BeobachterNatur: Herr Schnidrig, wie steht es heute um die Akzeptanz des Luchses in den betroffenen Regionen?
Reinhard Schnidrig: Bei den Bauern und Schafhaltern ist es etwas ruhiger geworden. Und zwar deshalb, weil wir heute einzelne Luchse abschiessen können, die sich auf Nutztiere spezialisiert haben. Diese pragmatische Strategie hat die Akzeptanz des Luchses in ländlichen Regionen generell gesteigert. Anders erfahre ich die Diskussion bei den Jägern. In diesen Kreisen wird das Thema Luchs nach wie vor intensiv und kontrovers diskutiert.

BeobachterNatur: Werden Luchse noch immer gewildert?
Schnidrig: Vor allem im Kanton Wallis kursieren entsprechende Gerüchte. Aber es fehlen die Beweise. Und in der Schweiz landet ein Fall nur selten vor dem Richter: Seit Beginn des Wiederansiedlungsprojekts in den siebziger Jahren sind mir nur vier Verurteilungen bekannt, wobei zwei davon auf Selbstanzeige im Zusammenhang mit irrtümlichen Abschüssen beruhen. Der Bund macht keine Polizeiarbeit, der Gesetzesvollzug ist Sache der Kantone.

BeobachterNatur: Gemäss der neuen Jagdverordnung können Luchse künftig auch dann abgeschossen werden, wenn sie in einem Gebiet zu viele Rehe reissen. Wie will man das konkret handhaben?
Schnidrig: In einem nächsten Schritt entscheidet der Bundesrat über die revidierte Jagdverordnung; sie dürfte Mitte 2012 in Kraft treten. Anschliessend werden wir gemäss der überwiesenen Motion Hassler das Luchs- und das Wolfskonzept anpassen. In diesen Prozess werden wir alle Interessengruppen einbeziehen. Ich kann derzeit noch nichts über die Umsetzung sagen, zuerst muss der Bundesrat entscheiden.

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Reinhard Schnidrig, Leiter der Sektion «Jagd, Fischerei, Waldbiodiversität» beim Bundesamt für Umwelt (Bafu).
Bild: BAFU

Quelle: Thinkstock Kollektion

BeobachterNatur: Ist es aus Ihrer Sicht wirklich sinnvoll, eine gefährdete Tierart zu dezimieren, damit die Jäger pro Jahr drei statt zwei Rehe jagen dürfen?
Schnidrig: Diese Frage hat suggestiven Charakter, daher beantworte ich sie nicht.

BeobachterNatur: Stellen wir die Frage also anders: Wird auf diese Weise die weitere Ausbreitung und Etablierung des Luchses nicht verhindert?
Schnidrig: Nein, das glaube ich nicht. Der Luchs lebt in der Schweiz in «Grossgattern», die durch Strassen, Eisenbahnen, Siedlungsgürtel, Berge und Seen eingegrenzt sind. Nur selten können wir beobachten, dass Luchse aus diesen «Gattern» abwandern und neue Gebiete besiedeln. Denn der Luchs ist per se ein schlechter Besiedler von neuen Lebensräumen. Für die weitere Ausbreitung braucht es deshalb Umsiedlungsprojekte oder aber viel Zeit.

BeobachterNatur: Stimmt es, dass sämtliche Kantone geschlossen für eine Regulierung der Luchspopulation waren, aus Sorge, ihnen könnten zu viele Jagdgelder entgehen?
Schnidrig: Die Kantone unterstützen grundsätzlich die pragmatische Schutzstrategie des Bafu, die auch die Möglichkeit zur Regulation von geschützten Tierarten vorsieht, sofern sie grosse Konflikte mit anderen Interessen wie etwa der Jagd auslösen. Ob im konkreten Fall ein regulativer Eingriff sinnvoll ist oder nicht, werden die Verantwortlichen der kantonalen Fachstellen und die Kantonsregierungen zu gegebener Zeit evaluieren. Die Frage nach den Gründen, weshalb die Kantone die Regulierung unterstützen, müssen Sie den kantonalen Verantwortlichen stellen.

BeobachterNatur: Viele Regionen wie etwa die Kantone Graubünden und Tessin sind noch nicht vom Luchs besiedelt, obwohl geeignete Lebensräume vorhanden wären. Inwiefern setzt sich das Bafu dafür ein, dass der Luchs auch dort heimisch wird?
Schnidrig: Der Bund unterstützt Projekte betreffend Ausbreitung des Luchses in neue, geeignete Gebiete. Dies getreu unserer Überzeugung, dass sich Grossraubtiere in unserer Kulturlandschaft auf die Dauer nur halten können, wenn sie auf grosser Fläche vorkommen, bei gleichzeitiger Regulationsmöglichkeit in den Regionen. Deshalb engagieren wir uns zurzeit in zwei Umsiedlungsprojekten. Das eine läuft in den österreichischen Alpen, das andere im Pfälzerwald in Deutschland. Auf die noch nicht vom Luchs besiedelten Kantone Graubünden und Tessin wollen wir aber keinen Druck ausüben. Die Erfahrung zeigt, dass solche Projekte nur eine Chance haben, wenn sie in der Region selbst entstehen und demokratisch getragen sind.

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Ein weiteres Interview mit Reinhard Schnidrig zum Thema Revision der Jagdverordnung: «Welches grausame Spiel?»