Das vor rund einem Jahr gestartete Weltraumteleskop Herschel begeistert Astronomen mit seinen ersten Beobachtungen. Die ersten Ergebnisse und Bilder des europäischen Himmelsauges seien «sagenhaft», bilanzierte der Astrophysiker Reinhard Genzel vergangene Woche am Rande des Weltraumforscherkongresses Cospar in Bremen. «Das ist ein Erfolg der allerersten Kategorie», betonte der Direktor am Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching bei München.

Schon im ersten Jahr hat das derzeit grösste Weltraumteleskop überraschende Resultate zu bieten: So erspähte es ein unerwartetes «Loch» im Himmel – eine Region, die tatsächlich völlig leer ist. Das Loch sitzt mitten in dem hellen Reflexionsnebel mit der Katalognummer NGC1999 und wurde von Astronomen bislang für eine dunkle Staubwolke gehalten, die alles sichtbare Licht schluckt.

Für Herschels empfindliche Infrarotaugen ist solcher kosmische Staub jedoch nicht unsichtbar, deshalb nahmen Wissenschaftler um Tom Megeath von der Universität Toledo die Region ins Visier. Tatsächlich erspähte aber auch das Superauge Herschel: nichts! Mitten in dem hellen Nebel klafft ein riesiges Loch mit einem Durchmesser, der zehntausendmal so gross ist wie der Abstand der Erde zur Sonne.

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Die Astronomen rätseln nun, wie es entstanden sein könnte. Möglicherweise hat ein scharfer Materiestrahl eines jungen, gerade entstandenen Sterns das Loch in den Nebel geblasen. Das könnte den Astronomen einen wertvollen Einblick geben, wie junge Sonnen langsam ihre Geburtswolken auflösen.

Denn kosmische Wolken wie NGC1999 sind oft produktive Sternfabriken. In eine solche Sternfabrik spähte Herschel im Sternbild Adler und entdeckte dort rund 100 zuvor ungesehene Sternenembryonen, sogenannte Protosterne. Etwa 600 weitere sind im Entstehungsstadium. Die Daten liefern Erkenntnisse zur Demografie der Sternentstehung, also wie viele Sonnen sich bilden und wie gross sie sind.

Auch innerhalb unseres Sonnensystems hat Herschel Überraschendes zu bieten. So entdeckte das europäische Weltraumteleskop auf dem äussersten Planeten Neptun Spuren eines Kometeneinschlags, der sich vor rund 200 Jahren ereignet haben muss. Die Astronomen um Paul Hartogh vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung im niedersächsischen Katlenburg-Lindau schliessen das aus der Verteilung von Kohlenmonoxid in der Neptunatmosphäre, die mit Herschel sichtbar wird und sich nur durch einen Kometeneinschlag erklären lässt.

Das Journal «Astronomy & Astrophysics» würdigt Herschels erste Bilanz in einer Sonderausgabe. Das Weltraumteleskop werde noch viel Unerwartetes zeigen, sagt Genzel. «Die Ergebnisse werden möglicherweise die Interpretationswege in der Astrophysik ändern.»

So hätten etwa die Vorstellungen von der Sternentwicklung im jungen Kosmos revidiert werden müssen. «Die frühe Bildung und schnelle Sternentstehung in relativ massereichen Galaxien im frühen Universum ist eine ganz erstaunliche Entwicklung, weil sie nicht erwartet worden ist», sagte Genzel.

Das im Mai 2009 gestartete Weltraumteleskop der Europäischen Raumfahrtagentur Esa ist mit einem Spiegeldurchmesser von 3,5 Metern derzeit das grösste der Welt. Es beobachtet den Himmel im Infrarotlicht, in dem besonders kühle Objekte wie kosmische Staubwolken, entstehende oder verhinderte Sterne zu sehen sind. Um nicht die eigene Wärmestrahlung mit den empfindlichen Infrarotdetektoren zu erfassen, wird Herschel selbst tiefgekühlt.

Und genau das ist sein Verhängnis: Denn da es nicht unbegrenzt viel Kühlmittel hat, ist die Lebenszeit des Weltraumteleskops begrenzt. Die Astronomen schätzen, dass Herschel etwa dreieinhalb Jahre Aufnahmen senden kann.

Weitere Infos

European Space Agency: www.esa.int/herschel