Wenngleich die Erdbebengefährdung einer Region beziffert werden kann, ist eine tatsächliche Vorhersage von Erdbeben nicht möglich – das betont der Geophysiker Birger-Gottfried Lühr vom GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam, anlässlich des Erdbebens in der mittelitalienischen Region Abruzzen am Montag. Das Naturereignis, bei dem offizellen Angaben zufolge über 220 Menschen getötet, 1500 verletzt und rund 17’000 obdachlos wurden, geht auf das Vorrücken der afrikanischen Platte zurück. Deren apulischer Sporn schiebt sich fortwährend zwischen Italien und Griechenland, wölbt dabei die Alpen auf und sorgt in den adriatischen Ländern für Erdbeben. Das Beben am Montag hatte eine Stärke von 6,3 auf der Richterskala, sein Zentrum lag unterhalb der Stadt L'Aquila. «Beginnend in etwa zehn Kilometern Tiefe ist ein Segment von ebenfalls zehn Kilometer Länge gebrochen. Das löste das Beben aus», erklärt Lühr.

Eine Vorhersage für den Zeitpunkt des ersten Hauptbebens könne es nicht geben, so Lühr. «Man kann nur die allgemeine Erdbebengefahr einer Störzone vorhersehen, durch die Messung ihrer maximalen Bodenbeschleunigung.» Alle Präventions- und Vorbereitungsmassnahmen seien damit langfristig anzusetzen. Dabei gehe es um Fragestellungen wie die erdbebensicherer Konstruktionen, die ihren Niederschlag in Richtlinien oder in Baubewilligungen finden sollten. «Lebt man in einer Gefahrenzone, muss man sein gesamtes Leben in gewisser Weise auf die Gefährdung einrichten und gewisse Tätigkeiten oder Bauweisen besser unterlassen. Das ist in einer Erdbebenzone nicht anders als in einer Flussregion, die in Vergangenheit schon vor Überflutungen geplagt war.» Das Wissen über die Gefahren sei vorhanden, doch es sei stets ein mühsamer Prozess, dieses auch im Bewusstsein der Menschen zu verankern.

Beitrag von Hobbyforschern ist kontraproduktiv

Für zusätzliche Brisanz in der aktuellen Katastrophe hatte der Techniker Giampaolo Guliani gesorgt: Er hatte auf Grundlage seiner Messungen von austretendem Radongas ein grosses Erdbeben in der Region für den 29. März vorhergesagt, eine Woche vor dem tatsächlichen Ereignis. Vom italienischen Katastrophenschutz wurde er zurückgewiesen und wegen Verbreitung falschen Katastrophenalarms angezeigt. «Hobbyforscher wie Guliani haben zwar die Sicherheit der Menschen zum Anliegen, ihr Beitrag ist jedoch kontraproduktiv. Die Entscheidung der Behörden ist somit richtig gewesen», so das Urteil des deutschen Geophysikers.

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Eine Vorhersage, die allein auf einem Parameter beruhe, sei kaum zuverlässig und könne nachhaltigen Schaden anrichten. Denn bleiben angekündigte Naturereignisse wie Erdbeben oder der Ausbruch eines Vulkans aus, werde damit das Vertrauen einer evakuierten Bevölkerung in die Massnahmen zur Katastrophenvorsorge erheblich gestört, was zum Zusammenbruch des Risikomanagements führen kann.

Eine Mobile Einsatzgruppe des Potsdamer GFZ installiert derzeit in der Erdbebenregion Geräte zur Aufzeichnung der Nachbeben. «Solche Messungen versuchen zu erheben, was im Untergrund genau passiert ist. Sie lokalisieren die auftretenden Nachbeben, denn diese zeichnen die gebrochene Fläche im Untergrund ab, viel exakter als dies mit Daten aus den nationalen und internationalen seismologischen Netzwerken möglich wäre», so Lühr.

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Wichtig ist diese Information unter anderem für das Verständnis des Bruchprozesses sowie auch für die Vorhersage starker Nachbeben, die mit abschwächender Stärke auch noch Monate nach dem Hauptbeben auftreten können. «Starke Nachbeben können eine Magnitude von einem Grad unter dem Hauptbeben erreichen und daher auch noch erheblichen Schaden an der vorgeschädigten Bausubstanz anrichten. Ihre Vorhersage kann auch Helfer rechtzeitig warnen», so der Potsdamer Geophysiker. (pte/08.04.2009)