Holly Dublin kam aus dem Staunen nicht heraus. Während die Biologin in der kenianischen Grassavanne eine Herde Elefanten beobachtete, rannte ein trächtiges Weibchen unvermittelt davon, gefolgt von seinen Töchtern. Etliche Kilometer ausserhalb ihres Territoriums blieb die Elefantenkuh bei einem Baum stehen und frass, beäugt von ihrem Nachwuchs, sämtliche Blätter. Am nächs­ten Tag brachte sie ein Junges zur Welt.

Dublin konnte sich das Verhalten nicht erklären und erkundigte sich bei den Einheimischen, was es mit diesen Blättern auf sich habe. Die Massai-Frauen gaben schmunzelnd medi­zinisches Wissen preis: Traditionsgemäss nehmen Schwangere einen Blätterextrakt zu sich, um bei überfälligen Geburtsterminen die Wehen einzuleiten. Die trächtige Kuh wollte offenbar möglichst rasch gebären und suchte deshalb den Baum auf. Nebenher unterrichtete sie ihre Töchter in der Verwendung der Blätter. So wie sie es einst ebenfalls gelernt haben dürfte.

Das Verhalten der Elefantenkuh ist ein eindrückliches Beispiel vorausschauenden Handelns. Doch kann man daraus schliessen, dass Elefanten denken? Der international renommierte Zoologe und Primatenspezialist Carel van Schaik, Professor an der Universität Zürich, zögert keinen Moment: «Sicher! Denken zeichnet sich durch die Fähigkeit zur Planung aus.»

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Auch manche Affen und Menschenaffen nutzen die medizinische Wirkung von Pflanzen. Wie die Tiere ihr Wissen weitergeben, ist nicht restlos geklärt. Ob die Elefantenkuh den Zusammenhang zwischen den Blättern und deren Wirkung kennt, ist umstritten. Dass sie überlegt handelt, ist aber offensichtlich.

Diese Fähigkeit sprach man Tieren lange Zeit ab. Die Philosophen Aristoteles und René Descartes betrachteten Tiere als instinktgetriebene Wesen ohne Vernunft. Mit der Aussage «Ich denke, also bin ich» hob Descartes unsere Gattung aufs Podest, während für das Tier sinngemäss galt: «Ich fühle, also handle ich.» Inzwischen ist das Bild des vernunftgetriebenen Menschen ins Wanken geraten. Heute wissen wir: Emotionen steuern unser Verhalten stärker, als uns lieb ist. Aber auch die Vorstellung vom dummen Tier, das nur frisst, kopuliert und schläft, ist nicht mehr haltbar.

Bereits Charles Darwin bescheinigte Tieren vor 150 Jahren komplexe mentale Fähigkeiten. Eine Sicht, die aktuelle Forschungsergebnisse bestätigen: Wüstenameisen finden in monotoner Umgebung zurück in den Bau, indem sie Kursabweichungen anhand der Position der Gestirne laufend korrigieren. Brieftauben orientieren sich an Gerüchen und bilden im Gehirn eine olfaktorische Karte ab.

Heute teilen die meisten Biologen die Meinung van Schaiks, allen Tieren sei mindestens eine einfache Weise des Denkens zuzusprechen. «Die Frage ist nicht mehr, ob Tiere denken, sondern, wie sie denken», sagt er.

Aber was heisst einfaches Denken? Der Philosoph Hans-Johann Glock forscht an der Universität Zürich im Bereich Denken und Sprache bei Tieren. Er unterscheidet drei verschiedene Denkweisen.

«Tiere können an etwas denken. Eine Katze denkt beispielsweise an ihr Futter.» Das bedeutet nicht, dass in ihrem Gehirn ein innerer Text abläuft, aber sie lenkt ihre Aufmerksamkeit auf das Futter. «Diese Form des Denkens ist im Tierreich weit verbreitet, denn ohne eine auf die Umgebung gerichtete Aufmerksamkeit wird das Überleben schwierig.»

Eine weitere Form des Denkens betrifft Feststellungen und Überzeugungen: Ein Vogel stellt fest, dass die Sonne scheint. Oder der Hund denkt, dass die Katze auf dem Baum sitzt. Laut Glock haben viele Tiere Überzeugungen, auch wenn sie in anderen Begriffen denken als wir. Aber sie teilen ihre Umwelt in Kategorien ein und machen Unterscheidungen.

Die dritte und höchste Form des Denkens, das Nachdenken über einen Sachverhalt oder eine Problemstellung, zeigt sich bei unseren nächsten Verwandten, den Primaten, die gezielt Werkzeug einsetzen. Zu den Menschenaffen zählen Schimpansen, Bonobos, Orang-Utans und Gorillas. Abgesehen von den Gorillas verfügen diese Tiere vermutlich wie wir über ein Bewusstsein für den eigenen Körper. Diese Form des Selbstbewusstseins wird auch anderen intelligenten Arten wie Delphinen oder Elefanten zugeschrieben. «Ein Selbstbewusstsein, wie wir es kennen, braucht es für einfaches Denken hingegen nicht», sagt Glock.

