August 2021, Terra Meridiani, Mars. Langsam neigt sich die Sonne zum Horizont und taucht die Landschaft in ein goldgelbes Licht. Astronaut Lukas Leicht blickt durch ein kleines Bullauge: In warmen Farben schimmert die Wüste, doch draussen ist es eisig kalt – und gefährlich. Der Mars hat kein schützendes Magnetfeld wie die Erde, kosmische Strahlung dringt ungehindert zur Oberfläche. Gerade mal eine Stunde konnte Leicht an diesem Tag im gefrorenen Boden nach Proben bohren, in denen er Lebewesen vermutet. Er wendet sich ab und blickt zu seinen fünf Kollegen, mit denen er den engen Raum teilt.

Seit 18 Monaten leben sie zusammen, ernähren sich von fadem Essen und führen Experimente durch. Der Kontakt zur 150 Millionen Kilometer entfernten Erde ist zeitraubend: Bis ein Signal dort ankommt, dauert es über zehn Minuten. Direkte Gespräche mit Frau und Kindern sind nicht möglich. Lukas Leicht macht zwei Schritte zu seinem Arbeitsplatz und prüft, ob elektronische Post angekommen ist.

Die Fiktion macht deutlich, wie hart und entbehrungsreich das Leben auf dem Roten Planeten wäre. Extreme Kälte, die Atmosphäre ohne Sauerstoff und gefährliche Strahlung machen den Aufenthalt zum Kampf ums Überleben. Doch Pierre Brisson lässt sich durch solche Widrigkeiten nicht abschrecken. «Ich würde sofort zum Mars fliegen, wenn ich könnte», sagt der pensionierte Banker. Vor einem Jahr hat er in Neuenburg die schweizerische Mars Society gegründet. Der Verein ist der helvetische Ableger der US-amerikanischen Mars Society, die 1998 vom Raumfahrtingenieur Robert Zubrin ins Leben gerufen wurde. 6000 Mitglieder haben sich unterdessen in mehreren Ländergruppen zusammengeschlossen und setzen sich für die «Eroberung» unseres Nachbarplaneten ein.

Sie lobbyieren dafür bei Regierungs­stellen, bei der amerikanischen Weltraum­agentur Nasa oder bei ihrer europäischen Partnerorganisation Esa. Und sie erproben in der ­Wüste Utahs (USA) und in der Arktis, wie es sich auf engstem Raum leben lässt – als Vorbereitung auf das karge Leben dort oben. «Mit den heutigen Technologien ist es möglich, zum Mars zu fliegen. Wir sollten dorthin gehen, trotz den Risiken», sagt Brisson. Innert zehn Jahren könnte dieser Traum realisiert werden, ist er überzeugt.

Mariner 4 erreichte den Mars 1965

Brisson ist kein abgehobener Phantast. Als Banker hat er sich im Berufsleben auf der ganzen Welt mit Zahlen, Bonitäten und Renditen auseinandergesetzt. Schon damals begleitete ihn die Sehnsucht nach den unendlichen Weiten des Universums. Über seinem Bürotisch hing eine Karte des Alls, darin eingezeichnet unser Sonnen­system und die uns umgebenden Sterne. «Wenn es die Arbeit zuliess, schweifte ich in Gedanken in die Tiefen des Weltraums», sagt Brisson. Als Robert Zubrin in den neunziger Jahren die Pläne für eine Eroberung des Roten Planeten im Projekt Mars Direct konkretisierte, erhielten Brissons Weltraumträume neue Nahrung.

Brissons Vorstellungen gehen aber noch weiter: Er wünscht sich, dass der Mensch den Mars nicht nur anfliegt, sondern auch besiedelt. In Treibhäusern sollen Gemüse und Früchte heranwachsen und frische Vitamine liefern. Strom und Energie würden mit Sonnenlicht produziert. Gefrorenes Wasser gibt es genügend, wie die Daten der Nasa belegen. Langfristig wäre es sogar möglich, die Mars­atmosphäre über künstlich erzeugte Treibhausgase zu erwärmen und mittels Pflanzen mit Sauerstoff anzureichern.

