Der Bund will die eidgenössische Jagdverordnung revidieren; derzeit läuft die Vernehmlassung. Vor allem im Bereich Artenschutz kommt der Vorschlag des Bundes bei den Kritikern nicht gut an: So sollen das Birkhuhn oder die Waldschnepfe weiterhin gejagt werden dürfen, obwohl beide Arten in der Schweiz selten geworden sind. Vor allem aber sollen sogenannte «Konfliktarten» wie Wolf, Luchs, Bär, Kormoran oder Graureiher zukünftig leichter «reguliert» werden können, wenn sie nach Ansicht der Jäger und Fischer zu viel Beute machen. Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion «Jagd, Fischerei, Waldbiodiversität» beim Bundesamt für Umwelt (Bafu), nimmt Stellung zu den kritischen Punkten.

BeobachterNatur: Jedes Jahr schiessen die Jäger um die 800 Birkhähne, obwohl die Art vielerorts selten geworden ist und man nur noch um die 8000 Paare zählt. Trotzdem will der Bund den Vogel in der neuen Jagdverordnung nicht besser schützen.
Schnidrig: Das Birkhuhn ist in jenen Regionen bereits kantonal gut geschützt, wo sich die Lebensräume verändert und die Bestände deswegen abgenommen haben. Ein nationales Jagdverbot bringt aber wenig, wie Studien zeigen. Wichtiger wäre der Schutz des Lebensraums. Deshalb setzt der Vorschlag der Jagdverordnung bei den Wildruhezonen an.

BeobachterNatur: Laut Biologen sollten bei gefährdeten Arten aber unbedingt auch die letzten intakten Teilpopulationen unter Schutz gestellt werden.
Schnidrig: Klar, der Schutz von gedeihenden Teilpopulationen ist sehr wichtig. Das Bundesgesetz verpflichtet deshalb die Kantone, welche den Birkhahn noch bejagen, diese Nutzung zu überwachen und nachhaltig zu gestalten. Es bringt den Birkhühnern in der Innerschweiz aber wenig, wenn wir die Jagd im Engadin verbieten. Kein Bündner Vogel wird an den Vierwaldstättersee fliegen.

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BeobachterNatur: Warum jagt man überhaupt Birkhähne?
Schnidrig: Die Vogeljagd hat eine lange Tradition, die das Parlament 1986 beim Erlass des gültigen Gesetzes geachtet hat. Wir in der Verwaltung können diesen Entscheid nicht ändern. Wir können aber Regeln aufstellen, damit die Nutzung nicht zu Artenschutzproblemen führt.

BeobachterNatur: Können Sie als Jäger die Motivation, eine seltene Vogelart abzuschiessen, eigentlich nachvollziehen?
Schnidrig: Dass wir uns richtig verstehen, das Birkhuhn ist keine seltene Vogelart; und dort, wo diese Vogelart heute noch bejagt wird, kommt sie in guten bis sehr guten Beständen vor. Aber konkret zur Frage: Die Motivationen zur Vogeljagd sind vielschichtig. Sie reichen vom Wildbret auf dem Teller bis zum eindrücklichen Naturerlebnis. Ich selber jage keine Vögel, ich bevorzuge die Bergjagd auf die Gämse.

BeobachterNatur: Noch schlimmer steht es um die Waldschnepfe. Rund 1600 Paare brüten noch in der Schweiz, die Art steht auf der Roten Liste. Trotzdem will der Bund den Jägern weiterhin erlauben, jährlich über 2000 Vögel abzuschiessen. Ist das nicht absurd?
Schnidrig: Ihre Darstellung ist komplett falsch. Wir bejagen in der Schweiz nicht oder kaum den einheimischen Brutbestand, sondern die von Norden nach Süden durchziehenden Vögel. Fakten sind: Der europäische Bestand schwankt zwischen 20 und 30 Millionen Waldschnepfen, jährlich werden in unseren Nachbarländern drei bis vier Millionen erlegt. Der Abschuss in der Schweiz bewegt sich im Bereich von einem Zehntel-Promille.

BeobachterNatur: Eine neue Untersuchung zeigt aber, dass während der Jagdzeiten noch immer einheimische Vögel anwesend sind.
Schnidrig: Die angesprochene Untersuchung basiert auf einer sehr kleinen Stichprobe und ist deshalb wenig aussagekräftig. Tatsache ist, dass die Zahl der erlegten Vögel abhängig ist von der Zahl durchziehender Vögel. Zudem deutet nichts darauf hin, dass der einheimische Brutvogelbestand wegen der Jagd abnimmt.

