«Hase», sagt Andreas Ryser, zeigt auf die Spur im Schnee und stapft weiter den Berg hoch. Ein paar Meter weiter sagt der Wildtierbiologe: «Reh.» Es liegt viel Neuschnee am Tössstock, günstige Bedingungen fürs Spurenlesen. Die Flocken fallen dicht. Es sind kaum mehr Konturen auszumachen, die Landschaft versinkt in Schwarzweiss. Es ist schön im Toggenburg. Und still.

Im Toggenburg gehe ein Luchskiller um, schrieb Pro Natura St. Gallen-Appenzell am 3. Januar dieses Jahres. Von den neun in der Nordostschweiz ausgesetzten Luchsen seien nur noch drei am Leben – das Projekt Luchsumsiedlung Nordostschweiz (Luno) sei am Ende, schrieb die Naturschutzorganisation. Die Medienmitteilung schlug ein wie eine Bombe. Vorbei der Frieden im Toggenburg.

«Es ist fraglich, inwiefern diese Aussage sinnvoll ist. Es gibt keine konkreten Hinweise auf Wilderei. Nicht einmal Gerüchte», sagt Guido Ackermann, Jagdverwalter des Kantons St. Gallen und einer der Leiter von Luno, das von fünf Kantonen und dem Bund getragen wird. «Es gibt für diese These keine Evidenz», erklärt auch Urs Breitenmoser, Chef der Koordinierten Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere in der Schweiz (Kora). Ein Abwiegeln, das Pro-Natura-Geschäftsstellenleiter Christian Meienberger empört: «Für das Verschwinden von mindestens sechs Luchsen fehlen Erklärungen. Über diese Ausfälle äussert sich niemand. Es behaupten nur alle, es handle sich nicht um Wilderei.»

Tatsächlich fehlen plausible Gründe. Dass mit den gängigen Überwachungsmethoden angesiedelte Luchse übersehen worden seien, schliessen die Wissenschaftler aus. Ebenso die Möglichkeit, dass die Tiere plötzlich ihren Lebensraum verlassen und abwandern. «Dass sie hier leben können, haben sie bewiesen. Ob sie überleben, ist vom Menschen abhängig. Ich glaube nicht, dass es am Lebensraum liegt. Dass Raubtiere zum Leben Wildnis brauchen, ist ein Bild, das man revidieren muss», sagt Andreas Ryser, der das Luno-Projekt auf wissenschaftlicher Seite leitet.

Der Bestand nahm drastisch ab

Um Klarheit zu schaffen über den Verbleib der Luchspopulation, hat der Wildtierbiologe im Luno-Gebiet Anfang Februar 32 Kameras montiert. Damit Luchse identifiziert werden können, müssen sie von beiden Seiten abgelichtet werden – die Fotofalle reagiert auf Bewegungen, der so genannte Slave auf das Blitzlicht der ersten Kamera. «Hier an diesem Hang ob Rufi ist Aura immer gewesen», erzählt Ryser. Sie habe sich in einem relativ kleinen Umkreis von 70 Quadratkilometern bewegt. An diesem Standort tappte sie 2004 mehrmals ins Bild. Letztes Jahr aber tauchte anstelle von Aura plötzlich Nura auf, obwohl deren Gebiet weiter östlich liegt. Ist Aura nicht mehr da? Oder ist Nura hierher gekommen, weil auch ihr Männchen, Odin, fehlt?

Neun ausgewachsene Luchse wurden ab 2001 im Raum Tössstock, Toggenburg, Churfirsten und Alvier ausgesiedelt. Die kleine Population musste rasch Federn lassen. Roco «verschwand» laut Kora schon im ersten Jahr – 2003 war Vino tot. Ein Jahr später starb Ayla im Strassenverkehr. Und Aika fand nie Anschluss an die Population. So blieben von der ersten Generation noch Baya, Nura und Aura sowie Odin und Turo, von denen gemäss Kora fünf Junge bestätigt sind – wahrscheinlich aber waren es mehr.