Kein Planet ausser der Erde ist besser erforscht als der Mars. 40 Sonden wurden in den vergangenen 50 Jahren hochgeschickt, zum Teil erfolgreich, zum Teil nicht. «Mariner 4» gelang 1965 die erste Umrundung des Planeten. Viele spektakuläre Missionen mit ferngesteuerten Marsfahrzeugen haben seither stattgefunden. Dank diesen Erkundungsfahrten wissen wir schon viel über die Beschaffenheit der Atmosphäre und des Bodens. Am Mik­ro­skop, das sich an Bord des «Phoenix»-Landers befand, der im Frühling 2008 auf dem Planeten landete, hat auch Sebastian Gautsch mitgearbeitet. Dank dem Hightechgerät aus Schweizer Präzisionslabors – beteiligt waren die Universitäten Neuenburg und Basel sowie die Firma Nanosurf – konnte «Phoenix» Daten über die Beschaffenheit von Mineralien zur Erde senden. 

Enthusiastische US-Studenten

Bei Sebastian Gautsch hat die Beteiligung an der Mission ein inneres Feuer für den Nachbarplaneten entfacht. Heute ist der Nanoforscher vom Institut für Mikro­mechanik der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Lausanne (EPFL) in Neuenburg Vizepräsident der schweizeri­schen Mars Society. «Die Sehnsucht und Leidenschaft nach anderen Welten ist stark und verbreiteter, als wir denken», sagt Gautsch. Er zitiert eine amerikanische Umfrage bei Studierenden der Ingenieurwissenschaften: Die überwiegende Mehrheit der Befragten befürwortet die Erforschung des Mars, und die Hälfte wäre bereit, zum Mars zu fliegen. «Es ist nur eine Frage der Mittel und Möglichkeiten: Sind sie einmal da, werden die Leute gehen», ist Gautsch überzeugt.

Die Faszination für den Mars hat auch den Schweizer Filmemacher Richard Dindo gepackt, der bekannt ist für Filme über die Jugendbewegung der achtziger Jahre oder Che Guevara. Er hat 2009 den sehenswerten Dokumentarfilm «Marsdreamers» über die Visionen der Mitglieder der amerikanischen Mars Society veröffentlicht.
«Nebst der Lust, die Landschaften des Mars zu zeigen, spielte mein lebenslanger Traum, eines Tages auf ausserirdisches ­Leben zu stossen, eine zentrale Rolle», sagt Dindo. «Wenn das geschieht, wird es unseren Blick auf die Welt und auf uns selber komplett verändern. Dies wäre ohne jeden Zweifel der wichtigste Augenblick in der Geschichte der Menschheit.» Selber würde Richard Dindo jedoch nie zum Mars fliegen, weil ihm «die Zeit und der Mut» dazu fehlten.

Mars und Erde sind etwa gleich alt

Was Marsfans und Astronomen gleichermassen elektrisiert, ist die gemeinsame Entstehungsgeschichte von Mars und Erde. Beide sind rund viereinhalb Milliarden Jahre alt, und der junge Mars wies ähnliche Bedingungen auf, wie sie auf der jungen Erde vorherrschten: Wasser floss durch ­tiefe Gräben, Vulkane spuckten heisses Magma in die Höhe, und eine dichte Atmosphäre umgab das Gestirn. Nach rund 500 Millionen Jahren verlor der Mars allerdings sein Magnetfeld, und seine Entwicklung nahm einen anderen Kurs. Trotzdem könnte sich auf dem Planeten in der Frühzeit des Kosmos eine bisher unbekannte Lebensform entwickelt haben.

«Es ist gut möglich, Leben auf dem Mars zu finden», sagt Svetlana Von Siebenthal, Mitglied der schweizerischen Mars Society. Wenn versierte Geologen auf dem Mars gezielt nach Fossilien suchen könn­ten, würden sie auf diese Spuren stossen, sagt sie. Solche Arbeiten können ferngesteuerte Roboter nicht durchführen. Eine Tatsache, die oft als Argument für bemannte Marsmis­sionen angeführt wird.

