Vögel, die ihr Nest in einer Wiese anlegen, haben einen schweren Stand. Denn die Chance, dass die Jungen die Mähmaschine des Bauern überleben, ist heutzutage klein. Durch die moderne, intensive Grünlandnutzung werden die Wiesen viel zeitiger geschnitten als früher. «Damit fällt der erste Schnitt immer enger mit der Brutzeit der Wiesenvögel zusammen», vermeldet die Schweizerische Vogelwarte Sempach, «und ein immer grösserer Anteil der Bruten fällt den Mähmaschinen zum Opfer.»

Wie hoch der Anteil zum Beispiel beim Braunkehlchen ist, haben die Mitarbeiter der Vogelwarte nun herausgefunden. Zwei Jahre lang beobachteten sie die Braunkehlchen im Unterengadin. Das Resultat: «70 bis 80 Prozent der Nester werden jedes Jahr ausgemäht», sagt Matthias Kestenholz von der Vogelwarte. «Das sind viel zu viele, als dass sich die Bestände halten könnten.» Doch die Studie zeigt noch etwas: Nicht nur die Jungen sterben durch die Mähmaschine, sondern auch viele der brütenden Weibchen. Lediglich 68 Prozent der Weibchen überlebten die Mahd. «Ihr Brutinstinkt ist offenbar so stark, dass sie das Nest auch dann nicht verlassen, wenn die Mähmaschine immer näher kommt», schreibt die Vogelwarte.

Dramatische Bestandseinbussen

Dass die Bestände des Braunkehlchens diesen Aderlass nicht verkraften, liegt auf der Hand. Die Art ist inzwischen aus den meisten Teilen des Landes verschwunden – nur in den Alpen brütet sie noch in geringer Dichte. Aber auch dort ist der Bestand in den letzten zehn Jahren um weitere 20 Prozent geschrumpft. Mitte der neunziger Jahre brüteten noch 10'000 bis 15'000 Paare in unserem Land.

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Betroffen vom immer früheren Schnitt der Wiesen sind aber auch weitere Arten wie die Feldlerche, die Wachtel oder der vom Aussterben bedrohte Wachtelkönig. Und auch Rehkitze und Junghasen geraten im Frühling oft unter die Mähmaschine. Die Schweizerische Vogelwarte Sempach fordert deshalb, den Flächenanteil spät geschnittener Heuwiesen deutlich zu erhöhen. Im Berggebiet müsse ein Grossteil der Wiesen erst ab Mitte Juli gemäht werden. Nur so lasse sich verhindern, dass die Wiesenbrüter aus immer mehr Regionen verdrängt würden.