Ende 2005 lag die Erwartung bei «rund zehn selbstständigen Tieren – plus die im Sommer 2004 geborenen Jungluchse», wie die Kora in einem Bericht vom letzten Dezember schreibt. Die Realität indessen sieht anders aus: «Eine intensive Erhebung mit Fotofallen und ein systematisches Abfährten des Geländes im Winter brachte bloss vier Tiere zum Vorschein», so das Bulletin weiter. Es waren dies Nura und Turo sowie die 2002 geborene Nema und der 2003 geborene B88. Was ist mit den anderen geschehen? Und: Leben wenigstens diese vier Luchse noch?

Bei der nächsten Kamera an einem abgelegenen Ort am Speer erwartet Andreas Ryser Ärger: Jemand hat den Slave abgedreht, so dass er nicht mehr funktioniert. Da hat sich jemand einen Scherz erlaubt oder sich von den Kameras provoziert gefühlt. Es ist ein heikles Terrain, auf dem sich Ryser bewegt: Wer sich mit der Raubkatze beschäftigt, wird hier gern angefeindet. Wie gereizt die Stimmung im Luchsgebiet ist, illustriert der Umstand, dass sich niemand positiv über den Luchs äussern will. Man sei dem Luchsprojekt gegenüber überwiegend «kritisch» eingestellt, so ein Eingeweihter. Und wer sich als Luchsfreund exponiere, habe Nachteile zu gewärtigen. Deshalb wäre es Ryser am liebsten, es würde derzeit nicht über Luno berichtet – er ist auf die Unterstützung der lokalen Bevölkerung angewiesen.

Die Wilderer schiessen sich ein

Vom Bären und vom Wolf gibt es Mythen. Vom Luchs geht nur immer die Kunde von seinem Frevler. Sollte in der Nordostschweiz tatsächlich ein Wilderer umgehen, würde er sich in eine unschöne Tradition einreihen: Raubtierwilderei gilt in der Schweiz vielerorts noch immer als Kavaliersdelikt. Seit den ersten Aussiedlungen Anfang der siebziger Jahre wurden 220 Todesfälle von Luchsen verzeichnet, davon kamen laut Kora 49 Tiere «nachweislich illegal» um. Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein, denn die Zahlen beziehen sich nur auf Totfunde. Mehr als ein Drittel aller Luchse, die nicht an Schussverletzungen starben, wiesen zudem Schrotspuren auf. Man muss davon ausgehen, dass gut die Hälfte der Schweizer Luchse schon einmal einem Wilderer begegnet ist. «Auf Luchse wird geschossen, das ist keine Frage. Abschuss ist die wichtigste Todesursache», bestätigt Kora-Chef Urs Breitenmoser.

«Ich habe mich lange geweigert zu glauben, dass die vermissten Luchse weg sind», sagt Andreas Ryser. Mittlerweile ist er davon überzeugt. Er hofft nun, dass zumindest jene Tiere gefunden werden können, die letztes Jahr nachgewiesen wurden. Doch auch dann ist ihr Überleben nicht gesichert. «Mit vier Luchsen steht diese Population auf wackligen Beinen. Wenn noch mehr Tiere ausfallen, wird es prekär», so Ryser. «Der Start der Luchspopulation in der Nordostschweiz ist gefährdet. Wir beurteilen die Situation pessimistisch», sagt auch sein Vorgesetzter, Urs Breitenmoser. Wenn man am Ziel festhalten wolle, einen Luchsbestand aufzubauen, müsse man sich überlegen, jetzt etwas zu unternehmen.

Heisst: weitere Luchse auszusetzen. Doch davon will derzeit niemand etwas wissen. Wohl nicht zuletzt wegen der luchsfeindlichen Stimmung in der Region. «Bevor etwas entschieden werden kann, müssen wir die Ergebnisse des laufenden Monitorings abwarten», sagt Jagdverwalter Guido Ackermann. Denkbar, dass die Verantwortlichen dem Luchs damit einen Bärendienst erweisen. Und dass damit eingetreten ist, was Pro Natura befürchtet hat: dass es den Luchsgegnern bereits gelungen ist, den Luchs ein zweites Mal auszurotten. Es ist still geworden um den Luchs in der Nordostschweiz. Vielleicht, weil schlicht keiner mehr da ist.

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