Die Trennlinie zwischen klugen und weniger klugen Tieren verläuft unscharf. Manche Vögel zeigen Verhaltensweisen, die sonst nur von Menschenaffen bekannt sind, obwohl diese beiden Tierklassen evolutionär gesehen weit auseinanderliegen; der letzte gemeinsame Vorgänger von Vögeln und Säugetieren lebte vor 300 Millionen Jahren. Doch Rabenvögel erfinden Werkzeug und täuschen ihre Artgenossen. Viele Vögel verfügen zudem über ein unglaubliches Gedächtnis. Der zu den Rabenvögeln zählende Kiefernhäher vergräbt im Herbst 20'000 bis 30'000 Samen an mehreren tausend Orten, die er im Verlauf des Winters wiederfinden muss.

Anatomische Untersuchungen haben gezeigt, dass dafür der Hippocampus zuständig ist, eine der evolutionär ältesten Strukturen im Gehirn. Je häufiger Vögel Futter sammeln und verstecken, desto grösser ist der Hippocampus. Offenbar speichern Vögel im Gehirn einen Lageplan der Verstecke, den sie bei Bedarf abrufen. Sie wissen, wo die zum Überleben notwendigen Vorräte liegen.

Wer denken und planmässig vorgehen kann, nutzt Werkzeug. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts, seit Verhaltensforscher die geistigen Fähigkeiten von Tieren untersuchen, stellt man Tieren Aufgaben, die diese nur mit Hilfsmitteln lösen können. So mussten Schimpansen eine an einem Baum aufgehängte Banane erhaschen, indem sie Holzkisten aufeinanderstapelten. Carel van Schaik erforscht solche Fertigkeiten bei Orang-Utans im indonesischen Urwald. Die Primaten handeln zielgerichtet und vernünftig, indem sie nicht nur zufällig ein Werkzeug ausprobieren, sondern nach dem jeweils geeigneten suchen. «Wenn Orang-Utans ein Bienennest in einer Baumhöhle entdecken, schätzen sie die Grösse des Lochs ab und wählen einen Ast, der lang und dick genug ist, um möglichst viel Honig zu ergattern», sagt van Schaik. «Das Vorgehen zeigt, dass die Tiere eine Vorstellung vom Problem und von der passenden Lösung haben.»

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Dieses Verhalten kennt man auch von Schimpansen an der Elfenbeinküste. Im dortigen Tai-Nationalpark haben die Basler Forscher Chris­tophe und Hedwig Boesch eine besonders ausgefeilte Version von Werkzeuggebrauch beob­achtet: Schimpansen verwenden so etwas wie einen Hammer und einen Amboss, um Palmfrüchte aufzuschlagen. Der Amboss besteht aus einem Stein oder Baumstumpf, auf dem die Frucht stabil liegt; als Hammer dient ein Ast, am einen Ende etwas dünner, am anderen etwas dicker. Junge Schimpansen gelangen damit schon im Alter von etwa dreieinhalb Jahren an das Fruchtfleisch, indem sie ältere Tiere imitieren. Dann perfektionieren sie die Technik während Jahren.

Am Max-Planck-Institut für evolutionäre ­Anthropologie (EVA) in Leipzig, zu dessen Direktoren Christophe Boesch zählt, setzen sich zahlreiche Wissenschaftler theoretisch und praktisch mit dem Denken von Tieren und Menschen auseinander. Hier forscht auch die Bio­login Esther Herrmann, die soeben eine Studie zur Intelligenz bei Menschenaffen veröffent­licht hat. Herrmann hat das Zahlenverständnis, die Imita­tion von Gesten sowie zielgerichtetes Handeln bei Schimpansen untersucht und herausgefunden, dass es wie beim Menschen grosse Unterschiede im intellektuellen Leistungsvermögen gibt.

Besonders hervorgetan hat sich das 22-jährige Schimpansenweibchen Natasha. Das aus einem Wildgehege in Uganda stammende Tier schwang in allen 16 Tests zu sozialen und kognitiven Fähigkeiten obenaus. Natasha löste zum Beispiel innert kürzester Zeit das Problem, mittels eines Stockes ein verschlossenes Rohr zu öffnen, während andere Tiere das Rohr aufbeissen wollten. «Natasha schneidet überall gut ab. Andere Tiere sind entweder in dem einen oder anderen Bereich gut», sagt Herrmann. Natasha ist also ein ausserordentliches Beispiel für die Leistungen einzelner Tiere. Verallgemeinern sollte man deshalb nicht zu schnell. Man stelle sich vor, ein intelligentes Wesen testet Menschen und pickt zufällig ein Genie des Kalibers Albert Einstein heraus. Man zöge die falschen Schlüsse über menschliche Fähigkeiten.

