Früher haben sie es dem Bartgeier angelastet, heute ist der Wolf schuld und morgen vermutlich der Bär: Grossraubtiere würden ihnen ihr Gewerbe zerstören, sagen die Schafzüchter. Beim grössten Vogel der Alpen - auch Lämmergeier genannt - entpuppten sich die Vorwürfe als Legende: Wie alle Geier ist er hauptsächlich ein Aasfresser; er hat sich kaum je über hilflose Lämmer hergemacht.

Und auch beim Wolf kann man sagen: Der Schaden, den er verursacht, wäre eigentlich kaum der Rede wert. Auf seine Kappe gehen gut 200-mal weniger Todesfälle als auf die in der Schweiz übliche unbehirtete Schafsömmerung. Dennoch sagt German Schmutz reflexartig das, was er als Präsident des Schweizerischen Schafzuchtverbands (SZV) wohl glaubt, sagen zu müssen: «Wir sind über die Entwicklung sehr besorgt.»

In der Schweiz steht die Familien- und Rudelbildung des Wolfs unmittelbar bevor. Laut Jean-Marc Weber vom Wolfprojekt sind zurzeit fünf Wölfe nachgewiesen. «Es könnten aber auch mehr Tiere sein», sagt er kryptisch. Solange die Präsenz der Wölfe nicht eindeutig belegt ist, will sich der Wissenschaftler nicht auf die Äste wagen. Wolfsfreunde haben da weniger Hemmungen: «Wir gehen davon aus, dass in der Schweiz mindestens zehn Wölfe leben», so Kurt Eichenberger vom WWF.

Erster «echter» Schweizer Wolf?
Das Hauptindiz für die Rudelbildung kam ironischerweise nach einem fragwürdigen Abschuss zutage: Im vergangenen Jahr richtete ein Wolf in zwei Schafherden im Unterwallis beträchtlichen Schaden an. Mitte November wurde das Tier bei Morgins von einem Wildhüter geschossen, allerdings bevor die vom Walliser Staatsrat erteilte Abschussbewilligung rechtskräftig war. Bei der anschliessenden Untersuchung zeigte sich, dass der Schütze einen Rüden erschossen hatte. Als Problemtier war aber eine Fähe, also ein Weibchen, identifiziert worden. Ob der «richtige» Wolf geschossen wurde, darf also bezweifelt werden.

Klar ist hingegen, dass bei Morgins mindestens zwei Wölfe unterwegs gewesen sind. Und da zwei Wölfe, die Nachwuchs haben können, terminologisch als Rudel gelten, ist es nun so weit: Phase zwei der Rückeroberung des Schweizer Alpenraums durch den Canis lupus hat begonnen, den Pioniertieren sind die ersten Weibchen gefolgt. Gut möglich, dass in diesem Frühjahr bereits die ersten Wolfsjungen zur Welt gekommen sind. Der Alptraum der Schafzüchter wird wahr - und der Staat tut nichts dagegen.

Im Gegenteil: Der Staat will diese Entwicklung mit einem überarbeiteten Wolfskonzept sogar noch unterstützen. «Wenn das schadenstiftende Tier nicht mehr eindeutig identifiziert werden kann, muss das Management angepasst werden», so Daniel Mettler von der Agridea, die vom Bundesamt für Umwelt mit dem Herdenschutz beauftragt wurde. Der Abschuss von Wölfen soll erschwert werden. Analog zu anderen Arten wird der Mutterschutz für Wölfinnen verstärkt. «Die Stossrichtung ist klar: Die Rudelbildung soll ermöglicht werden», so Mettler.

