Auf einer Tafel im Zoo Salzburg steht: Mensch, Homo sapiens. Lebensraum: auf der ganzen Welt, mit Ausnahme der Antarktis, in Siedlungen bis zu 5250 Meter über Meer. Er ist meist äusserst zugänglich und tritt oft in Herden auf. Die Anzahl der Knochen beträgt beim Erwachsenen 206 bis 214. Allesfresser. Er beherbergt zirka 100 Billionen Bakterien.

Im ehemaligen Luchsgehege hinter der Tafel: ein Mann mittleren Alters. Es ist Jürgen Fux. Ein Künstler. Er steht zwischen seinem Rollkoffer, darin die Kleider für ­sieben Nächte, und einer Couch. Es ist Sommer, der 29. August 2013. Er ist ein bisschen aufgeregt. Wegen des Publikums, und weil er nicht weiss, was auf ihn zukommt.

Jürgen Fux will eine Woche lang im Zoo leben. Mit der Aktion möchte er die Zoo­besucher dafür sensibilisieren, dass irgendwann auch der Mensch geschützt werden muss, wenn wir so weitermachen wie bisher. Dabei denkt er an den Plastikmüll im Meer. An den sauren Regen. An Atomunfälle. Während der Tage im Käfig sollen Kunstwerke entstehen, Porträts von Besuchern, die sich den Homo sapiens ­anschauen. Das Ganze nennt er «ARTenschutz Projekt».

Die ersten Stunden im Käfig sind hart für den Fux. Er tut sich schwer damit, ­ausgestellt zu sein. Angegafft zu werden. Der 38-Jährige, sonst kontaktfreudig und selbstsicher, weiss nicht, wie er dasitzen soll. Wohin er gucken, wie er sich beschäftigen soll. Obwohl es im Gehege Com­puter, Badezuber, Zelt und Plumpsklo gibt, wie es die «artgerechte Haltung» vorschreibt, die er selber festgelegt hat. Klar zu denken, fällt ihm schwer. Nur ein Wunsch schält sich heraus: Er möchte den Blicken ausweichen und sich verstecken, keinen Menschen mehr hören und sehen müssen.

Sind die Gäste weg, erwacht der Zoo

An diesem Nachmittag geht er immer wieder die paar Schritte aus dem Sichtfeld des Publikums. Er möchte sich an die Rückwand des Unterstands schmiegen, die einzige Stelle im steil abfallenden Freiluft­käfig, die nicht einsehbar ist. Doch er weiss, dass das nicht geht. Nicht an diesem ersten Tag. Die Gaffer drängen sich ans ­Gitter. Sie lachen und staunen und fluchen. Es sind nicht alle begeistert; 900 E-Mails wird der Künstler im Lauf der Woche erhalten, zuerst mehrheitlich ablehnende von Zoogegnern, später auch aufbauende von Tierschützern.

Erste Lücken tun sich in der Zuschauermenge auf, die Minuten lassen sie grösser werden. Bis die Menge sich ganz auflöst. Gleichzeitig färbt sich der Himmel über dem Untersberg einen Ton dunkler, auf dem Weg, der am Zoo vorbeiführt, radeln die Menschen dem Feierabend entgegen.

Anzeige

Es ist nach 19 Uhr. Fux ist allein im Zoo. Allein mit sich und den 1200 Wildtieren. Die Schottersteine auf den Besucherwegen verschwimmen mit dem Grün der Bäume zu einem rauen Teppich, der Cursor auf dem Bildschirm des Computers blinkt vor sich hin.

Der Porträtkünstler ist Autodidakt. Seit zehn Jahren kann er von der Kunst leben. Vorher war er Metzger, Concierge im Hotel Sacher, Leiter Obst und Gemüse bei einem Grosshändler. Als er 24 Jahre alt war, sagte ihm sein Arzt, dass er Brustkrebs habe. ­Jürgen Fux kündigte seine Stelle, gab seine erste Wohnung auf, verkaufte sein Auto. Er wollte in die Karibik, der Alltag erschien ihm sinnentleert. Die Diagnose erwies ­sich als falsch. Er ging trotzdem.