Für die Mitglieder der Mars Society ist die Klärung, ob es auf dem Mars Leben ­gegeben hat, das wichtigste Argument für das waghalsige Unternehmen. Die Marsbegeisterten sind überzeugt, dass sich die He­rausforderungen einer Mission auf den Mars meistern lassen. «Wir sind heute besser vorbereitet, Menschen auf den Mars zu schicken, als 1961 zum Mond. Damals lancierte John F. Kennedy das Apollo-Programm», sagt dazu Raumfahrtingenieur Robert Zubrin. Er und seine Anhänger halten den Zeitpunkt für die Planung eines Marsflugs für ideal, wie sie in einer ausführlichen Dokumentation über eine mögliche Marsmission im «Journal of Cosmology» im Herbst 2010 betonten.

2011 findet der letzte Spaceshuttle-Flug statt. Die Planung einer weiteren bemannten Mission zum Mond hat die Nasa wegen Budgetkürzungen kürzlich stoppen müssen. Und für die Weltraumstation ISS fehlt eine längerfristige Vision. Die Nasa und die Esa brauchen dringend ein neues Ziel – der Mars könnte zum sinnstiftenden Projekt werden. Konkrete bemannte Mis­sionen sind bis jetzt aber von offizieller Seite zum Leidwesen der Marsfans nicht geplant.

Der Schub einer Mondrakete genügt

Zubrin hat im Projekt Mars Direct beschrieben, wie eine vier- oder sechsköpfige Mannschaft zum erdnächsten Planeten aufbrechen könnte: Kernstück ist die Idee, den Treibstoff zum Rückflug auf dem Mars selbst herzustellen. Damit spart man beim Hinflug gut 2000 Tonnen Gewicht. Das ist ein riesiger Vorteil, denn Treibstoff macht ganze zwei Drittel des Startgewichts einer Rakete auf der Erde aus.

Produziert man den Treibstoff für die Rückreise erst am Zielort, wäre es möglich, den Mars mit einer Rakete anzupeilen, die ungefähr die gleiche Schubkraft hat, wie sie die «Saturn»-Raketen aufwiesen. Die 120 Meter hohe «Saturn V» etwa hievte 1969 die Mondkapsel ins All. Zwar hat die Nasa die Entwicklung einer ähnlichen ­Rakete, der «Ares V», inzwischen eingestellt. Dennoch liesse sich dieses Projekt relativ rasch reaktivieren. Und mit der «Falcon 9» des Unternehmers Elon Musk gibt es eine weitere Alternative für eine Trägerrakete. Der Milliardär ist ein glühender Marsanhänger und hat der Mars Society 100'000 Dollar gespendet.

Das geeignete Transportmittel ist das eine, der Flug zum Mars das andere. Robert Zubrin rechnet mit einer Reisezeit von rund sechs bis acht Monaten. Bei einem Aufenthalt auf dem Mars von anderthalb Jahren wären die Astronauten gut zweieinhalb Jahre weg von der Erde. Das Konzept Mars Direct sieht eine Serie von drei Mis­sionen innerhalb von 26 Monaten vor. Menschen würden erst beim zweiten Flug hochgeschickt (siehe Bildgalerie und dort die Infografik «Alltag auf dem Mars»). Die Abfolge sähe so aus: Die erste, unbemannte Mission bringt die Rückflugkapsel, einen kleinen Kernreaktor zur Stromversorgung und Wasserstoff zur Mars­oberfläche. Mit Letzterem und mit dem in der Mars­atmosphäre hauptsächlich vorkommenden Kohlendioxid lässt sich der Treibstoff Methan produzieren. Innert rund eines Jahres könnte genügend Brennstoff erzeugt werden, um eine bemannte Kapsel wieder vom Mars zu katapultieren. Strom würde auch gebraucht, um Sauerstoff aus dem Marseis zu gewinnen.

Rund zwei Jahre nach dem ersten Flug, wenn der Treibstoff für den Rückflug und Sauerstoff zur Verfügung stehen, werden Astronauten losgeschickt. Gleichzeitig nimmt eine dritte Rakete ohne Menschen an Bord Kurs auf den Mars: Sie führt die gleiche Fracht wie die erste Rakete mit und dient als Versicherung, falls die bemannte Mission den Landeplatz der ersten verfehlen sollte. In diesem Notfall kann die ­zweite Versorgungsmission den Landeplatz der Astronauten ansteuern und dort Brennstoff aufbereiten.

