«Ein besseres Verständnis der Kräfte der Evolution ist heute dringender erforderlich denn je», meint der Fischereiexperte Ulf Dieckmann vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse in Laxenburg IIASA. Konkret gehe es darum, dass die weltweite Fischerei nachhaltig negative Auswirkungen auf die Evolution der meisten Fischarten habe, erklärt der Experte. An Darwins 200. Geburtstag sei diese Aufforderung mehr als dringlich.

«Im Grunde ist das Problem einfach und für jeden verständlich», meint Dieckmann. «Wenn die Fischerei Fische aus den Meeren entnimmt, können sich diese nicht fortpflanzen und daher ihre Gene nicht weitergeben.» In der Folge verändere sich der Genpool der ganzen Population. «Manche Fischbestände reagieren sehr empfindlich auf solche Veränderungen. Besonders betroffen sind vor allem jene Fische, die genetisch darauf programmiert sind, sich erst relativ spät in ihrem Leben fortzupflanzen.» Vielfach habe man angenommen, dass Evolution ein relativ langsamer Prozess sei. Gerade bei Untersuchungen an befischten Arten habe sich aber herausgestellt, dass das nicht der Fall sei: 20 bis 40 Jahre reichen für signifikante evolutionäre Veränderungen.

Proteinlieferant für 2,6 Milliarden Menschen

Beschleunigte Evolution konnte man zum Beispiel beim Nordostatlantischen Dorsch beobachten: «Bis in die fünfziger und sechziger Jahre lag das Fortpflanzungsalter dieser Spezies bei neun bis zehn Jahren. Bis zu diesem Alter investierte die Fischart ihre gesamte Energie in das Körperwachstum.» Heute ist der Nordostatlantische Dorsch bereits mit sechs bis sieben Jahren fortpflanzungsfähig und zweigt somit frühzeitig Energie ab für die Reproduktion. Die Auswirkungen auf die Gesamtpopulation sind dramatisch: Die erstmals fortpflanzungsfähigen Fische sind um die Hälfte leichter als jene, die vor 40 Jahren geschlechtsreif wurden, und sie produzieren nur etwa die Hälfte der Eier. «Das verändert die Dynamik und Robustheit der gesamten Population», so Dieckmann. Ähnliche Ergebnisse gebe es derzeit für rund 15 kommerziell befischte Bestände verschiedener Arten. «In allen Fällen ist das Ergebnis das gleiche», kommentiert der Experte, «Evolution verläuft viel schneller als früher angenommen wurde.»

«Ein Fisch, der unter dem evolutionären Druck steht, früher geschlechtsreif zu werden, reagiert auch empfindlicher auf veränderte Umwelteinflüsse. Das kann einer ganzen Population stark zusetzen», erklärt Dieckmann. Man dürfe nicht vergessen, dass für 2,6 Milliarden Menschen auf der Welt Fisch den nötigen Proteinbedarf deckt. «Daher ist es absolut notwendig, genau zu erkennen, welche Veränderungen der kommerzielle Fischfang weltweit verursacht.» Wenn ein Fischbestand kollabiert, wie der nördliche Dorsch 1992, braucht es voraussichtlich mehrere hundert Jahre bis die Natur den entstandenen evolutionären Schaden beheben kann. (pte/12.02.2009)

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