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Wunschreportage «Grossaquarium»Im Tunnel durch das Rote Meer

Das Sea Life Konstanz präsentiert Tiere in mehr als 30 aufwendig inszenierten Aquarien. Nicht nur Kindern gefällt der Gang durch die haushohen Kulissen. Noch spannender ist der Blick dahinter.

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Der Alarm ging ausgerechnet an Heiligabend los. Alexander Dressel ahnte zuerst nichts Böses, als spätabends sein Handy klingelte. Doch der Anruf kam von der Notrufleitstelle Konstanz. Das automatische Warnsystem des Sea Life hatte eine Pumpenstörung gemeldet. Dressel rannte zum Auto und fuhr los.

«Ein Schlauch der Wasserkühlung leckte», erinnert sich der 26-Jährige. Als sogenannter Senior Aquarist ist er für sämtliche Becken des Sea Life verantwortlich. Die technische Störung hatte zur Folge, dass sofort alle Tiere und Pflanzen evakuiert werden mussten – eine aufwendige Arbeit. «Heiligabend war gelaufen», erzählt Dressel. «Aber wir konnten wie immer alle Tiere retten.»

Dressel steht im Maschinenraum im Untergeschoss des Sea Life, sein Blick schweift über die verschiedenen Wasserfilter. Auch heute gibt es kleine Probleme. «Es haut immer wieder Sicherungen raus», sagt der Mann für alles. Wasserpumpen rattern, ein mit «Abschäumer» beschriftetes Gerät filtert unerwünschte Proteine aus dem Wasser, und in einem grossen Tank, der an eine Kläranlage erinnert, rotiert das Wasser. «Zurzeit ist alles okay», sagt Dressel.

Zur gleichen Zeit im ersten Obergeschoss: Mehrere hundert Besucher erfreuen sich an den einheimischen und exotischen Wasserbewohnern. 10 bis 15 Euro hat jede Person bezahlt, um die zirka 3000 Tiere in den 32 grossen, meist artgerecht angelegten Aquarien zu sehen. Der mit haushohen Kulissen ausgestaltete Parcours führt das Publikum zuerst an einen Gebirgsbach mit Forellen und Elritzen. Für die richtige Ambiance sorgen Kunstfelsen, Nebel aus der Düse und Vogelgezwitscher ab CD. Zwölf weitere Stationen folgen: Vom Bodensee geht die Reise rheinabwärts in den lärmenden Hafen Rotterdams, dann durch ein enges Schiffswrack zum Nordseegrund, einem kreisrunden Hai- und Rochenbecken. Schliesslich durchqueren die Besucher in einem Plexiglas-Tunnel das Rote Meer, wo weitere Haie und Rochen ihre Runden drehen. Die letzte Station ist der vor kurzem fertiggestellte Arktisbereich mit zehn agilen Eselspinguinen.

«Instant Ocean» ersetzt das Meer

Derweil klingelt es im Untergeschoss. Ein Spediteur liefert palettenweise Meersalz an. «Instant Ocean» steht auf den Säcken à 25 Kilogramm. «Für unsere Salzwasserbecken», erklärt Alexander Dressel.

Insgesamt fassen die Aquarien des Sea Life rund 500'000 Liter Wasser, was dem Inhalt von etwa 3000 Badewannen entspricht. Frischwasser braucht es dank der Filteranlage nur wenig: Bloss 10'000 Liter müssen pro Woche ausgetauscht werden, der Rest wird rezykliert. Das Frischwasser stammt direkt aus dem Bodensee.

Es ist kurz vor elf, die erste Attraktion steht auf dem Plan: die Fütterung der Pinguine. Über 40 Kinder stehen bereit, um der Speisung beizuwohnen. Für sie ist es die Sensation des Tages. Für das Personal ist es alltägliche Routine. Dressels Kollege, der 25-jährige Zootierpfleger Dennis Kübler, stellt in der Futterküche die Tagesration für alle Tiere des Sea Life bereit. «Wir haben 60 Kilogramm Pinguine – macht sechs Kilo Fisch», rechnet er aus. «Dazu 125 Kilo Schildkröten – macht ein Kilogramm Salat.» Schliesslich kommt er auf gerade mal zehn Kilogramm Futter. Das Menü für die Pinguine besteht aus Makrelen und Heringen, für die Haie hat es Forellen. «Die fressen nur Qualitätsware», kommentiert Alexander Dressel.

Schildkröten fressen Salat und Broccoli. Für die kleinen Fische stehen Zuckmückenlarven bereit, ebenso winzige lebende Krebschen aus der Nordsee, die gerade per Post angeliefert wurden.

Als der Tierpfleger das Pinguingehege betritt, geht ein Raunen durch das zumeist junge Publikum. Und auch die Pinguine wissen, was sie erwartet: Freudig rasen sie durch das Wasserbecken. Kübler streckt ihnen Fische entgegen, worauf sie hintereinander aus dem Wasser springen, artig über das Kunsteis zum Tierpfleger watscheln und ihm die Fische aus der Hand fressen. Die Pinguine quieken, und die Kinderschar kreischt.

Kleine Kinder füttern grosse Fische

Etwas später versammeln sich alle beim Bodensee. Hafengeräusche ertönen aus den Boxen, auf nachgebauten Schiffsplanken sitzen Ratten aus Plastik. Wieder steht eine Fütterung an – doch diesmal dürfen die Kinder mitmachen. Vergnügungspark-stimmung macht sich breit. «Zieht euch die Kapuze über», ruft der zum Animator mutierte Aquarist Alexander Dressel. Er verteilt Fischpellets, ruft «eins, zwei, drei!», dann dürfen die Kinder das Futter in das Becken werfen. Meterlange Störe und riesige Karpfen springen hoch, es spritzt über den Beckenrand, wieder johlen die Kinder vergnügt.

