Rehe mögen leicht unbedarft aus­sehen, wenn sie mit ihren grossen Augen auf dünnen Beinen daherstaksen, doch im Grunde haben sie es faustdick hinter den pelzigen Ohren. Sie sind flexibel, wissen sich zu helfen, wenn es ungemütlich wird. Während Jahrtau­senden bevölkerten sie lichte Wälder. Seit einiger Zeit allerdings beobachten Wissenschaftler in Europa, wie Rehe die immer stärker genutzten Wälder verlassen, sich zu Weiden und Äckern aufmachen und neue Verhaltensformen und Essgewohnheiten annehmen. Zoologen reden vom «Ökotyp Feldreh».

Und nun das: Kürzlich beobachten Passanten vom Schiffssteg in Meilen ZH aus, wie ein Reh zur Seemitte schwimmt. Als zwei Boote der kantonalen Seepolizei anrücken, dreht Bambi zwar um, schafft den Weg zurück an die Zürcher Goldküste aber nur mit Hilfe eines beherzt zupackenden Seepolizisten. Ein Hinweis darauf, dass gewisse Tiere sich weiter­entwickeln in Richtung «Ökotyp Wasser­reh»?

Laut Polizeiangaben war dies der bislang erste offiziell erfasste Schwimmversuch eines Rehs im Zürichsee; lediglich ein Rind habe vor einigen Jahren ebenfalls zu einer Überquerung angesetzt.

Der Lebensraum wird klein und kleiner

Doch in anderen Gewässern spielt sich Ähnliches ab. Im April berichteten verschiedene Medien von einem Reh, das beim Durchschwimmen des Murtensees ertappt worden war. Ein Jahr zuvor war einer der Paarhufer in Basel von ­einem Rheinufer ans andere geschwommen. Und in der Innerschweiz ist bei Fischern und Bootsführern hinlänglich bekannt, dass zwischen einem Ausläufer des Bürgenstocks und dem gegenüberliegenden Ufer des Vierwaldstättersees regelmässig Rehe verkehren.

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Allerdings klingt das erstaunlicher, als es tatsächlich ist. Rehe können nämlich schwimmen, ein neuer Ökotyp ist dazu nicht einmal nötig. Aber: Sie tun es kaum freiwillig. Fragt sich deshalb: Was treibt die Tiere ins Wasser? Zumindest beim Reh von Meilen ist das unklar – die Polizei weiss nicht einmal, wie das Tier überhaupt ans dicht bebaute Ufer gelangte.

Klar ist jedoch: Der Lebensraum für Wildtiere gerät unter Druck. Freie Land­flecken werden zunehmend verbaut, umzäunt oder umfunktioniert zu Naherholungsgebieten für eine Gesellschaft, die 24 Stunden auf den Beinen ist. Dazu machen freilaufende Hunde den Paarhufern das Leben schwer: 14 Rehe sind im Jagdjahr 2011/2012 allein in den Wildschonrevieren auf dem Gebiet der Stadt Zürich von Hunden gerissen oder zu Tode gehetzt worden.

Möglich also, dass das Reh von Meilen ganz einfach genug hatte und hinüberwollte ans andere Ufer. Mit der Fähre wärs weniger anstrengend gewesen. Aber auch dann hätte das Reh drüben in Horgen wohl kaum eine bessere Welt gefunden.

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