Ein halbes Jahr lang tuckerte Fux übers türkisblaue Meer, bevor er in Salzburg sein Leben als Künstler wieder aufnahm. Er zeichnete, malte, experimentierte mit unterschiedlichen Materialien. Und weil er es nun professioneller angehen wollte, bewarb er sich bei Galerien, reichte seine Arbeiten bei Wettbewerben ein und bemühte sich, ausgestellt zu werden. Er erhielt Ab­sage um Absage. Eine Galerie schrieb ihm gar, er solle es sein lassen. Aber Fux ist nicht der Typ, der aufgibt. Er organisierte seine erste grosse Porträtausstellung einfach selbst. Heute stellt er weltweit aus.

Im fahlen Licht der Dämmerung, die sich nun über den Salzburger Zoo senkt, scheinen die Tiere in den Käfigen aufzu­wachen. Tapsen sie tagsüber träge durch ihre Gehege oder liegen faul im Schatten, kommen sie abends nicht zur Ruhe. Es ist, als müssten sie all die aufgestaute Energie wie auf Knopfdruck loswerden. Ein bisschen wie Ausstellungsobjekte, die in der Geisterstunde zum Leben erwachen, um am nächsten Tag wieder reglos vor den ­Augen der Menschen dazuliegen.

Anzeige

«Fütterung des Menschen»

Fux schlüpft ins Zelt und in seinen Schlafsack. Er wälzt sich hin und her. Her und hin. Die Tiere sind laut. Sie wimmern, sie jaulen, sie scharren am Gatter. Er vermeint, einem Gespräch zweier Mähnenwölfe zu lauschen. Manche Tierlaute glaubt er zu erkennen, andere kann er nicht zuordnen. Je länger er diesem Knurren und Hecheln, diesem Heulen und Kreischen zuhört, ­desto mulmiger wird ihm. Einmal ist ihm, als stehe ein Tier direkt vor seinem Zelt. Vielleicht der Löwe, sein Nachbar. Er denkt daran, wie dünn die Zeltwand ist. Erst als eine Flasche Rotwein leer ist, findet er Schlaf.

In der zweiten Nacht wacht Fux auf. Er friert. Schwere Regentropfen fallen auf das Zelt. Sein Schlafsack ist nass. Seiner Luftmatratze geht die Luft aus. Am Morgen stellt er fest, dass auch seine Kleider im Koffer feucht sind. Er spannt eine Leine quer durch den Käfig und hängt die Sachen an die Sonne. Nach den lauten Tierchören ist das der zweite Tiefpunkt in seiner Woche im Zoogehege.

Der Regen hat ihn mitgenommen. Er hat Kopfschmerzen. Gliederschmerzen. Fieber. Das Thermometer schnellt auf 40 Grad hoch. Das bekümmert ihn jedoch weniger als der Gedanke, womöglich aufgeben zu müssen.

Am vierten Tag geht es ihm besser. Das Fieber ist weg. Fux mag wieder arbeiten. Er fotografiert die Besucher, druckt die Bilder aus, bearbeitet sie mit Farbe. Foto-Objektkunst. Der Mann, den er soeben gut getroffen hat, schüttelt den Kopf.

Fux nimmt das tägliche Gehirnjogging mit den Tierpflegern wieder auf, die ihm um 9.30 Uhr das Frühstück austeilen («­Fütterung des Menschen»), um 12 Uhr einen Lunch und kurz vor 16 Uhr das Abendessen. Mit den Zoobesuchern – das ist Teil seines Projekts – spricht er nicht.

Anzeige

Konsumverhalten überdenken

Je massiger die Abfallberge in seinem Käfig werden, desto intensiver beschäftigt sich Fux mit seinem Konsumverhalten. Er nimmt sich vor, später, in der Freiheit, seinen Plastikverbrauch einzudämmen und einen Gemüsegarten anzupflanzen. Damit seine beiden Söhne erfahren, woher die Karotten auf ihren Tellern stammen.

Ende Woche können ihm die Blicke der Besucher nichts mehr anhaben. Seine Aufregung ist Gleichgültigkeit gewichen. Er sieht die Besucher nicht mal mehr. Eine Art Schleier verhüllt die Schaulustigen. Weiss und schalldicht.

Fux hat den Eindruck, den Tieren ähnlicher zu werden. Er gewöhnt sich an den Tagesablauf, der immer gleich ist und ihn an den Alltag im Spital erinnert, in dem die Mahlzeiten die Höhepunkte darstellen. Wie in die Tiere kommt auch in ihn erst dann richtig Leben, wenn die Menschen den Zoo verlassen haben. Er arbeitet bis spät in die Nacht in seinem Gehege, ganz nah an den Tieren und ihren Gesprächen. Ihre Stimmen singen ihn in den Schlaf.