Langsam steigt Markus Brunner von seinem Traktor. Soeben hat er die letzte Furche in den Boden gezogen. Die Anstrengung steht dem 30-Jährigen ins Gesicht geschrieben. Mit dem Handrücken wischt er sich den Schweiss von der Stirn und holt eine Zigarre hervor. Dann beginnt er zögernd in Richtung Festgelände zu stapfen, bleibt alle paar Meter stehen und misst den Abstand zwischen den Gräben.

Brunner schüttelt den Kopf. Er ist mit seinem Werk nicht zufrieden. «Fünf Zentimeter zu kurz», sagt er leise und zeigt auf seine Schlussfurche, «das reicht nicht für einen guten Rang.»

Fatale fünf Zentimeter fehlen
Markus Brunner nimmt mit 23 anderen Männern an der Schweizer Meisterschaft im Wettpflügen teil. Auf einem 18 Hektaren grossen Landstück in St. Katharinental bei Diessenhofen trifft sich an diesem Augustsonntag die Elite der heimischen Pflügerszene zum grossen Showdown. Dem Sieger und dem Zweiten winkt die Teilnahme an der Pflüger-WM 2004 in Irland.

«Fünf Zentimeter zu kurz», flüstert Markus Brunner, als er mit seinen Helfern an der Milchbar im Festzelt ein Softeis bestellt, «da können wir gleich einpacken.»

Meisterschaften im Wettpflügen gibt es in der Schweiz seit 24 Jahren; schon seit 50 Jahren werden Weltmeisterschaften ausgetragen. Ziel des Wettstreits ist, ein begrenztes Stück Land innerhalb einer limitierten Zeitspanne nach allen Regeln der Kunst zu beackern. Bei der Bewertung schauen die Juroren nicht nur darauf, ob alle Arbeitsschritte korrekt durchgeführt wurden und das Feld optisch regelmässig wirkt, sie greifen auch zum Massband und verwandeln fehlende oder überschüssige Zentimeter unbarmherzig in Minuspunkte.

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Bestellt ein Landwirt im normalen Arbeitsalltag zirka eine Hektare pro Stunde, schaffen Wettpflüger in rund vier Stunden gerade mal knapp 14 Aren. Das liegt an der Komplexität des Reglements. «Die geforderte Arbeitstiefe ist mit einer Toleranz von plus/minus 2 Zentimetern einzuhalten», heisst es in Ziffer 5.5 der Bewertungskriterien für die Schweizer Meisterschaft im Wettpflügen. Bei ihrer Fahrt über das 92 Meter lange und 12 bis 18 Meter breite Feld müssen die Wettkämpfer den Pflug immer exakt gleich tief durch die Erde ziehen. Variiert die Furchentiefe um mehr als zwei Zentimeter, gibts Strafpunkte. Pluspunkte können sich die Pflüger holen, wenn ihre Furchen keine «Schlangenlinien» aufweisen, sondern schnurgerade sind. Einen «gleichmässigen Furchendamm» würdigt die Jury mit zehn Punkten.

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Das Schöne am Wettpflügen sei die Auseinandersetzung mit der Technik, sagt Brunner, der als Lohnunternehmer in der Region Worb für Bauern die Felder bestellt. Mit seinem Bruder Thomas, 27, hat er in der Freizeit über 100 Stunden an seinem Drehpflug getüftelt, um ihn für den Wettkampf fit zu machen. Das Gerät strotzt vor hydraulischer und elektronischer Hightech. «Da ist fast nichts mehr original», schmunzelt Thomas Brunner, der beruflich Landmaschinen verkauft.

Das Training sei neben der Technik «das A und O» im Pflugsport, erklärt Thomas Brunner, doch Übungsflächen seien in der kleinräumigen Schweiz rar. Zudem nehmen die Pflüger, die entweder selbst als Bauern oder in verwandten Berufen tätig sind, den Landschaftsschutz äusserst ernst: Unter die Scharen kommen nur Felder, die abgeerntet sind und sowieso gepflügt werden müssen.

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«Zum Glück haben uns Bekannte letzte Woche fürs Training einen Acker überlassen», berichtet Thomas Brunner; noch am Vorabend hätten sie bis spät in die Nacht geübt. Trotzdem sei die Vorbereitung knapp ausgefallen: «Wir konnten nur etwa eine Woche trainieren.»

«Man muss total angefressen sein»
Zum Vergleich: Die Österreicher, die sich an der WM jeweils in den vordersten Rängen platzieren, trumpfen mit rund 500 Trainingsstunden pro Mann auf. Vor der letztjährigen WM in der Schweiz, so ein hartnäckiges Gerücht, seien die Österreicher heimlich aufs Wettkampfgelände bei Murten gefahren und hätten Bodenproben genommen – um zu Hause unter exakt gleichen Bedingungen trainieren zu können.