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Selbst Kritiker sehen die Chancen

Zubrins Projekt ist eine Weiterentwicklung von Plänen des deutsch-amerikanischen Raketentechnikers Wernher von Braun (1912–1977), der sowohl für Hitler als auch das US-Militär Raketen baute und an der Entwicklung der grossen Trägerraketen für das Nasa-Mondprogramm beteiligt war. Er träumte bereits in den vierziger Jahren von Flügen zum Mars. Mars Direct ist eine stark vereinfachte Form seiner Visionen. Die Mitglieder der Marsgesellschaften sehen darin eine realistische Möglichkeit.

Selbst kritische Fachleute halten einen Marsflug durchaus für realisierbar. «Eine bemannte Marsmission wäre machbar, keine Frage», sagt etwa Nicolas Thomas, Leiter der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie an der Universität Bern. Aber: «Es stellt sich die Frage nach den Risiken, die man einzugehen bereit ist.» Und ein Marsflug ist riskant, wie 21 Fehlschläge bei bisher insgesamt 40 Marsmissionen belegen. Auch die Frage der ­Finanzierbarkeit stimmt Thomas skeptisch: «Die Kosten dürften sich auf weit über 100 Milliarden Dollar belaufen», schätzt er. Zurzeit sei kein Staat bereit, diese Summe für einen Marsflug auszugeben.

Die geglückte Mondlandung 1969 war ein Produkt des Konfrontationskurses und des Wettrüstens zwischen den beiden Weltmächten USA und Sowjetunion. Seit dem Ende des Kalten Kriegs 1989 ist das Budget der Nasa auf einen Bruchteil zusammengeschmolzen.

Über die Höhe der Kosten herrscht aber nach wie vor Uneinigkeit: Wenn eine Marsmission für 30 bis 50 Milliarden Dollar – wie es Zubrin vorrechnet – machbar wäre, würden die Ausgaben in einem finanzierbaren Bereich liegen.

Faszinierend, aber unnötig?

Einen weiteren Punkt spricht der Basler Astronom Bruno Binggeli an: Die Vorstellung bemannter Marsflüge sei zwar faszinierend, aber das Vorhaben eigentlich unnötig. Und es lenke von irdischen Problemen ab. «Es gibt immer Ausreden, um ­einen Flug zum Mars nicht durchzuführen», entgegnet Sebastian Gautsch. ­Würden die Medienrechte für den Marsflug und die Auswahl der Astronauten professionell vermarktet, liesse sich das Vorhaben allein über Werbeeinnahmen und private Sponsoren finanzieren, ist er überzeugt.

Neben den finanziellen gilt es auch, ­andere Risiken zu berücksichtigen, wie die lebensfeindliche Strahlung im All, den langen Aufenthalt ohne Schwerkraft, die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche oder schlicht technisches Versagen. Derartige Einwände könnten Punkt für Punkt entkräftet werden, behaupten die Befürworter von Marsmissionen. Ein Mantel aus Wassertanks würde die Kapsel und ihre Mannschaft auf dem Flug zum Mars vor energiereichen Strahlen schützen. Eine Raumfähre, die sich dreht, würde Fliehkräfte erzeugen und Probleme mit der Schwerelosigkeit im All reduzieren. Was die Moral betrifft, müssten eben geeignete Charaktere ausgewählt werden. Zubrin schreibt dazu, dass die früheren Entdecker auf ihren Seereisen mindestens so viel Stress und Gefahren ausgesetzt waren, wie es die Marsfahrer der Zukunft sein würden.

Interessante Erkenntnisse dazu werden vom derzeit in Moskau durchgeführten Projekt Mars500 erwartet: Für diesen Big-Brother-Versuch der europäischen und der russischen Raumfahrtagentur haben sich sechs Männer für 520 Tage in einem Container einschliessen lassen, um die psychischen Belastungen bei einem Marsflug realitätsnah zu testen. Das Projekt läuft seit Juni 2010. 

