Der Graureiher steht majestätisch am Rand des Kormoranteichs und beäugt die Menschen, die wiederum ihn beäugen, mit aufreizender Herablassung. Gleich wird er sich einen Fisch schnappen und damit zu seiner Kolonie hoch oben in den Baumwipfeln entschwinden. Seit den achtziger Jahren brüten die Graureiher hier im Basler Zolli und ge­niessen den Komfort einer geschützten Um­gebung samt regelmässigem Futternachschub.

Das einzige Problem, das sich ihnen ­gelegentlich stellt, ist die Wohnungsnot. Denn die 20 Reiherpaare sind nicht die einzigen Gäste, die geräumige Nistplätze brauchen. Ihre Nachbarn, die Störche, benötigen noch grössere Horste. In den fünfziger Jahren war der Babykurier aus unseren Breitengraden verschwunden, aber schon 1948 hatte man mit einem Zuchtprogramm begonnen. Mehr und mehr ­gesellten sich freilebende Störche zu den Artgenossen im Zoo, und 1982 brütete erstmals ein zugewandertes Storchenpaar im Zolli. Inzwischen wird hier nur noch ein einziger Storch als Zootier gehalten, ein Weibchen, das nach einem Unfall nicht mehr fliegen kann und sein Nest deswegen am Boden eingerichtet hat.

Ideales Habitat für viele Tiere

Störche und Graureiher sind bestimmt die spektakulärsten Gäste im Zolli, aber bei weitem nicht die einzigen. Mit grossem Aufwand haben Wissenschaftler des Zolli in Zusammenarbeit mit verschiedenen ­naturwissenschaftlichen Forschungsstellen und der Universität Basel die Fauna und Flora zwischen den Gehegen systematisch erforscht. Die Studie wurde 2008 publiziert und ist beinahe 500 Seiten stark. 3110 verschiedene Organismen hat man festgestellt. Nur schon die Regenwürmer sind mit 15 Arten vertreten, von denen zwei zuvor nie in Basel gesichtet worden waren.

«In Wirklichkeit jedoch», erklärt Bea­trice Steck, die als wissenschaftliche Mit­arbeiterin des Zoos an der Studie beteiligt war, «werden es eher um die 5500 sein.» Die Diskrepanz rührt daher, dass es die Vielfalt der Kleintiere, die sich in der Erde tummeln, verunmöglicht, alle zu finden. Auch hätte man für manche Arten keine Experten gefunden, die fähig gewesen ­wären, sie zu identifizieren.

Der Zoo bietet für viele mehr oder weniger geliebte Gasttiere ein ideales Habitat. Die Zootiere sorgen dafür, dass die Erde aussergewöhnlich viele Nährstoffe enthält. Ausserdem gelangen mit den Futtermitteln und den verschiedenen Materialien, die für die Einrichtung artgerechter Anlagen benötigt werden, weitere Lebewesen in den Zoo. Zu den Gästen, die auch einem gemütlich dahinschlendernden Zoobesucher auffallen könnten, gehören Stock­enten, Nilgänse, Eichhörnchen, die ursprünglich aus Südamerika stammende Biberratte Nut­ria sowie allerhand Vögel, zum Beispiel Bergstelzen, im Winter der Eisvogel und – wenn in Skandinavien das Futter knapp wird – der Seidenschwanz.

Anzeige

Iltisse schnappen Eulen das Futter weg

Auf die Spur eines weiteren Gastes kamen selbst die Experten im Basler Zoo erst im Verlauf einer Nachtwache. Dem Wärter der Brillenkauzvoliere war aufgefallen, dass die Vögel abmagerten, obwohl er ihnen immer mehr Mäuse auftischte. Es stellte sich heraus, dass sich in der benachbarten Präriehundeanlage ein paar räuberische Iltisse eingenis­tet hatten, die sich am Tisch der Käuze bedienten.

Lokale Berühmtheit hat in Basel jener Biber erlangt, der im Mai letzten Jahres eines Nachts vor den Pforten stand und Einlass begehrte, den ihm der Nachtwächter auch freundlich gewährte. Es war der erste neu eingewanderte wilde Biber am Birsig, dem Flüsschen, das entlang dem Zolli Richtung Rhein fliesst. Bleiben durfte er allerdings nicht. Man wäre nicht in der Lage gewesen, ihm ein artgerechtes Heim zu bieten.

«Wir haben uns sehr gefreut, als er gekommen ist», sagt Zolli-Tierarzt Christian Wenker, der sich nicht zuletzt um ungebetene Mitesser kümmert: «Aber der Biber hat auch ein Störpotenzial. Er kann Bäume fällen, und das könnte gefährlich für un­sere Besucher werden.» So wurde das Tier an einem geeigneten, geheim gehaltenen Ort in der Natur ausgesetzt.

Eingeschleppte Krankheiten verhindern

Zuoberst auf Christian Wenkers Liste von ärgerlichen Gästen stehen Kakerlaken und andere Insekten. Besonders in den ­geheizten Häusern finden sie luxuriöse ­Lebensbedingungen. «Der Hauptgrund dafür, dass wir sie bekämpfen, ist, dass sie zahlreiche Krankheiten von einem Gehege ins andere verschleppen können.»

Derweil der Zoo sonst streng biologisch und frei von Kunstdüngern und Giften geführt wird, muss bei der Bekämpfung dieser Eindringlinge eine Ausnahme gemacht werden. Hier verwendet man sorgfältig platzierte Giftköder, durch die keine anderen Tiere zu Schaden kommen können. Das Gleiche gilt für Mäuse, wenn konven­tionelle Fallen nicht ausreichen, ihrer Herr zu werden.

Anzeige

Trotz der Nähe zum Bach stellen Ratten ein kleines Problem dar. Hingegen sorgen Füchse, Marder und Hauskatzen mit ihrem Appetit auf junges Vogelfleisch des Öfteren für Ärger. Bodenbrütende Vögel seien ­extrem gefährdet, sagt Christian Wenker: «Einmal haben wir eine ganze Flamingo­brut an den Fuchs verloren. Trotzdem ist es wohl gar nicht so schlecht, wenn unsere Zootiere einen gewissen Raubtierdruck spüren. Die Gefahren können dazu führen, dass eine Tiermutter eine engere Beziehung zu ihren Jungen aufbaut.»

Füchse und Katzen verbreiten mit ­ihrem Kot zudem Krankheiten und Parasiten, die für gewisse Zootiere tödlich sein können. An fuchs- und katzensichere ­Gehege sei indes nicht zu denken: «Man müsste mindestens einen Meter tief gehen, sonst gräbt sich der Fuchs unten durch. Dazu muss der Zaun mindestens zwei Meter hoch sein, überhängend und mit Strom gesichert, sonst klettert er drüber.»

Jedes Jahr würden 10 bis 20 Füchse gefangen, «aber wenn wir einen erwischen, ist bald der nächste da». Die Kunde vom Schlaraffenland im Zolli hat sich eben herumgesprochen, dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.