Gegen diese Idee gibt es zum Teil erbitterten Widerstand - im Wallis auch aus geographischen Gründen: Von den gut 20 Wölfen, die die Schweiz seit 1995 heimgesucht haben, streiften die meisten durch die Seiten- und Quertäler des Rhonetals. Doch der Hauptgrund für die fundamentale Abneigung der Walliser gegen den Wolf liegt woanders: Der Walliser ist ein Schafzüchter, genauer: ein Schwarznasenschafzüchter. Vor allem im Oberwallis geniesst die Zucht der endemischen Rasse einen hohen Symbolwert. Die putzigen und genügsamen Tiere gelten als Identitätsstifter. Sie sind Teil einer ländlichen Tradition und Symbol von Naturverbundenheit in einer Gegend, die unter der starken Industrialisierung des Rhonetals massiv gelitten hat. «Schwarznasenschafe sind einfach einzigartig», sagt Herbert Fux, Präsident des Oberwalliser Schwarznasenzuchtverbands. Die Tiere seien menschenbezogen und überaus berggängig. Die Schafherden und das Zuchtwissen werden von Generation zu Generation vererbt. «Das ist wie beim Alkohol: Davon kommt man nicht mehr los», sagt Fux. Logisch, dass er sich über die Rückkehr des natürlichen Feindes seiner Lieblingstiere nicht freuen mag.

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Pro Tier bis 1000 Franken Subvention
Zumal der Wolf ein kluges Tier ist, das gern den Weg des geringsten Widerstands geht. Er frisst dort, wo er sich nicht um Beute bemühen muss - auf unbehirteten Alpen etwa. Auch Schäfer gehen gern den gleichen Weg. Seit Jahrzehnten verbringen ihre Herden den Alpsommer allein. Vom ungeübten Menschenauge kaum bemerkt, beweiden sie Grasbänder an Steilhängen und Flächen weit oberhalb der Baumgrenze. Alle zehn bis vierzehn Tage schauen ihre Besitzer nach ihnen. Herdenschutz ist in diesem Konzept ein Fremdwort.

«Die Präsenz des Wolfs ist im Oberwallis ein Ding der Unmöglichkeit», so Fux. Er kann nicht verstehen, warum man ihn nach so vielen Jahren wieder «einpflanzen» wolle; dass die Wölfe allein einwandern, glaubt er wie die meisten Walliser nicht. Früher sei man dafür bezahlt worden, Raubtiere abzuschiessen. Heute werde man dafür bezahlt, welche auszusetzen. «Wenn jemand den Wolf unbedingt will, soll er ihn einzäunen. Dann können ihn die Leute wenigstens sehen», sagt er.

Pikant ist, dass der grösste Widerstand gegen die Rückkehr der Grossraubtiere ausgerechnet von Hobbyzüchtern wie Fux ausgeht, deren Freizeitbeschäftigung die Öffentlichkeit teuer zu stehen kommt: Im Jahr 2005 hat der Bund über 38 Millionen Franken Direktzahlungen an Schafhalter entrichtet - darin nicht enthalten sind Flächenbeiträge. Pro Tier erhalten beitragsberechtigte Züchter jährlich 400 bis 1000 Franken vom Bund.

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Stundenlohn von 16 Rappen
Nach wirtschaftlichen Kriterien beurteilt, lohnt sich die Schafzucht nicht. Beispiel Wolle: Wenig mehr als einen Franken bekommt ein Schafzüchter heute pro Kilo. Während des Zweiten Weltkriegs waren es 23 Franken. Für ein Lamm von bester Qualität lösen die Züchter heute beim Metzger maximal 220 Franken. Er habe es einmal ausgerechnet, so Fux, wenn er alle Arbeitsstunden seines Arbeitsjahres zusammenzähle und durch den Erlös teile, komme er auf einen Stundenlohn von 16 Rappen.

Daniel Mettler ist sich bewusst, dass der Wolf für die Hobbyzüchter eine starke Einschränkung ist. «Sie werden ihre Freizeitbeschäftigung nicht mehr wie bisher ausführen können.» Denn es lohnt sich nicht, einen Hirten zu beschäftigen für eine Alp mit 50 Schafen. Effektiver und vom Bund finanzierter Herdenschutz ist oft nur für grosse Herden ab 500 Tieren zu haben. Also müssten die Schafhalter ihre Herden zusammenlegen. Doch wie die Zucht wird auch die Alp von Generation auf Generation übertragen. Nach Meinung von Ralph Manz vom WWF Oberwallis ein soziologisches Problem: Man wolle ja die Alp nicht mit Nachbarn teilen, mit denen man auch sonst nichts zu tun habe.

«Dass Hobbyschafhalter subventioniert werden, ist ein Problem», findet Kurt Eichenberger. «Wir meinen, dass man von ihnen verlangen kann, dass sie sich der neuen Situation anpassen.» Und Mettler meint: «Die Politik sollte klar zwischen Hobbyzüchtern, Nebenerwerbsbauern und denjenigen unterscheiden, die von der Schafzucht wirtschaftlich abhängig sind.»