Wenn Astronauten zu sehr lieben

Ein naheliegendes, aber weitgehend totgeschwiegenes Problem bei einer Marsmis­sion ist der Umgang mit Sexualität. Um Konkurrenzkämpfe und Beziehungspro­bleme zu vermeiden, plädiert der Hirnforscher Rhawn Joseph in der Mars-Ausgabe des «Journal of Cosmology» für getrennte Männer- und Frauenmissionen. Die Nasa hat bis jetzt keine Richtlinien zum Thema Sex und Raumfahrt aufgestellt, ausser einer allgemeinen Vorschrift zu «ehrenhaftem Benehmen». Ein Appell, der im Fall von ­Lisa Nowak und William ­Oefelein nichts fruchtete. Sie waren 2006 im Spaceshuttle unterwegs, verliebten sich und hatten ­später ­eine aussereheliche Affäre, die in einem aufsehenerregenden Eifersuchtsdrama mündete.

Für Joseph ist der Fall ein Beispiel dafür, dass während einer mehrmonatigen Marsreise entweder Männer oder Frauen unterwegs sein sollten. Sonst seien Eifersüchteleien und Machogehabe programmiert. Nach der Ankunft auf dem Mars stünde einem normalen Sexleben hingegen nichts im Wege. Auch eine extraterrestrische Schwangerschaft wäre möglich, allerdings sind die Auswirkungen einer verminderten Schwerkraft – wie sie auf dem Mars herrscht – auf die Entwicklung eines Embryos nicht in allen Details geklärt.

Eine Art Erde als Reserve

Pierre Brisson ist überzeugt, dass sich die Menschheit zur «weltraumerobernden Art» weiterentwickeln und ausserhalb der Erde fortpflanzen wird. Wie viele vom Weltraum verzauberte Menschen fragt er sich auch, ob es ausserhalb der Erde andere Lebensformen gibt, ob da draussen irgendwo intelligente Wesen existieren. Mächtigen Auftrieb haben solche Phantasien durch die Entdeckung von Exoplaneten erhalten, Himmelskörpern, die Sterne ausserhalb unseres Sonnensystems umkreisen.

Seit die Astronomen Didier Queloz und Michel Mayor von der Universität Genf 1995 den ersten derartigen Planeten entdeckt haben, ist ein wahrer Wettlauf um weitere Entdeckungen entbrannt. Exoplaneten gelten als Kandidaten für ausserirdisches Leben, denn auf ihnen könn­ten erd­ähnliche Bedingungen herrschen. Bereits sind über 500 solcher Gestirne beobachtet worden, die Mehrzahl ohne Atmosphäre oder lebensfreundliche Temperatu­ren. Astronomen rechnen aber fest damit, in den nächsten Jahren einen physischen Doppelgänger der Erde zu finden, der Lebensformen beherbergen könnte.

Die fernen Welten jenseits unserer Galaxie liegen allerdings weit ausserhalb unserer Reichweite. Eine Reise zum nächsten Sternsystem im vier Lichtjahre entfernten Sternbild Alpha Centauri würde mit heutiger Technologie 120'000 Jahre dauern. Um zu jenen Welten aufzubrechen, braucht es neue Technologien wie den Ionenantrieb oder Fusionsraketen. Bis diese entwickelt sind, werden Jahrzehnte vergehen.

Physikstar Hawking will Besiedlung

Bleibt als realistischeres Ziel der Mars, für dessen Besiedlung auch durchaus prakti­sche Gründe genannt werden. Die Menschheit wächst und wächst, die Ressourcen auf der Erde schwinden, der ­Klimawandel bedroht unsere Zukunft. «Die Kolonisierung des Mars würde es erlauben, den ­Lebensraum Erde zu schützen», sagt Carl Beeli von der schweizerischen Mars So­ciety. «Die Nutzung seiner Ressourcen könnte die Erde entlasten.» Beeli befindet sich mit dieser Argumentation in prominenter Gesellschaft. Der berühmte britische Physiker Stephen Hawking plädiert für die Kolonisierung von Mond und Mars. Die Menschheit könnte so ihr Überleben mit einer «zweiten Erde» sichern und sich gegen Naturkatastrophen und menschengemachte Bedrohungen wappnen, meint der Bestsellerautor.

