Alles begann heute Morgen: Ich ­sehe mir pausenlos Tore von Messi auf Youtube an. Zufällig klicke ich auf eine Zusammenstellung von Ausschnitten, die ich zuvor noch nie gesehen habe. Es sind keine Tore von Lionel Messi, auch nicht seine besten Spielzüge oder Torvorbereitungen. Es ist eine merkwürdige Zusammenstellung: Das Video zeigt Hunderte von Szenen, jeweils zwei bis drei Sekunden lang, in denen Messi schwer gefoult wird und nicht hinfällt.

Er fällt nicht hin und beschwert sich nicht. Er versucht weder einen Freistoss noch einen Elfmeter herauszuholen. Bei jedem Standfoto schaut er auf den Ball, während er sein Gleichgewicht wiederfindet. Er setzt sich geradezu übermenschlich dafür ein, dass die Regelwidrigkeit gegen ihn nicht als Foul ausgelegt wird oder es eine gelbe Karte für den Gegenspieler gibt.

Unzählige Male wird er schlimm ­gefoult, vom Gegner behindert, in die ­Hacken getreten und unfair gebremst, heimtückisch festgehalten, oder es wird ihm ein Bein gestellt. Er läuft mit dem Ball und erhält einen Tritt gegen das Schienbein, läuft aber weiter. Man tritt ihn von hinten: Er taumelt und läuft weiter. Man hält ihn am Trikot fest: Er dreht und entwindet sich – und läuft weiter.

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Ich war verdutzt, denn etwas in diesen Bildern kam mir vertraut vor. Ich schaute mir alle Ausschnitte in Zeitlupe an und ­merkte, dass Messi seinen Blick immer konzentriert auf den Ball gerichtet hält, nie auf das Spiel oder das Gesamtgeschehen.

Die Regeln werden im modernen Fussball so ausgelegt, dass oftmals, wenn ein Spieler fällt, ein Strafstoss gegeben oder der Gegenspieler verwarnt wird, was sich im Verlauf der Partie als günstig erweisen kann. In diesen Ausschnitten scheint es so, als würde Messi gar nichts vom Fussball oder davon, wie man sich Vorteile verschafft, verstehen. Er sieht aus wie in Trance, hypnotisiert. Alles, was er sich wünscht, ist, den Ball im gegnerischen Tor zu sehen. Der Sport, das Ergebnis oder die Regeln sind ihm egal.

Man muss ihm in die Augen schauen, um das zu verstehen: Er kneift sie zusammen, als ob er Probleme hätte, unscharfe Untertitel zu lesen; er fokussiert den Ball und liesse ihn selbst dann nicht mehr aus den Augen, wenn er erstochen würde.

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Wo hatte ich diesen Blick zuvor schon einmal gesehen? Bei wem? Mir kam der Gesichtsausdruck, diese masslose Selbstversunkenheit, bekannt vor. Ich schaltete das Video auf Pause. Ich zoomte die Augen heran. Und dann erkannte ich es: Es waren die Augen von Totín, wenn er wegen des Schwamms den Verstand verlor.

Ich hatte als Kind einen Hund, der Totín hiess. Nichts brachte ihn aus der ­Ruhe. Er war kein intelligenter Hund. Als Diebe einbrachen, schaute er einfach zu, wie sie den Fernseher wegtrugen. Nahm jedoch ­jemand einen bestimmten gelben Schwamm zur Hand, geriet Totín ausser sich. Er liebte diesen Schwamm mehr als alles andere und musste unbedingt dieses gelbe Ding mit in sein Körbchen nehmen. Ich zeigte ihm den Schwamm in meiner Hand, und er fixierte ihn. Ich bewegte den Schwamm hin und her, und er verlor ihn nicht aus den Augen. Er konnte nicht aufhören, ihn anzustarren.

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Dabei spielte es keine Rolle, wie schnell ich den Schwamm bewegte: Totíns Kopf bewegte sich mit gleicher Geschwindigkeit durch die Luft. Seine Augen wurden zu Schlitzen, aufmerksam, intelligent. So wie Messis Augen, die sich für den Bruchteil einer Sekunde in den forschenden Blick von Sherlock Holmes verwandelten.

Ich entdeckte heute Nachmittag beim Betrachten dieses Videos, dass Messi ein Hund ist. Oder ein Hundemensch. Messi ist der erste Hund, der Fussball spielt.

Es ist sinnvoll, dass er die Regeln nicht versteht. Hunde täuschen kein Foul vor, wenn sie einen Citroën heranfahren ­sehen, sie beschweren sich nicht beim Schiedsrichter, wenn ihnen eine Katze entwischt, sie fordern keine zweite gelbe Karte heraus. In den Anfangszeiten des Fussballs waren die Menschen genau so. Sie rannten dem Ball hinterher, das wars. Es gab keine roten oder gelben Karten, keine Abseitsregel, keine Sperre nach fünf gel­ben Karten, und die Auswärtstore zählten nicht doppelt. Früher spielten die Fussballer wie Messi und Totín. Später wandelte sich das Fussballspiel und wurde seltsam.

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Im Augenblick scheint sich alle Welt mehr für die Bürokratie des Sports und ­deren Gesetze zu interessieren. Nach einem wichtigen Spiel wird eine ganze Woche lang über die Regeln gesprochen. Hat Pedro tatsächlich im Strafraum ein Foul vorgetäuscht? Hat der Trainer den Rasen übermässig wässern lassen, damit die Gastspieler ausrutschen und sich das Genick brechen? Verschwanden die Balljungen, als das Spiel 2:1 stand, und kamen sie wieder, als es 2:2 stand?

Nein! Hunde hören kein Radio, lesen keine Sportnachrichten und verstehen nicht, ob es sich um ein unwichtiges Freundschaftsspiel oder um ein Finale handelt. Hunde möchten den Schwamm immer mit ins Körbchen nehmen, auch wenn sie todmüde sind oder von Zecken geplagt werden.

Messi ist ein Hund. Er bricht Rekorde aus anderen Zeiten, weil Hundemenschen nur bis in die fünfziger Jahre Fussball spielten. Später brachte uns die Fifa dazu, über Gesetze und Artikel zu sprechen. Wir vergassen, wie wichtig der Schwamm ist.

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Würde man Messi lassen, er würde nichts anderes tun, als die ganze Zeit die weisse Kugel zwischen die drei Stangen zu bringen – wie Sisyphos. Immer und immer wieder. Der Trainer Pep Guardiola sagte nach fünf Messi-Toren in einem Spiel: «An einem Tag, an dem er dies möchte, schiesst er auch sechs Tore.»

Jedes Mal, wenn ich die Treppe des Stadions Camp Nou hinaufsteige und den Glanz des beleuchteten Rasens sehe – der Moment, der uns an unsere Kindheit er­innert –, sage ich mir dasselbe: Du musst ein Glückspilz sein, Hernán, dass dir ein Sport so gut gefällt und du ein Zeitgenosse der besten Spielweise dieses Sports bist und sich obendrein noch dieses ­Spielfeld in deiner Nähe befindet. Ich freue mich über dieses doppelte Glück. Es ist mein Schatz, und jedes Mal, wenn Messi spielt, empfinde ich Nostalgie für die ­Gegenwart. Ich lebte in Barcelona zu Zeiten des Hundemenschen.

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Der Schriftsteller und «El País»-Kolumnist Hernán Casciari lebt seit 13 Jahren in ­Barcelona. Dieser Text erschien erst­­mals im Juni 2012 im Blog der Literatur­zeitschrift «Orsai». Übersetzung: Tolingo Translators