Viele sind das nicht mehr: In Graubünden, wo die meisten Tiere sömmern, gibt es kaum noch professionelle Schafhalter. Auch in Bern und im Oberwallis gibt es nur noch wenige grosse Herden. In der Schwarznasen-Hochburg Goms wird keine einzige Herde ständig behirtet. «Es darf nicht sein, dass diese Art von Schafhaltung die Präsenz einer natürlichen einheimischen Fauna verhindert», so Eichenberger.

Dabei wären Lösungen vorhanden. Die Schweiz blickt auf zehn Jahre Erfahrung im Herdenschutz zurück. Man habe vieles ausprobiert und dabei auch schlechte Erfahrungen gemacht, etwa mit aus Italien importierten Schutzhunden, sagt Mettler. Seit die Hunde in der Schweiz unter Aufsicht gezüchtet werden, könne man gute Erfolge vorweisen. Nach einer Konsolidierungsphase im Herdenschutz gehe es nun darum, das Wissen weiterzugeben. Er ist überzeugt: «In ein paar Jahren wird es normal sein, dass man auf Alpen Herdenschutzhunde antrifft.» Dennoch wollen viele Schafzüchter die Hunde nicht; sie bedeuten Mehraufwand, und ihre Handhabung will gelernt sein.

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Der Tod lauert woanders
Doch wer verursacht nun eigentlich die grössten Schäden in den Herden? In der Schweiz gibt es rund 450'000 Schafe, davon werden 250'000 gesömmert. Erfahrene Schafhirten sagen, dass auf unbehirteten Alpen während eines normalen Alpsommers fünf bis zehn Prozent aller Tiere sterben - durch Abstürze, Krankheiten, Blitzschlag, Steinschlag. Bei einer vorsichtigen Rechnung verlieren Züchter also jedes Jahr 12'500 Tiere, weil sie diese in den Bergen unbeaufsichtigt lassen. Interessanterweise regt sich darüber keiner auf, obwohl der Bund für diese Schäden nicht aufkommt. Zum Vergleich: Seit der erste Wolf 1995 eingewandert ist, hat der Bund Entschädigungen für rund 750 gerissene Schafe geleistet. Das entspricht einem Jahresschnitt von 62,5 Schafen. Ähnlich liegt der Fall bei den zwei Bären, die derzeit für Schlagzeilen sorgen: Sie haben bis dato gerade mal 29 Schafe erlegt. Selbst wenn man alle Risse zusammenzählt, bleibt es eine Schadensbilanz im Promillebereich.

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«Wir befürchten eben, dass es schlimmer wird, wenn sich Wolfsrudel bilden», sagt Verbandschef German Schmutz. Manz vom WWF hingegen findet, dass die Schäfer zehn Jahre Zeit gehabt hätten, sich auf den Wolf einzustellen. Statt etwas zu unternehmen, hätten sie dessen Abschüsse unterstützt. «Sie haben nicht begriffen, dass die Frage nicht lautet ‹Schaf oder Wolf?›, sondern ‹Wie mit Schaf und Wolf?›», sagt er.

Der Bartgeier hat in diesem Frühjahr erstmals seit seiner Ausrottung 1885 wieder in freier Wildbahn Nachwuchs bekommen. Der Wolf wird es ihm gleichtun. Die Schweiz ist laut Wildbiologen mit grossräumigen Populationsentwicklungen konfrontiert, die von Italien und Frankreich ausgehen - Vorurteile hin oder her.

Korrigendum

Beitragsberechtigte Züchter erhalten nicht 400 bis 1000 Franken pro Schaf, sondern pro Grossvieheinheit (GVE). Gemäss Bundesamt für Landwirtschaft kann bei einer durchschnittlichen Herden­zusammensetzung «ein Umrechnungsfaktor von 0,0861 GVE angenommen werden». Eine GVE entspricht also im Schnitt 11,6 Schafen. Maximal werden je Schaf 152 Franken Direktzahlungen plus 26 Franken Sömmerungsbeitrag ausgerichtet.

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