Vielleicht geht es Ihnen gleich wie mir, liebe Leserin, lieber Leser: Ein Tag, der mit Sonnenschein beginnt, ist für mich ein guter Tag. Es ist wahrscheinlich das unspektakulärste aller Naturerlebnisse. Doch es verbindet die Menschen auf der ganzen Welt und inspirierte Dichter aller Epochen, von Echnaton über Dante Alighieri bis Charles Baudelaire, zu begeisterten Son­nengesängen. Eine der schönsten Zeilen stammt von Ingeborg Bachmann: «Nichts Schönres unter der ­Sonne als unter der Sonne zu sein …»

Zum Glück dürfen wir den brodelnden Koloss im All in der sicheren Dis­tanz von 150 Millionen Kilometern ­geniessen. Denn physikalisch gesehen mutet der Sonne wenig Idyllisches an. «Sie ist nichts anderes als ein flammendes Inferno», bringt es der Kulturwissenschaftler ­Dieter Hilde­brandt in seinem Buch «Die ­Sonne» auf den Punkt: «eine kosmische Katastrophe».

Das Wirken dieses seit gut viereinhalb Mil­liarden Jahren strahlenden Kernkraftwerks sprengt ­alle Grenzen der Vor­stel­lungs­kraft. Pro Sekunde verbrennt die Sonne rund 700 Millionen Tonnen Was­serstoff zu 695 Millionen Tonnen Helium, der Rest geht in Licht und Wärme über – was das Leben auf der Erde erst möglich macht. In diesem gewaltigen Fusions­prozess verliert die Sonne pro Sekunde vier Mil­liarden Kilo­gramm ­Masse. Doch das ist ein Klacks für die heisse Gaskugel: Ihr «Treibstoff» reicht noch für weitere 4,6 Milliarden Jahre.

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Derzeit beobachten Astronomen die Prozesse auf der Sonne besonders genau, denn diese verhält sich sehr seltsam: Nach einer unüblich langen Phase geringer Aktivität nimmt die Zahl der Sonnenflecken wieder zu. Das lässt darauf schliessen, dass sich die Sonne für eine aktive Phase rüstet.

Was dies für das Leben auf der Erde bedeutet, schildert Stefan Stöcklin in un­­serer Titelgeschichte (siehe Artikel zum Thema): Die von der Sonne ins All geschleuder­ten Teilchen zaubern nicht nur schöne Polarlichter an den Himmel, sie können auch Stromausfälle oder Störungen in Mobiltelefon- und Satellitenfunknetzen auslösen. Forscher der National Academy of Sciences, die für die amerikanische Regierung die Folgen von Son­nenstürmen analysiert, sagen für 2012 die heftigsten Eruptionen seit 1859 voraus. Damals brannten in England Tele­gra­fen­leitun­gen durch. Ein klei­ne­­rer Sonnensturm leg­te 1989 das kanadi­sche Stromnetz lahm, und 2005 fielen Fern­mel­de­satelliten aus.

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Die Warnungen der Astronomen sind ernst zu nehmen. Sicher aber ist: 2012 droht ­kei­ne Apokalypse wie jüngst im gleich­namigen Hollywood­film ­opulent insze­nier­t. Ein anderes Welt­ereignis könnte ­jedoch empfindlich ­gestört werden: die Live­­über­tra­gung der Olympi­schen Sommer­spiele ­in London. Das wäre zwar ärger­lich – aber kein Welt­untergang.