Frage an die Marketing-Koordinatorin Patricia Morgenstern: Ist das Sea Life eigentlich ein Zoo oder ein Disneyland mit lebenden Tieren? «Natürlich wollen wir Unterhaltung bieten», sagt die junge Frau. «Gleichzeitig sehen wir uns aber auch als Botschafter der Meere.» Deshalb werde überall in der Ausstellung auf die Bedrohung der Ökosysteme hingewiesen. Und daher engagiere man sich auch bei diversen Schutzprojekten.

Sogar mit Greenpeace hat das Sea Life einst zusammengearbeitet – allerdings nur bis zur «Tropikalisierung» des Centers, wie es Patricia Morgenstern nennt. Nach dem Grosserfolg des Films «Findet Nemo» im Jahr 2003 wollte man mehr tropische Tiere ausstellen – da hätte Greenpeace nicht mitgemacht.

Eigene Zucht von Meerestieren

Spätnachmittags ist nochmals eine grosse Attraktion angesagt: Tauchen im Hai- und Rochenbecken. Alexander Dressel öffnet die Tür, die neben dem Roten Meer hinter die Kulissen führt. Tauchanzüge hängen an der Wand, daneben allerlei Zettel. «Achtung, in diesem Becken befinden sich giftige Tiere!», ist da zu lesen. Auf einem zweiten Blatt ist erklärt, wie man Meeresschildkröten wiederbelebt. Bis man im Ernstfall die komplizierte Anleitung gelesen hätte, wäre das Tier allerdings wohl längst verendet. «Die Zentrale in England schickt uns immer wieder neue Vorschriften und Anleitungen», schmunzelt Dressel, «aber es ist ja im Interesse der Tiere.»

Die Sea-Life-Kette betreibt im englischen Weymouth eine eigene Zuchtstation, die all ihre Grossaquarien mit Tieren beliefert. Einige besonders seltene Spezies werden allerdings noch immer in der Wildnis eingefangen. «Eine höchst problematische Praxis», wie Sara Wehrli vom Schweizer Tierschutz (STS) sagt. Alexander Dressel ist anderer Meinung: «Schon die Einfuhr weniger Seepferdchen unterliegt strengen Auflagen und bedeutet jedes Mal einen riesigen Papierkram», betont er. «Zudem helfen wir mit unseren Zuchten, die seltenen Arten zu erhalten.» Gleichzeitig würden zum Beispiel auf den Märkten rund um das Mittelmeer Millionen von Seepferdchen als Souvenirs angeboten.

Tauchgang mit Haien und Rochen

Dressel, jetzt in voller Tauchermontur, springt ohne Furcht ins 320'000 Liter fassende Rote Meer. Sofort stauen sich unten im Plexiglas-Tunnel die Besucher. Der Aquarist, nun wieder ganz der Animateur, winkt dem Publikum und beginnt, mit der Schildkröte Amadeus zu spielen. Das 60 Kilogramm schwere Tier geniesst die Streicheleinheiten sichtlich. Die Haie und die giftigen Stechrochen hingegen scheinen sich für den Taucher nicht zu interessieren – selbst dann nicht, als ihnen Alexander Dressel Fische entgegenstreckt.

Als sich die Besucher am Spektakel sattgesehen haben, beginnt Gross und Klein in Richtung Ausgang zu drängen – nicht ohne Souvenirs zu kaufen oder im Restaurant einen letzten Kaffee zu trinken. Dann werden Lichter gelöscht, Nebelmaschinen und Vogelgezwitscher ausgeschaltet, die Tageseinnahmen gezählt. Alexander Dressel wirft einen letzten Blick auf die Sicherungen. «Ich lasse diese Nacht mein Handy besser eingeschaltet», sagt der junge Senior Aquarist und lacht.

Zu Sea Life gehören 35 Grossaquarien in Europa und den USA. Bereits sind weitere in Australien und Neuseeland geplant. Die Kette gehört zum Unterhaltungsgiganten Merlin Entertainments, dem nach Disney weltweit zweitgrössten Betreiber von Freizeitparks und -attraktionen. Zur Holding gehören bekannte Marken wie Legoland und Madame Tussauds oder auch das Gardaland in Italien. Hauptaktionär von Merlin Entertainments ist die Blackstone Group. Die wohl grösste Beteiligungsgesellschaft der Welt investiert unter anderem ins Öl- und Kohlegeschäft und hat 2007 die Hotelkette Hilton aufgekauft.

Das Aquarium befindet sich gleich hinter dem Bahnhof Konstanz (D), neben dem Hafen. Vom Bahnhof aus benützt man die südlich gelegene Passerelle über die Gleise und folgt dann der Strasse nach rechts. Erwachsene zahlen 15 Euro, Kinder von 3 bis 14 Jahren 10 Euro. Wer Tickets online bestellt, erhält eine Vergünstigung. Zum Sea Life gehören ein Restaurant und ein Shop. Im selben Haus befindet sich auch das Bodensee-Naturmuseum Konstanz, wo der Eintritt gratis ist.

Öffnungszeiten Sea Life:

  • Montag bis Freitag 10–17 Uhr
  • Wochenende/Feiertage 10–18 Uhr

www.visitsealife.com/konstanz

Veröffentlicht am 01. April 2011