Ein kleiner Junge stürmt kreischend auf seine Mutter zu: «Mami, Mami, ich habe Seerosen gesehen!»

Eine Szene im botanischen Garten? Nein, der Bub freut sich im Zürcher Zoo. Im Gehege hinter ihm wären eigentlich Kraniche zu bewundern, doch die haben sich versteckt. Ein paar Schritte weiter rennt der sechsjährige Adam Eswaissi aufs Tigergehege zu. «Wo sind sie denn? Ich sehe gar keine», nörgelt der Erstklässler. Enttäuscht will er mit seiner Mutter und seiner Grossmutter weiterziehen. «Mit kleinen Kindern geht man besser auf den Spielplatz», meint die Grossmutter. Der Zoo sei zu anstrengend; Adam habe keine Geduld zu warten, bis sich mal ein Wolf oder Bär zeige. «Wir haben öfters nur Büsche und Bäume gesehen statt wilde Tiere.»

Seit gut 20 Jahren sind die fünf grossen Schweizer Zoos zu Zooschweiz, der Gesellschaft wissenschaftlich geleiteter zoologischer Gärten (GWZ), zusammengeschlossen: der Zoo Basel, der Tierpark Dählhölzli Bern, der Natur- und Tierpark Goldau SZ, der Wildpark Langenberg ZH und der Zoo Zürich. Ziel der Gesellschaft ist es, den Besuchern in ihren Zoos Naturschutz und Forschung nahe zu bringen sowie Information und Erholung zu bieten.

Für Felix Weber, Direktor des Tierparks Goldau und Vorsitzender von Zooschweiz, stehen Naturschutz und Tierbedürfnisse im Mittelpunkt. Auf der Webseite des Zoos Zürich heisst es stellvertretend für die GWZ: «Der Zoo offeriert ein attraktives Naturerlebnis, zeigt dabei die Vielfalt des Lebens und bindet die Besucher in die Welt der Tiere ein.»

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Laut einer Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich wollen Besucher des Zoos aber vor allem eines: Tiere anschauen. Der zweite Hauptgrund des Zoobesuchs ist «wegen der Kinder».

Der Zürcher Zoo verzeichnet jährlich knapp eine Million Eintritte, Tendenz steigend. Zwei Drittel der Besucher sind Familien mit kleinen Kindern, 20 Prozent Rentner. Und gemäss Studie sehen 15 bis 20 Prozent die Tiere nicht.

Der Zürcher Zoodirektor Alex Rübel kennt das Problem: «Wir wollen den Tieren gerecht werden und sie in ihren angestammten Lebensräumen zeigen. Die Besucher müssen etwas Geduld haben und genau schauen.» Es sei doch viel spannender, einem Bären beim Spielen oder beim Waschen zuzugucken, als ihn als reines Objekt stumpfsinnig im engen Käfig eingesperrt zu sehen.

In den letzten Jahren wurde in den meisten Zoos viel um-, aus- oder neu gebaut. Im Basler Zolli zum Beispiel wurde kürzlich die Etoscha-Anlage eröffnet, die den Nahrungskreislauf anhand von über 25 Tierarten zeigt. Eine der Hauptattraktionen darin sind laut Kurator Gerry Guldenschuh 2500 Heuschrecken, die beim Fressen und Eierlegen im Terrarium beobachtet werden können. Neu ist auch die Geparden- und Wildhundeanlage. Im Bau befinden sich ein Löwengehege und ein Haus, in dem neben Gehegen für Krokodile und Termiten eine Ausstellung über Naturschutz im südlichen Afrika geplant ist.

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Im Zoo Zürich wurden neue Anlagen für Brillen- und Nasenbär, Wölfe, Schneeleoparden und kleine Pandabären eröffnet. Als Nächstes kommt im Sommer 2003 die Eröffnung der Masoala-Regenwaldhalle mit Reptilien, Vögeln und Lemuren. Und im Berner Dählhölzli plant man eine neue grosse Seehundanlage.

Der Tierpark Dählhölzli am Ufer der Aare setzt voll auf die Devise: Mehr Platz für weniger Tiere. In den letzten fünf Jahren wurde laut Direktor Bernd Schildger der Tierbestand um einen Drittel reduziert. Heute leben noch 2000 Tiere im Dählhölzli. Die Besucher akzeptieren und geniessen die naturnahen Anlagen, meint Schildger. Eher selten gebe es Beschwerden, wenn jemand lange warten müsse, bis er endlich ein Tier sehe: «Die Leute müssen halt umdenken und warten. Irgendwann stellt sich dann der Ahaeffekt ein, wenn man das Tier geortet hat. Das ist ja auch spannend und bleibt viel besser im Gedächtnis.»

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In Zukunft müssen die Besucher noch mehr umdenken: Im Natur- und Tierpark Goldau am Fuss des Rossbergs soll die Fläche um 50 Prozent vergrössert werden – bei annähernd gleichem Tierbestand. Und der Zoo Zürich plant, bis 2020 seine Fläche bei gleich bleibender Anzahl Tiere mehr als zu verdoppeln. Anstelle kleiner Einzelanlagen sollen grosszügige Grünräume entstehen, so Direktor Alex Rübel. Die Besucher müssten dann nicht unbedingt mit dem Fernglas durch den Zoo streifen. Schon heute gibts ein Freiwilligenteam von 150 Leuten, die den Zoo gut kennen und den Ungeduldigen erläutern, wo und wann sie die Tiere am besten sehen können.

Wer keine Ausdauer hat, muss sich künftig vermehrt in den Streichelzoo- und Kinderzoo-Abteilungen tummeln: Dort gibts Tiere in Reichweite zu sehen – und zum Anfassen.

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