Sind Gentech und Bio tatsächlich natürliche Feinde? Für die Beantwortung dieser Frage lohnt sich ein Blick nach Afrika. Nirgends auf der Welt hungern so viele Menschen wie auf dem Schwarzen Kontinent. Rational ist das schwer zu verstehen. Afrika verfügt über riesige Reserven an fruchtbarem Ackerland, das teilweise an Länder wie China und an Spekulanten verkauft oder verleast wird. Trotz diesem Überfluss muss rund ein Viertel der in Afrika verzehrten Nahrungsmittel importiert ­werden.

In regelmässigen Abständen kommt es zu Hunger­katastrophen. Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im ­Gegenteil, es zeichnet sich eine dramatische Entwicklung ab: Die Bevölkerung wächst nach wie vor ungebremst, die Produktivität der Landwirtschaft stagniert, und die Klimaerwärmung sorgt dafür, dass alles noch schlimmer wird. Bereits gibt es Gegenden im südlichen Teil von ­Afrika, wo kein Mais mehr angebaut werden kann, weil die Trockenheit zu gross ­geworden ist.

Zehnmal tiefere Erträge in Afrika

Um eine Hungerkatastrophe von gigantischen Ausmassen zu verhindern, muss die Produktivität der Landwirtschaft dringend und massiv gesteigert werden. Das ist möglich. Denn die afrikanische Landwirtschaft ist ­alles ­andere als effizient. Der durchschnittliche Ertrag pro Hektare ist etwa zehnmal tiefer als in Europa. Für den Entwicklungsexperten Paul Collier liegt daher auf der Hand, was getan werden muss: «Wir müssen bessere Pflanzen anbauen, und wir müssen von der kleinbäuerlichen Produktionsweise der Landwirtschaft wegkommen. Das bedeutet zwingend, dass wir die Gentechno­logie und die industrielle Landwirtschaft nach Afrika ­bringen müssen.» Collier ist Ökonomieprofessor an der Oxford University und hat verschiedene Bücher zu ­diesem Thema verfasst, darunter «Die unterste Milliarde» und kürzlich «Der hungrige Planet».

Gentechnik ist eine Realität

Der Einsatz von Gentechnik bei Lebensmitteln ist in Europa ein rotes Tuch. Gentech wird mit der Atomkraft in einen Topf geworfen. Die Angst vor einer Atomkatastrophe basiert auf einer realen Grundlage, das hat der GAU in Fukushima erneut gezeigt. Die Angst vor Gentechnik hingegen beruht auf einem falschen Verständnis von «natürlich». Als die Menschen vor rund 9000 Jahren in Anatolien sesshaft wurden, assen sie anfänglich tatsächlich «natürliche» Körnerfrüchte. Doch das Getreide, ­Gemüse und Obst, das wir heute verzehren – auch wenn es nach streng ­biologischen Regeln erzeugt wird –, wäre in der Natur längst nicht mehr überlebensfähig. Gentechnik ist so gesehen kein widernatürlicher Eingriff, sondern ­eine Art «Turbozüchtung», wie sie die Menschen seit Jahrtausenden betreiben.

Gentechnik ist zudem längst eine Realität: Seit den 1990er Jahren werden sogenannte transgene Pflanzen in rund 25 Ländern der Welt auf rund zehn Prozent der verfügbaren Ackerfläche angebaut. Sehr viele Menschen essen regelmässig oder gelegentlich Lebensmittel, die mit solchen Pflanzen hergestellt worden sind. Nachteilige Folgen sind nicht bekannt. Trotzdem ist es in Europa verboten, transgene Pflanzen anzubauen. Wir können uns diesen Luxus leisten. Die Politik hat keinen Grund, dies zu ändern. Die Mehrheit der Bevölkerung fürchtet sich vor «Frankenstein-Food». Gleichzeitig wird die einflussreiche Landwirtschaft vor Konkurrenz aus Übersee geschützt.

Afrika kann sich diesen Luxus jedoch nicht leisten. Es braucht Pflanzen, die auf trockenen Böden gedeihen und ohne grosse Mengen von chemischen Schutzmitteln auskommen. Doch der Schwarze Kontinent ist intellek­tuell stark von Europa beeinflusst. Die Angst vor und das ­Verbot von transgenen Pflanzen sind deshalb weit verbreitet. Das hat gravierende Konsequenzen. «Es besteht die ­Gefahr, dass Millionen von Kindern verhungern oder ­wegen ­Unterernährung verkrüppeln», sagt Collier. «Diesen ­realen Risiken steht das eingebildete Risiko der ­Europäer vor Frankenstein-Food gegenüber. Ich halte ­dies für ­kriminell.»