Mehr Eisen wäre besser für Konsumenten

Das Übel an der Wurzel packen will hin­gegen Hansuli Huber. Der Geschäftsführer des Schweizer Tierschutzes will die Preisabzüge abschaffen. Für den 27. Juni lädt er daher Bauern, Fleischwirtschaft, Grossverteiler und Behörden zu einem Treffen nach Bern ein. Parallel dazu startet die Biobäuerin und grüne Nationalrätin Maya Graf eine Interpellation: Der Bundesrat muss sich dazu äussern, ob er rötliches Kalbfleisch für minderwertig hält.

Eher das Gegenteil sieht Tierärztin Corinne Bähler, die in Sachen Kalbfleisch mehrere Studien durchführte: «Viele Leute leiden selber an Eisenmangel; mit dem Verzehr von eisenhaltigem rotem Kalb­fleisch wäre deshalb sowohl den Konsumenten wie den Kälbern gedient.»

Quelle: Arno Balzarini/Keystone

Eigentlich ist die Sache recht einfach: Je weisser das Kalbfleisch ist, desto kränker war das Tier. Es litt aller Wahrscheinlichkeit nach an Eisenmangel und Blutarmut, hatte ein geschwächtes Abwehrsystem und musste deshalb mehr Antibiotika schlucken. Dennoch tun Bauern fast alles dafür, dass das Fleisch ihrer Kälber möglichst hell bleibt.

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Der Grund, dass sie wider besseres Wissen handeln, ist ebenso einfach: Die Bauern werden finanziell bestraft, wenn das Fleisch rot statt weisslich hell oder rosa ist. Der Preisabzug beträgt je nach Schlachthof bis zu drei Franken pro Kilo, das macht rund 250 Franken pro Kalb.

Nur gut genug für Kebab, sagen Metzger

Metzger und Fleischverkäufer begründen den Abzug damit, dass sich rotes Kalbfleisch schlechter verkaufe als weisses, es lande letztlich in Kantinen oder an einem Kebabspiess. Migros und Coop argumentie­ren ähnlich: Der Preisunterschied zwischen Kalb- und Rindfleisch sei so gross, dass die Kunden auf einen Blick sicher sein müssten, einen Gegenwert für den höheren Preis zu erhalten. Darum müsse Kalbfleisch zwingend heller sein als Rindfleisch. Wichtig auch: Für Fleisch, das unter einem Label für tierfreundliche Haltung oder als Bio verkauft wird, gibts keine Preisabzüge.

Dabei schien diese Form von Tierquälerei überwunden. «Preisabzüge für rosa Kalbfleisch abgeschafft», lauteten die Schlagzeilen anno 1998. Jetzt stellt sich heraus: Es war nur ein Scheinerfolg, den der Tierschutz damals feierte. Gestrichen wurden nur die Abzüge für rosa Kalbfleisch, nicht aber für rotes. Zuvor gab es bei rund einem Drittel der Kälber Abzüge wegen der Farbe, heute ist es noch etwa die Hälfte davon – am Grundsatz änderte sich wenig.

«Allein seit Anfang dieses Jahres musste ich bei sieben Tieren einen Abzug in Kauf nehmen», sagt Emil Winkler, der mit seiner Frau Marianne auf seinem Bauernhof in Wila ZH unter anderem Kälbermast betreibt. Das macht 1750 Franken dafür, dass er sich genau ans Tierschutzgesetz hält. Dieses legt fest, dass Kälber so viel Heu, Mais oder anderes geeignetes Futter fressen dürfen, wie sie wollen. Tun sie das, wird das Fleisch eher rot. «Warum werden wir dafür bestraft?», fragt Winkler. Um das zu vermeiden, füttern viele andere Bauern ihre Tiere fast ausschliesslich mit Milch, obwohl Kälber als junge Wiederkäuer von Natur aus gerne Gras oder Heu hätten.

Der Branchenverband Proviande hält derweil am Qualitätsmerkmal Fleischfarbe fest. Allerdings will sie etwas gegen die Willkür in der Beurteilung tun – denn bis heute definiert jeder Metzger, jeder Schlachthof für sich, was rot ist. Derzeit laufen Tests mit einem Gerät, das die Fleischfarbe misst. Es soll ab nächstem Jahr in den Schlachthöfen zum Einsatz kommen. Allerdings ist laut Proviande-Projektleiter Peter Christen noch nicht definiert, ab welcher Helligkeitsstufe das Gerät den Schlachtkörper als zu rot und damit als abzugsberechtigt taxiert.