmann, der Melkberater und der Kriechstromspezialist mit ihrem Latein am Ende sind.

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Kühe sind Schwerarbeiter, geben mehrere tausend Liter Milch im Jahr. Da sollte wenigstens die Melkmaschine kein zusätzlicher Stressfaktor sein. «Nur den Hühnern wird noch mehr abverlangt», weiss Savary.

Der Melkexperte stammt aus einer Bauerndynastie. Drei Onkel sind Landwirte, zwei weitere Käsermeister. Auch Pascal Savary wollte Bauer werden, doch da war kein Hof zum Übernehmen. In früheren Jahrhunderten wäre er ausgewandert – Schweizer waren auf Gutsbetrieben als Chefmelker gesuchte Leute. Stattdessen holte er nach der landwirtschaftlichen Lehre die Matur nach und schaffte es bis zum promovierten Agronomen. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der «Verbesserung der Bodenqualität im Liegebereich von Mastschweinen». Tiere sind seine Leidenschaft.

Pascal Savary träumt von einem «Kompetenzzentrum» für Melktechnik mit europaweiter Ausstrahlung. Der Jungforscher untersucht die Vakuumstabilität, setzt Drucksensoren an die Zitzenspitzen, erstellt Modelle. Doch trotz allen Schläuchen, Pulsatoren und Melkbechern – eines lässt sich nicht automatisieren, sagt Savary: «Der Bauer muss die Kühe mögen.»

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