Entwicklungsspezialisten reden von einer neuen Form des Kolonialismus. Der britische «Guardian» spricht von Landraub, die Wirtschaftsbibel «Economist» etwas vornehmer von der «dritten Welle des Outsourcings». Sie alle meinen das Gleiche: Reiche Länder kaufen sich südlich der Sahara massenweise Landwirtschaftsland zusammen.

Nachdem die Industrieproduktion nach China und die Informatik nach Indien verlagert wurde, passiert jetzt das Gleiche mit der Nahrungsmittelproduktion. Mit dabei sind vor allem Staaten wie Saudi-Arabien oder Katar, die reich an Öl, aber arm an fruchtbarem Land sind, sowie Schwellenländer wie China. Aber auch immer mehr multinationale Konzerne und zunehmend institutionelle Anleger wie Pensionskassen sind in Afrika auf Shoppingtour.

Quelle: Paolo Woods/Anzenberger
Quelle: Paolo Woods/Anzenberger
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Die neuen Kolonialherren: Ob in der Republik Kongo (oben links), in Nigeria (oben rechts) oder in Sambia (unten) – eingewanderte Chinesen geben in Industrie und Landwirtschaft häufig den Ton an.

Zynischer Umgang mit fremden Ressourcen

Der Grund für die plötzlich erwachte Liebe zum Ackerbau sind die explodierenden Nahrungsmittelpreise. Das weckt Ängste vor Revolten – und lässt Investoren träumen. Dank Klimawandel und steigender Nachfrage werden Nahrungsmittel auf absehbare Zeit ein knappes Gut und damit ein Topinvestment bleiben. In der PR-Sprache der Banken, etwa bei der Bank Vontobel, klingt das dann so: «Interessante Renditechancen machen Agrarrohstoffe zu attraktiven Investitionen für den langfristigen Vermögensaufbau, denn die prophezeite Ressourcenverknappung kann auch in Zukunft attraktive Gewinnaussichten bieten.»

Wer möglichst frei über Rohstoffe verfügen will, kauft heute gleich das Land, auf dem sie wachsen. Oder, besser noch, man mietet es über Pachtverträge mit bis zu 99 Jahren Laufzeit. Das bindet weniger Kapital und erhöht so die Rendite. Die neue Form der Landnahme begann in Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und setzte sich dann in Südostasien fort.

Zuoberst auf der Einkaufsliste steht heute Afrika. Unter den Käufern aus der Golfregion sind Staatsfonds und aus Fernost vor allem staatsnahe Unternehmen aktiv. Aber auch Grosskonzerne sind mit dabei, vorwiegend aus dem Nahrungsmittel- und Agrarbereich, Agrotreibstoff-Hersteller und zunehmend Banken und Hedge-Fonds. Das kann problematisch sein: «Hedge-Fonds sind wenig reguliert. Das Geschäft mit Agrarland in Entwicklungsländern und wer davon letztlich profitiert, ist deshalb für Aussenstehende wenig durchschaubar», sagt Bernd Schanzenbächer von der auf Investments in Land- und Forstwirtschaft spezialisierten EBG Capital in Zürich.

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Auch wenn kaum Daten öffentlich zugänglich sind, ist klar: Die neue Form der Landnahme hat enorme Ausmasse angenommen. Gemäss dem unabhängigen Internationalen Forschungsinstitut für Ernährungspolitik (IFPRI) haben arme Länder in den vergangenen vier Jahren etwa 15 bis 20 Millionen Hektar Boden abgetreten – viermal die Fläche der Schweiz.

Wohin das führt, zeigt sich in Äthiopien. Unbekannte saudische Investoren haben dort Agrarland gepachtet, auf dem sie Weizen, Gerste und Reis für ihren Heimmarkt anpflanzen. Eine Investition von 100 Millionen Dollar. Das ist fast gleich viel, wie die Uno für Lebensmittelhilfe im nordostafrikanischen Staat ausgibt, und zwar für den Zeitraum von 2007 bis 2011.

«Ich habe in Afrika mit eigenen Augen gesehen, wie mangelernährte Menschen neben spriessenden Plantagen leben», berichtet Miges Baumann vom Schweizer Hilfswerk «Brot für alle». Die Einheimischen gingen bei den Land-Deals meist leer aus. «Im besten Fall dürfen sie als Landarbeiter für die ausländischen Grossbetriebe arbeiten. Im schlechtesten Fall bleibt ihnen gar nichts.» In afrikanischen Ländern ist Agrarland üblicherweise in Staatsbesitz und wird von Kleinbauern bewirtschaftet. Bei Landgeschäften werden ihre Nutzungsrechte meist übergangen. «Faktisch wird ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen», so Baumann.

Doch zum Geschäften braucht es immer zwei. Die lokalen Regierungen sind am Ausverkauf ihres Bodens mitschuldig. Sie handelten oft unverantwortlich, sagt Tina Goethe von Swissaid. «Die Pacht- und Kaufverträge sind in manchen Fällen gerade mal drei Seiten lang und enthalten absurd wenige Auflagen.» Viele Regierungen seien am schnellen Geld interessiert, anderen fehle es schlicht an Wissen und Erfahrung. «Das wird ausgenutzt.»

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Das Land wird verscherbelt. Bananenrepubliken mutieren zu Schacherstaaten. «Jegliche Bemühungen, den Hunger und die Armut zu bekämpfen, werden untergraben», bilanziert Rosmarie Bär von Alliance Sud, der Lobbyorganisation der sechs grössten Schweizer Hilfswerke.

«Geld findet immer einen Weg»

Es gibt aber optimistischere Einschätzungen. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes (Deza) sieht in diesen Landgeschäften auch Chancen: «Sie können technologischen Fortschritt, Arbeitsplätze und bessere Infrastrukturen bringen», sagt Andrea Ries, Leiterin der Abteilung Ernährungssicherheit. Ob die Bevölkerung profitiere, sei letztlich eine Frage der Ausgestaltung der Verträge. Regierungsnahe Organisationen fordern deshalb einen globalen Verhaltenskodex für Landgeschäfte. Viele Hilfswerke gehen einen Schritt weiter und wollen ein Moratorium, solange es keine gültigen Regeln gibt. Finanzexperte Schanzenbächer warnt vor zu hohen Erwartungen an ein Moratorium. Mit dem Geld sei es wie mit dem Wasser: «Es findet immer einen Weg.»

Die beste Garantie gegen den Ausverkauf des Rechts auf Nahrung wäre eine funktionierende Zivilgesellschaft. Dies zeigte sich kürzlich in Madagaskar. Dort musste die Regierung auch deshalb abdanken, weil sich das Volk gegen ein Pachtgeschäft mit dem südkoreanischen Daewoo-Konzern über 1,3 Millionen Hektar Agrarland wehrte. Das ging aber nur, weil der geplante Deal überhaupt bekannt wurde.