Fredy Ruf aus dem aargauischen Wittwil ist einer von zehn Experten, die die Arbeit der Pflüger unter die Lupe nehmen. Mit Bewertungsformular und Messstab ausgerüstet, schleicht er durch die Furchen, taxiert die Qualität der Dämme, die Exaktheit der Linien, die Einhaltung der Abstände: Kein Halm darf am Schluss aus dem Acker ragen, auch Löcher oder liegen gebliebene Schollen sind verpönt.

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«Wettpflügen ist eine enorme Konzentrationsleistung», sagt Ruf. Die meisten fänden den Zugang vom Beruf her. «Wir sind eine grosse Familie.» Um dazuzugehören, sei vor allem eines wichtig: «Man muss einfach total angefressen sein.»

Im Festzelt brutzeln Würste und Steaks auf dem Grill, Bier und Sprudel fliessen in Strömen. Die Landjugendgruppen Thurtal und Schaffhausen, die den Anlass mit der Schweizerischen Pflügervereinigung (SPV) organisiert haben, sind mit Infostand und Milchbar präsent.

Für die am schönsten geschmückten Traktoren stehen Preise bereit: Werkzeugkisten, Bauscheinwerfer, Dächlikappen. Alle paar Stunden demonstriert ein Hersteller seinen «Servo Intelligent», den weltweit ersten automatischen Pflug. Während der Vorführung stehen die Bauern für das meterhohe Ungetüm Spalier – als würde demnächst ein Hochzeitspaar aus der Dorfkirche treten. Derweil manche Männer den Superpflug noch rasch auf Video festhalten, sitzen die Frauen und Kinder bereits wieder im Schatten der Festkantine.

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Die Pflügerei sei leider eher Männersache, sagt SPV-Präsidentin Rita Stadelmann. Gerne würde sie auch Frauen für den Sport begeistern, denn das Pflügen sei eine alte Kulturtechnik, die es zu bewahren gelte. «Es ist wunderbar, die frisch aufgerissene Erde zu riechen und zu wissen, dass sie bereit ist für die neue Aussaat.»

Bedrohliche Zukunftsvisionen
Diese weibliche Sicht aufs Pflügen scheint im Bauernstand aber kaum auf fruchtbaren Boden zu fallen: An der Schweizer Meisterschaft ist keine einzige Pflügerin auszumachen. Auch Stadelmann, die mit ihrem Mann Toni in Roggenburg einen Bauernhof führt, sass noch nie auf einem Pflug – das überlässt sie ihrem Gatten. Das Paar hat keinen eigenen Acker, Toni klopft jeweils bei den Nachbarn an und bittet um ein Stück Scholle zum Trainieren. Mit Erfolg: Stadelmann befindet sich an diesem Wettkampfsonntag nicht im Thurgau, sondern in Ontario – er hat sich für die WM 2003 in Kanada qualifiziert.

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Sehr präsent auf dem Gelände ist hingegen Kurt Bachmann, Präsident des Organisationskomitees. Wie Rita Stadelmann trägt er ein ferrarirotes Hemd mit gesticktem SPV-Logo, an seiner Halskette baumelt eine versilberte Pflugschar.

Bachmann richtet Grussworte an Pflüger und Publikum. Das Wettpflügen habe auch zum Ziel, «bäuerliche und nicht bäuerliche Bevölkerung zusammenzubringen». Rund 3000 Zuschauer seien erschienen, schätzt Bachmann. Ein Riesenerfolg, denn «in der heutigen Zeit ist es wichtig, dass die Bauern zusammenhalten». Sorgen bereitet den Landwirten nicht nur die Subventionspolitik des Bundes oder die Europafrage – selbst die Zukunft des Pflügens scheint auf dem Spiel zu stehen. Denn die moderne Landwirtschaft kennt bereits die pfluglose Bodenbearbeitung: Der Acker wird mit Spezialgerät nur noch leicht aufgekratzt und im selben Arbeitsschritt mit der Aussaat bestückt.

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Kurz vor der Siegerehrung ziehen dunkle Gewitterwolken auf, bald wird die mit so viel Hingabe erstellte Furchenlandschaft verwischt und verwässert sein. Doch die Juroren haben rechtzeitig alles notiert; im Expertenbüro wird emsig gerechnet und klassifiziert.

Um die Wartezeit zu überbrücken, hat die SPV den SVP-Nationalrat Peter Spuhler als Redner eingeladen. In markigen Worten beschwört der Thurgauer die Neutralität der Schweiz und warnt vor dem Ausverkauf des Landes an Europa auf Kosten der Bauern. Aus dem Festzelt tönt verhaltener Applaus, als er das Mikrofon für die Rangverkündigung freigibt.

Der Sieger heisst Peter Ulrich aus Neerach mit 121 Punkten, Zweiter ist Ueli Hug aus Wil mit 112 Punkten. Markus Brunner landet mit seinen 94,5 Punkten auf Platz elf. «Nächstes Jahr mache ich es besser», sagt er trotzig.

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