Aus einer Fress- und einer Gehbewegung hat sie ein energie- und kampfsparendes Warnsignal an Konkurrentinnen komponiert, haben kanadische Forschende nachgewiesen. Giftgrün ist die Raupe, unappetitlich für Fressfeinde. Auf vielen Fusspaaren wandelnd, setzt sie sich schliesslich auf ein leckeres Birkenblatt, bindet es halb zur Tüte und wehrt mit sanfter Seide Regen und hungrige Konkurrenz ab. Kommt doch eine zweite Raupe ins laubige Knusperhäuschen, beginnt die Hausherrin, mit den Mundwerkzeugen aufs Blatt zu klopfen und mit dem Hinterleib geräuschvoll zu kratzen. Prompt kehrt der Besuch um und macht sich aus dem Staub. Wie viel mühsamer haben es da Verwandte, die noch gegen Eindringlinge kämpfen und Kopf und Körper hin und her schwingen müssen, immer in Gefahr, sich zu verletzen.

Die Untersuchung zur friedensfördernden Errungenschaft unter Raupen hat das im April neu erschienene Journal «Nature Communications» an die Spitze seiner ersten Nummer gesetzt; und es lässt die Raupen auf Youtube klopfen und kratzen.* Es ist bereits die 18. Tochter der renommierten Wissenschaftszeitschrift «Nature», aber die erste, die nur online erscheint. Digitale Tochter einer Mutter, die ihren guten Namen gern vor immer neue Wissensgebiete setzt.

Das jährliche Spektakel der Wonne

Nein, Schlagzeilen hat das nicht gross gemacht. Anders als ein denkwürdiger, ja als historisch gepriesener Vorfall in derselben Woche. Ein «magischer Fuss» hat die fussballistische Prosa weitum zum Blühen gebracht: 74. Minute im ehrwürdigen Old-Trafford-Stadion, Theater der Träume, Manchester. Münchner Fussballträume. Arjen Robben lenkt einen Eckball Franck Ribérys direkt ins Tor. Es sei ein «Kunstwerk», ja «ein Gemälde von Tor» gewesen, lobte die «Süddeutsche Zeitung» den Volley und fiel dabei fast selbst aus dem Rahmen. Da mag sich eine Raupe noch so mit allen Füssen gebärden, so viel Aufmerksamkeit wird ihr nie zuteil. Ausser hier – und an einigen wenigen anderen Orten.

Macht ja nichts. Vielleicht ist es ohnehin abwegig, die «Unvergleichlichen» aus Bayern mit Raupen in einem Atemzug zu nennen. Ausser im Mai! Dem Monat, den wir doch mit Wonne behängen. Nie mehr im Jahr wird es so sein wie jetzt. Das frische Grün, die vielen Neuanfänge und all die Lebewesen, die damit beschäftigt sind, etwas Rechtes zu werden, Nachwuchs aufzuziehen – ohne dabei selbst gefressen zu werden. Das ist ein Schauspiel, länger als 90 Minuten. Ein Spektakel, von dem man sich unbedingt möglichst viel ansehen sollte. Raupen inklusive.

Mit Jean-Henri Fabre unterwegs

Man kann dabei auf den Spuren von Jean-Henri Fabre wandeln, jenem französischen Physiklehrer, der nicht mehr verdiente als ein Reitknecht und seine Sorgen mit Käferbeobachtungen vertrieb. Zehn Bände «Souvenirs entomologiques» hat er darüber geschrieben. In feinem Französisch. Die gute Nachricht ist, dass der erste Band jetzt neu auf Deutsch vorliegt. Dank dem Verlag Matthes & Seitz und dem käferkundigen Landpfarrer und Übersetzer Friedrich Koch kann man mit dem erst gegen Ende seines Lebens (er starb 1915) berühmt und sorgenfrei gewordenen Fabre Mistkäfern beim Kotbällerollen und der Grabwespe beim Zubereiten einer Grille als Nahrung für ihre Larven zusehen, während die furcht-erregende Gottesanbeterin am Wegrand auf diese Jägerin und ihre Beute lauert. Man kann mit Fabre experimentieren und den Mont Ventoux besteigen. Mit Hammelkeule und rohen Zwiebeln als Proviant.

Ein guter, wenn auch später Einstieg in ein Jahr, das die Vielfalt der Arten und das Schauspiel des Lebens mit seinen kunstvollen Akten feiert – zu denen man ja auch die Gemälde zählen darf, die kostbare, weil selten-begabte Zweifüsser im Old Trafford mit links malen.