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Neben Werkzeuggebrauch und logischem Handeln zeugt ein weiteres Merkmal von höheren geistigen Fähigkeiten: das Verständnis von Zeit. Noch vor wenigen Jahren erklärten Biologen, Tiere lebten nur in der Gegenwart, sie dächten nicht an Vergangenheit oder Zukunft. Diese Sichtweise ist nicht mehr haltbar. Carel van Schaik hat bei Orang-Utans ein Verhalten beobachtet, das auf einem Zeit­gefühl beruhen muss. Auf ihrer Wanderschaft rufen die Männchen abends in die Richtung, in die sie am nächsten Tag ziehen werden. «Es ist, als wollten sie den Weibchen mitteilen, wo sie in Zukunft zu finden sind», sagt van Schaik.

Versuche mit Orang-Utans und Zwergschimpansen, den Bonobos, bestätigen die Beobachtungen. Josep Call, der Leiter des Primatenzentrums am EVA, hat ein Experiment mit Futter und Werkzeug entwickelt: Den Tieren wird Nahrung in einer Kiste präsentiert, die sie nur mit Werkzeug öffnen können. Nachdem sie diese Technik erlernt haben, präsentieren ihnen die Forscher in einer zweiten Runde die abgeschlossene Kiste ohne Werkzeug, die Nahrung bleibt also unerreichbar. Im dritten Durchgang finden die Menschenaffen statt der Futterkiste eine Auswahl an Werkzeug vor. In dieser Situation greifen sich die Tiere das richtige Instrument und nehmen es mit in ihren Käfig, um die Kiste bei einer späteren Gelegenheit öffnen zu können. Sie wappnen sich für die Zukunft.

Auch manche Vogelarten zeigen Merkmale eines Zeitgefühls. Der Westliche Buschhäher gräbt versteckte Würmer wieder aus, wenn er von Artgenossen beobachtet wurde, und bringt sein Futter vor den potentiellen Dieben in Sicherheit. Erst wenn er alleine ist, vergräbt er es erneut. Die britische Verhaltensforscherin Nicky Clayton hat den Buschhäher während Jahren sys­tematisch untersucht und in ausgeklügelten Experimenten herausgefunden, dass die Vögel wissen, wann ihnen welches Individuum zugeschaut hat. Einmal mehr bestätigt ein Raben­vogel die Intelligenz seiner Familie. «Solch ein Verhalten ist sonst nur von Menschenaffen bekannt», sagt Clayton.

Tieren ein Zeitgefühl zu- oder abzusprechen ist allerdings schwierig, da wir nur sehr begrenzt mit ihnen kommunizieren können. Als reine Beobachter sind wir auf indirekte Schlüsse anhand ihres Verhaltens angewiesen. Deshalb ist unser Wissen lückenhaft und beschränkt sich auf wenige Arten wie eben Schimpansen, Orang-Utans oder Häher. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein beschrieb das Problem am Beispiel eines Hundes: Das Tier kann wissen, dass sein Herrchen vor der Tür steht, was es mit dem wedelnden Schwanz signalisiert. Aber wie würde der Hund mitteilen, dass sein Halter in einer Woche aus den Ferien zurückkommt? Selbst wenn der Hund eine hündische Sprache sprechen könnte, würden wir ihn nicht verstehen.

Die Sprache unterscheidet Menschen von Tieren. Selbst intelligente Menschen­affen sprechen nicht. Manche Forscher halten Tiere deshalb für unfähig, höhere Stufen des Nachdenkens oder ein Selbstbewusstsein zu erreichen. Nur die Sprache erlaube die Entwicklung ab­strakter Ideen und die Wahrnehmung des Ichs. Hans-Johann Glock widerspricht dieser Sicht insofern, als viele Studien höhere Formen von Nachdenken bei Primaten nachweisen konnten. Aber wie weit deren Gedanken reichen und ob sie über eine Vorstellung von sich selbst verfügen, wissen wir nicht. Dazu passt Ludwig Wittgensteins Diktum, wovon man nicht sprechen könne, darüber müsse man schweigen.

Jede Tierart hat ihre Weise der Kommunikation: Hühner gackern, Kühe muhen, Hunde bellen, Meerkatzen und Erdmännchen stossen Warnrufe aus, Orang-Utans brüllen, Schimpansen schreien und benutzen Dutzende von Gesten. Untereinander verständigen sich die Tiere zweifellos, aber ihr Mitteilungsbedürfnis scheint gering. «Es braucht in der Wildnis selbst bei Menschenaffen keine sprachliche Kommunikation», sagt Hans-Johann Glock.