BeobachterNatur: Müsste die Schweiz nicht trotzdem mit gutem Beispiel voran gehen und bei dem grausamen Spiel nicht noch mittun?
Schnidrig: Welches grausame Spiel? Ich verstehe nicht. Wissen Sie, die Schweiz geht mit gutem Beispiel voran. Statt die Interessen von Schutz und Nutzung gegeneinander auszuspielen, schlagen wir nämlich vor, eine neue grüne Allianz zwischen Naturschützern, Förstern und Jägern zu bilden und ein gemeinsames Projekt zu starten, das den Lebensraum der Waldschnepfen verbessert. Das BAFU hilft hier gerne mit.

BeobachterNatur: Neu soll man auch den Kormoran bis zum 1. März schiessen können. Warum lockert man hier die Jagdverordnung?
Schnidrig: Weil ein demokratisch ausgehandelter Beschluss des Bundesparlaments dies verlangt. Indem die Schonzeit um einen Monat verkürzt wird, gleichen wir uns den Regelungen in unseren Nachbarländern an. Sie ist auch problemlos mit der Fortpflanzungsbiologie des Kormorans vereinbar, wie die Beobachtungen der Vogelwarte Sempach nahelegen. Da die Kormoranbestände europaweit wachsen und die Vögel Konflikte mit der Fischerei verursachen, möchten die Länder, Provinzen oder Kantone die Kormorane regulieren können.

BeobachterNatur: Laut einem neuen Bundesverwaltungsgerichts-Entscheid verursacht der Kormoran den Fischern aber gar keine grossen Schäden.
Schnidrig: Diese Interpretation des Bundesverwaltungsgerichts-Entscheides teile ich nicht. Das Gericht hat lediglich die heutige Situation auf dem Neuenburgersee beurteilt. Das Urteil besagt, dass die Kormoranbestände bei untragbaren Schäden an den Netzen und Fängen der Berufsfischer grundsätzlich reguliert werden könnten, und zwar sogar in Vogelschutzgebieten. Dies, sofern zumutbare Präventionsmassnahmen ausgeführt werden und die Schäden richtig erhoben werden und relevant sind. Dies war am Neuenburgersee nicht so. Nicht beurteilt hat das Gericht die Einwirkung der in Fliessgewässern fischenden Kormorane auf bedrohte Fischarten wie Äsche oder Nase.

BeobachterNatur: Ist es nicht seltsam, dass alle europäischen Länder die Jagd auf Vögel eher einschränken, während die Schweiz sie eher lockert?
Schnidrig: Was andere europäische Länder heute einschränken, ist bei uns schon vor vielen Jahren eingeführt worden. Der Vogelschutz in der Schweiz ist vorbildlich, auch im eidgenössischen Recht. Das UVEK schlägt in der neuen Jagdverordnung lediglich vor, die Schonzeit beim Kormoran um einen Monat zu lockern. Ansonsten schlägt es verschärfte Regelungen vor, wie Schonzeiten für alle Rabenvögel oder Entlassung der Sperlingsvögel aus der den Landwirten gewährten Selbsthilfe, oder ein Verbot des Bleischrots auf der Vogeljagd.

BeobachterNatur: Warum aber wollen Sie den Bleischrot nur für die Wasservogeljagd und nicht generell verbieten? Ginge es nicht ganz ohne Blei?
Schnidrig: Der Einsatz von Bleischrot für die Wasservogeljagd lagert sich im Sediment der Flachwasserzonen ab. Diese Konzentrierungen sind im Wald und am Berg nicht gegeben. Andererseits hat Bleimunition sehr gute ballistische Eigenschaften, und ein Verbot müsste über die Ländergrenzen hinweg diskutiert werden. Hier gehe ich mit Ihnen einig, längerfristig wird die Jagd generell von Bleimunition wegkommen müssen.

