«Treten Sie ein in die nächste industrielle Revolution» steht an der Tür des Ladens in Zürich. Und die Revolution findet gleich rechts und links des Eingangs statt. Dort steht je ein 3-D-Drucker, der statt bedrucktes Papier dreidimensionale Objekte ausspuckt.

Auf zwei gros­sen Spulen befindet sich das Rohmaterial – farbige Kunststoffschnüre. Sie werden im Druckerkopf auf 260 Grad erhitzt, verflüssigt und in der vom Computer vorgegebenen Form wieder ausgepresst. Schicht um Schicht, die einzelne weniger als einen Millimeter dick, baut der Drucker so Dinge in drei Dimensionen auf – von der Blumenvase bis zur Skulptur, je nach Bauplan, den man per Computer vorgibt. Dieser wird mit CAD-Software erstellt (CAD = computer-aided design). Der verwendete Kunststoff ist sehr robust, aus ihm werden beispielsweise auch Legosteine oder Autoteile hergestellt.

Quelle: Luxwerk &nbsp

Vom Landschaftsrelief bis zum Spielzeug: Die Spielarten des 3-D-Printings sind unbegrenzt.

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Jeder sein eigener Designer

«Diese Maschine könnte Ihre Welt verändern», titelte das US-Magazin «Wired» vor einigen Wochen zu den 3-D-Druckern. Es stellte den Maker-Bot vor, einen 3-D-Drucker, den es seit einigen Wochen in einem ersten Shop in New York zu bewundern gibt. Manchmal jedoch ist die alte Welt der neuen einen Schritt voraus: «Wir haben unseren Shop ungefähr einen Monat früher eröffnet», sagt Philipp Binkert über seinen Zürcher Laden 3D-Model.ch.

Das britische Wirtschaftsmagazin «Economist» spricht von einer «dritten industriellen Revolution». Die Welt der Massenproduktion verwandle sich in eine Welt der Massenindividualisierung und Massenmassanfertigung. Plötzlich werde jeder zum potentiellen Designer und Produzenten, könne selbst herstellen, was er brauche. Und das zu Hause: Der technische Fortschritt und der Preiszerfall machen es möglich. Vor wenigen Jahren noch kosteten 3-D-Drucker ein kleines Vermögen, heute gibt es Modelle für rund 1500 Franken. Und es gibt auch Drucker, die Kunstharze oder gar Metalle verarbeiten.

«Vielleicht fehlt Ihnen ein Ring am Duschvorhang, den Sie einfach nirgendwo mehr bekommen», sagt Peter Troxler. Der Produktionsingenieur ETH, ebenfalls überzeugt vom Potential der 3-D-Printer, hat das erste Schweizer Fab Lab an der Hochschule Luzern mit aufgebaut. Die Grundidee des Fab Lab ist es, jedem günstig Pro­duktionsmaschinen zur Verfügung zu stellen. Auch ein 3-D-Drucker steht in Luzern. Ins Leben gerufen hat die Fab Labs ursprünglich das Massachusetts Institute for Technology in Boston. Über 100 derartige Labs gibt es weltweit, auch Zürich soll bald eins bekommen.

Warten, bis es boomt

«In ein paar Jahren wird es selbstverständlich sein, einen 3-D-Drucker zu Hause stehen zu haben», sagt Martina Smoljo, Koleiterin des Fab Lab Luzern. Bis es so weit ist, springen die Fab Labs und Shops wie 3D-Model.ch ein. Wer das dreidimensionale Drucken selbst ausprobieren möchte, der kann das gegen einen Unkostenbeitrag tun. Bei 3D-Model.ch in Zürich kann man Workshops besuchen, die Drucker gegen eine Gebühr nutzen oder sich von Philipp Binkert und seiner Partnerin Christiane Fimpel bei der Umsetzung eines Projekts begleiten lassen.

Das Paar hat vor vier Jahren in einem Keller angefangen. Kennengelernt haben sie sich bei der gemeinsamen Arbeit für den Stararchitekten Daniel Libeskind in Zürich und New York. Beide sind sich sicher, dass die 3-D-Drucker ein grosses Potential haben. Was heute iTunes für die Musik ist, also eine digitale Jukebox, werde in den nächsten Jahren zum iThings, zur digitalisierten Welt, die man wieder anfassen könne. «Mir gefällt an der 3-D-Drucktechnologie, dass man Dinge herstellen kann, die so richtig greifbar sind», sagt Christiane Fimpel.

Die Vision der 3-D-Printer-Fans geht weit. Das Selberdrucken und -herstellen von Dingen sehen sie als ein Zurück zur lokalen Produktion, zum einheimischen Markt, was auch ökologisch nur positiv sei. Ob wirklich all jene, die heute schon im Alltag kaum alles in 24 Stunden unterbringen, Zeit dafür finden, Gebrauchsgegenstände herzustellen, muss sich allerdings zeigen.

Einwegwaffen zum Selbermachen?

Ein anderer Aspekt des 3-D-Printings wird zurzeit in den USA heiss diskutiert. Weil ein 3-D-Drucker alles drucken kann, was sich am Computer entwerfen lässt, ist dort eine Debatte um Waffen zum Selberdrucken aufgeflammt. Denn theoretisch wäre auch das möglich – wirft aber ganz neue Sicherheitsprobleme auf. Die ­Horrorvision: Jeder, ob minderjährig oder vorbestraft, könnte sich binnen Stunden eine funktionierende Waffe aus dem Printer organi­sieren. Nicht einmal eine Seriennummer hätte die dann, und kein Metalldetektor schlüge Alarm.

Noch kämpfen die Waffenbauer allerdings mit allerlei praktischen Problemen. Offen ist, ob der Lauf nach der ersten Schussabgabe nicht schmelzen würde. Doch nur schon ein Schuss kann genug Unheil anrichten.

Bereits gibt es in den USA eine Gruppe, die sich Defense Distributed nennt und unter dem Label «Wiki Weapon» an verschiedenen Bauplänen für druckbare Waffen tüftelt. Als Hauptmotiv dafür nennt Projektleiter Cody Wilson in einem Promovideo die Selbstverteidigung. Die Anleitungen zum Waffendrucken will Wilson dann auch aufs Internet stellen. Um das Projekt voranzutreiben, leaste die Gruppe einen 20'000 Dollar teuren Hochleistungsdrucker. Die verantwortliche Firma bekam jedoch kalte Füsse, als plötzlich viel Wirbel um Wiki Weapon entstand – und holte den Drucker wieder ab, bevor Wilson auch nur eine Wasserpistole drucken konnte.

«Schlechte Menschen tun Schlechtes»

«Wir werden bei uns im Shop bestimmt keine Waffen drucken», sagt Philipp Binkert zu dieser Entwicklung. Und ETH-Produktionsingenieur Peter Troxlers Kommentar lautet: «Bad people do bad things» – wer Böses im Schild führt, wird immer einen Weg dafür finden. Schliesslich habe bis vor elf Jahren auch niemand damit gerechnet, dass man Flugzeuge in Hochhäuser steuern könne. «Dass die neue Technologie auch Negatives hervorbringen kann, soll die dritte industrielle Revolution nicht aufhalten.»