Dass das Denkvermögen der Primaten an eine Grenze stösst und dass ein fundamentaler Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht, zeigen all die fehlgeschlagenen Versuche, Tieren eine Sprache anzutrainieren. Es ist zwar möglich, einem Graupapagei 100 Wörter beizubringen und Hunden 300 Begriffe, aber ein Verständnis für den Satzbau bringen Tiere nicht auf (siehe Bildgalerie «Spektakuläre Leistungen von Affen, Vögeln und Hunden»). Auch Bonobo Kanzi, der über 1000 Wörter kennt, versteht selbst simple Wortfolgen nur in Ansätzen. Im Gegensatz dazu steht das Tempo, mit dem ein menschliches Baby eine komplexe Sprache lernt. Ab etwa 18 Monaten merken sich Kleinkinder täglich rund zehn neue Wörter und formen spielerisch Sätze.

Die Forschungsarbeiten am EVA ermöglichen faszinierende Einblicke in die mentalen Unterschiede zwischen Menschenaffen und Menschen: Versuchspersonen spielen Primaten vernünftige oder unvernünftige Alltagshandlungen vor, um herauszufinden, was die Tiere an Absichten und Zielsetzungen verstehen. Sie drücken zum Beispiel einen Lichtschalter mit dem Knie, weil sie mit beiden Händen einen Korb tragen. Dann tun sie dasselbe ohne Korb, also ohne ersichtlichen Grund. Schimpansen verstehen den Unterschied und betätigen den Schalter selbst nur dann mit dem Knie, wenn sie keine Hand frei haben. Verhaltensforscher Josep Call fasst die Ergebnisse solcher Versuche zusammen: «Schimpansen verstehen die Absichten von Artgenossen und begreifen, was diese wissen können und was nicht. In dieser Hinsicht entsprechen sie menschlichen Kleinkindern im Alter von drei bis vier Jahren.»

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Das Verständnis ist aber begrenzt. So realisieren Schimpansen nicht, wenn ein anderes Tier falschen Vorstellungen aufsitzt. Im Experiment lässt der Versuchsleiter zwei Schimpansen beob­achten, wie er eine Banane in einem Schrank versteckt. Dann führt er ein Tier hin­aus, nimmt die Banane aus dem Schrank und versteckt sie im Kühlschrank. Der zweite Schimpanse müsste nun wissen, dass sein Artgenosse die Banane immer noch im Schrank wähnen wird, wenn er zurückkommt. Doch er kann sich nicht in die (falsche) Vorstellung hineinversetzen und geht davon aus, dass der andere die Banane wie er selbst im Kühlschrank suchen wird. Kinder von vier bis fünf Jahren bestehen diesen Test. Jüngere Kinder und Autisten nicht.

«Schimpansen wissen, was ihre Artgenossen wissen, aber nicht, was sie glauben», fasst Call zusammen. Offensichtlich verfügen Schimpansen über eine eingeschränkte Vorstellung davon, was in den Köpfen ihrer Artgenossen vorgeht.

Menschenaffen sind nicht fähig, ihre Absichten und Ziele miteinander zu teilen. Neben der Sprache fehlt ihnen dafür ein weiteres auffälliges Merkmal des Menschen: Sie besitzen kein Augenweiss; das Gewebe rund um ihre Linsen ist dunkel. Daher können sie nicht sehen, worauf die Augen eines Gegenübers gerichtet sind, was in ihm vorgeht. Auch das ist ein Indiz dafür, dass Tiere die Absichten anderer nicht «lesen» können.

Dieser Mangel an Einfühlungsvermögen reduziert die Fähigkeit, gemeinsam zu planen. Und er verhinderte eine Entwicklung, die zum Homo sapiens geführt hätte. «Das Verständnis mentaler Zustände hat unsere Gattung enorm weiter­gebracht», sagt Carel van Schaik. Es befähigte un­sere Urahnen, gemeinsam zu jagen und zu sammeln. Dies wiederum machte bessere Kommunikation notwendig und beschleunigte die Sprach­entwicklung. Die Schrift schliesslich ermöglichte die kulturelle Evolution der Weitergabe von Gedanken an kommende Generationen.

Jedes Tier hingegen ist mit seinem Denken allein. Nur manchmal blitzt sein geistiges Potential auf. Zum Beispiel bei der Elefantenkuh, die ihre Töchter in der Kunst der Pflanzentherapie unterrichtete.

Fotos: Lorcan Keating, Animal Press, Mark Carwardine/naturepl.com, Gettyimages (3), Corbisimages, Dennis Williamson/Visum Creative, Jürgen Müller/Alimdi.net