BeobachterNatur: Grossraubtiere wie der Luchs, der Wolf oder der Bär werden es in der Schweiz zukünftig noch schwerer haben. Man soll sie neu auch abschiessen können, wenn sie zuviele Rehe oder Hirsche fressen. Wieso sollten die Jäger einen Anspruch auf eine gewisse Anzahl Beutetiere haben?
Schnidrig: Die Jäger haben keinen Anspruch auf eine bestimmte Anzahl Beutetieren. Aber die Kantone besitzen gemäss unserer Verfassung das Jagdregal, und das eidgenössische Gesetz verspricht ihnen eine «angemessene jagdliche Nutzung» der Wildbestände. Deshalb soll ihnen ein gewisser Handlungsspielraum eröffnet werden, um für Gleichgewichte zwischen den Wildhuftieren und den grossen Raubtieren sorgen zu können, dies aber immer mit Bewilligung des Bundes.

BeobachterNatur: Sollte nicht der Schutz von seltenen, extrem gefährdeten Arten absoluten Vorrang haben? Keine der Grossraubtier-Arten, auch nicht der Luchs, konnte sich bis jetzt in der Schweiz wirklich etablieren, und nun sollen sie schon wieder «reguliert» werden.
Schnidrig: Das Bundesparlament will dies halt anders. Der Entscheid zur Motion der nationalrätlichen UREK war eindeutig. Allerdings sagt der Bundesrat klar, dass auch auf Seiten der Raubtiere zuerst etablierte Bestände vorhanden sein müssen, bevor eine geschützte Art reguliert werden kann. Damit könnte die neue Bestimmung der Schlüssel zum Erfolg werden, so dass sich auch Luchs und Wolf in der Kulturlandschaft der Schweiz verbreiten, allerdings auf einem für alle verträglichen Niveau.

BeobachterNatur: Aber auch der Luchs braucht laut den Biologen Zentren mit vielen Tieren, aus denen er noch unbesiedelte Gebiete besiedeln kann.
Schnidrig: Leider ist gerade der Luchs ein schlechter Kolonisator von neuen Räumen. Die stark gegliederte Landschaft der Schweiz stellt für diese Wildkatze ein echtes Problem dar. Deshalb können die Bestände in einzelnen Regionen ja auch stark anwachsen. Der Luchs braucht für die Ausbreitung in die grosse Fläche etwas Unterstützung. Deshalb sieht das Konzept Luchs Schweiz hier Umsiedlungen vor, wobei diese natürlich nicht ohne die positive Gesinnung der Kantone zu bewerkstelligen ist.

BeobachterNatur: Wie soll geregelt werden, wo die Limite der Schäden ist?
Schnidrig: Wir werden dies über die Revision der Konzepte Luchs und Wolf tun. Über gemeinsame Gespräche mit den Organisationen Pro Natura, WWF, Jagd Schweiz und dem Schweizerischen Schafzuchtverband versuchen wir bereits jetzt, einen gemeinsamen Nenner für zukünftige Managementstrategien zu finden. Wenn das gelingt, werden wir auch eine operationalisierte Lösung für die Schadenlimite finden.

BeobachterNatur: Sogar Graureiher und Gänsesäger sollen neu abgeschossen werden können, wenn sie nach Meinung der Fischer zuviele Fische fressen.
Schnidrig: Eine Motion im Nationalrat, welche auf eine Petition der Fischer zurück ging, wollte den Graureiher und den Gänsesäger jagdbar erklären und damit den Kantonen zur Regulierung freigeben. Der Bundesrat hat gegen dieses Ansinnen argumentiert, mit dem Hinweis, man könne anlässlich der geplanten Jagdverordnungsrevision über kontrollierte Bestandeseingriffe diskutieren.

BeobachterNatur: Kritiker monieren, das Bafu stelle sich einfach immer in die Mitte der Meinungen. Derjenige, der lauter ruft, wird auch mehr erhört. Sollte das Bafu nicht eher von wissenschaftlichen Erkenntnissen und von eigenen Zielen ausgehen statt Spielball der Meinungen anderer zu sein?
Schnidrig: Der Eindruck täuscht. Das Bafu ist der Gesetzgebung, den Entscheiden des Bundesparlaments und des Bundesrates, dem Föderalismus und der Sachlichkeit verpflichtet. Dass dabei Lösungen herauskommen, die in der Mitte liegen, ist das Ziel. Wenn wir uns nach der Lautstärke der Rufer oder nach Beliebtheit ausrichten würden, kämen genau andere Entscheide zustande als die Vorschläge, die jetzt auf dem Tisch liegen.

Reinhard Schnidrig ist Leiter der Sektion «Jagd, Fischerei, Waldbiodiversität» beim Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Quelle: Bundesamt für Umwelt BAFU