Ins gleiche Horn bläst der amerikanische Astrophysiker John Richard Gott: «Wenn es uns gelingt, von hier wegzukommen, erhöhen wir unsere Überlebenschancen.» Wenn es nach ihm geht, müssen wir die Erde verlassen, solange wir noch können, das heisst, bevor wir uns und unseren Heimatplaneten ausgelöscht haben. In ­einer seiner Visionen beschreibt John Richard Gott einen Astronauten, der vom Mars Richtung Sonne blickt. Der Mann sieht die Erde und den Mond als kleine Punkte, die vor dem Stern durchwandern. Der nächste derartige Transit wird am 10. November 2084 stattfinden. Für die Marsvisionäre gibt es keine Zweifel, dass Menschen vom Roten Planeten aus dieses Schauspiel beobachten werden.

Quelle: Nasa

Am 23. September 2009 transportierte eine Rakete den ersten Schweizer Satelli­ten in den Weltraum. Der Würfel mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern wiegt nur 820 Gramm und ist vollgepackt mit Elektronik und einem Miniteleskop. Seit dem geglückten Start sendet das Instrument aus einer Höhe von 720 Kilo­metern Signale zur Erde. Entwickelt und gebaut wurde es von Studenten des ­Weltraum-Zentrums der Eidgenössischen Polytechnischen Hochschule Lausanne (EPFL) in Zusammenarbeit mit verschiedenen Universitäten und Fachhochschulen. «Wichtigstes Ziel ist die Ausbildung von Studierenden in diesem Bereich», sagt die Forscherin Muriel Noca.

Swisscube ist eines von vielen ­Schweizer Projekten zur Erforschung des Weltraums. Während hierzulande der Name des Astronauten und Spaceshuttle-Fahrers Claude Nicollier den meis-ten geläufig ist, sind die hiesigen techni-schen Innovationen und Entwicklungen in diesem Bereich weniger bekannt. Aber die Schweiz darf sich ohne weiteres als Weltraumnation bezeichnen, ist sie doch Gründungsmitglied der Europäi­schen Weltraumorganisation (Esa). 150 Millionen Franken investiert sie jährlich in die Organisation, die die europäische Welt-raumfahrt fördert und unter anderem
die «Ariane»-Raketen entwickelt. «Von diesem Geld fliessen über 90 Prozent zurück an Schweizer Firmen, die sich um Esa-Aufträge bewerben können», sagt Kamlesh Brocard vom zuständigen Staatssekretariat für Bildung und Forschung.

So produziert Ruag Space, eine Ge-schäftseinheit der ehemaligen Rüstungsfirma Ruag, die hitzeresistenten Kappen der «Ariane»-Raketen, unter denen die Nutzlast – meist Satelliten – geladen ist. Die imposanten Spitzen bestehen aus Kohlefasern und sind je nach Satellit 13 bis 25 Meter hoch. Die Firma liefert auch Motoren zur Ausrichtung der Solar-generatoren von Satelliten. «Das traditio-nelle Know-how aus der Mikromechanik und das Qualitätsbewusstsein aus der Schweiz werden bei den Auftraggebern geschätzt», sagt Hendrik Thielemann von Ruag Space. So habe man auch einen Vertrag zur Lieferung eines Antriebs­systems für den Rover (Roboterfahrzeug) der Esa abgeschlossen, der 2018 auf dem Mars herumkurven soll. 2004 machte die Firma Maxon aus Sachseln OW mit Mikromotoren Schlagzeilen, die sie für die beiden Marsrover «Spirit» und «Opportunity» der Nasa lieferte.

Die Weltraumerkundung hat an der Universität Bern eine lange Tradition. Weltweit bekannt wurden die Berner 1969: Das Sonnenwindsegel, das Astronaut Edwin «Buzz» Aldrin bei der ersten Lan-dung auf dem Mond in den Boden steckte, war hier entwickelt worden. Aktuell ist Nicolas Thomas Leiter der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie. Auch er ist mit einer Marsmission beschäftigt. Er baut ein Kamerasystem, das 2016 die Oberfläche des Mars von einem Satel-liten aus vermessen soll. Die Raum­sonde prüft unter anderem mögliche Lande­stellen und sucht nach Spuren von Methan in der Atmosphäre.

Eine Woche All für acht Millionen Dollar: Das Unternehmen Bigelow Aerospace plant bereits das erste Hotel im Weltraum.

Quelle: Nasa

Am 8. Dezember 2010 umrundete erstmals eine privat gebaute Raumfähre die Erde. Die Kapsel namens «Dragon» (Drache) wurde von der Trägerrakete «Falcon 9» ins All gehievt. Beide stammen aus den Werkstätten der kalifornischen Firma SpaceX, die der Internetunternehmer Elon Musk 2002 gegründet hat. SpaceX arbeitet mit verschiedenen Regierungen und Unternehmen zusammen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann Privatpersonen an Bord ihrer Kapseln mitfliegen. Die US-Raumfahrtbehörde Nasa beglückwünschte Musk zum erfolgreichen Start und zur geglückten Erdumrundung, dem bisher grössten Erfolg der kommerziellen Raumfahrt.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Die einst mächtige Nasa hat 2010 den Bau der schweren Trägerraketen «Ares I» und «Ares V» gestoppt, mit denen Astronauten zum Mond, zur Raumstation ISS (International Space Station) und weiter gebracht werden sollten. Nun steckt sie in der Klemme, denn ihre Spaceshuttles haben ausgedient. Spätestens im Juni 2011 wird letztmals eine dieser Raumfähren zur ISS aufsteigen – falls der Kongress das Geld dafür bewilligt. Nach 135 Flügen innert 30 Jahren hat die Flotte das Dienst-ende erreicht. Die neue, von Präsident Barack Obama und Nasa-Chef Charles Bolden verkündete Strategie basiert auf der Zusammenarbeit mit privaten Firmen, um die Kosten für Neuentwicklungen zu senken. SpaceX hat die Chance gepackt und mit der Nasa bereits einen Vertrag über 1,6 Milliarden Dollar für zwölf Flüge zur Raumstation ausgehandelt. Weitere Unternehmen möchten gern in die Lücke springen.

Mit dem Engagement privater Firmen bricht eine neue Ära an, in der der Flug ins All – und einst vielleicht zum Mars – erschwinglich werden soll. Bisher sind solche Abenteuer fast unbezahlbar teuer. Der erste Weltraumtourist, Dennis Tito, legte 2001 geschätzte 20 Millionen Dollar auf den Tisch, um an Bord einer russi­schen «Sojus»-Kapsel zur Raumstation ISS abzuheben. Der britische Milliardär Richard Branson will den Weltraumtrip für einen Hundertstel dieses Preises anbieten. Er ist 2004 mit seiner Firma Virgin Galactic beim Projekt SpaceShipTwo eingestiegen, das Menschen für 200'000 ­Dollar ins All schicken soll. Astronomen sprechen allerdings von einem Weltraumhüpfer, denn das SpaceShip macht nur einen kurzen Ausflug in rund 100 Kilo-meter Höhe, während «Dragon» die Erde in 300 Kilometern Höhe umrundet. Trotz-dem hat Branson bereits gut 380 Kunden, die zusammen 50 Millionen Dollar für das erhoffte Vergnügen hinterlegt haben.

Einen anderen Weg verfolgt die amerika-nische Firma Bigelow Aerospace. Sie will eine Raumstation für Astronauten und Touristen ins All bringen. Eine «Falcon 9» der Firma SpaceX soll 2014 die Behausung namens «Sundancer» in ihre Umlaufbahn bringen. Eine Woche Erholung im All ist bereits für acht Millionen Dollar zu haben, wirbt die Firma des Hotelmilliardärs Robert Bigelow.

Interaktive Animation zum Leben auf dem Mars (englisch):
www.exploremarsnow.org

Mars Society Switzerland:
www.planete-mars-suisse.com

«The Human Mission to Mars»; Artikel im «Journal of Cosmology» (englisch):
www.journalofcosmology.com/...

Buchtipp
Ulf von Rauchhaupt: «Der neunte  Kontinent»; Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2010, 288 Seiten, 16.90 CHF