Obwohl kaum jemand eine Vorstellung hat, was Nanotechnologie ist, schätzen die meisten Menschen deren Nutzen höher ein als die Risiken. Zu diesem Schluss kommen Marktforscher der Universität Bonn gemeinsam mit Wirtschaftspsychologen im Journal of Nanoparticle Research. Die Wissenschaftler analysierten im Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (bfr) mit Befragungen, wie die Nanotechnologie heute wahrgenommen wird. Dabei wurde deutlich, dass die Bevölkerung nur geringe Kenntnisse über das Thema hat.

Unter dem Schlagwort Nanotechnologie versteht man die Entwicklung von Werkstoffen oder Bauteilen, denen besonders kleine Komponenten besondere Eigenschaften verleihen. Auch wenn die Technik bereits längst in den Alltag eingezogen ist und etwa in Sonnencremes, Zahnfüllungen oder auch bei bestimmten Lebensmitteln Anwendung findet, gibt es in der Bevölkerung noch sehr wenig Verständnis über die Materie. «Fast niemand weiss genau, was Nanotechnologie überhaupt bezeichnet. Häufig assoziiert man damit den Lotuseffekt, Produkte aus dem IT-Bereich oder Verbraucherprodukte, die Nanotechnologie ausloben wie etwa Schuhpflegesprays», erklärt Forschungsleiter Johannes Simons.

Beruhigendes Halbwissen

Grund für das fehlende Wissen ist die Schwierigkeit, sich Nanoteilchen vorzustellen. «Die Materie ist viel zu kompliziert, als dass man sie ohne grosse Mühe verstehen könnte. Denn wir wollen zwar wissen, scheuen jedoch in der Regel den Aufwand zu lernen», urteilt Simons. Die Nanotechnologie sei in ihrer Komplexität mit der Gentechnik vergleichbar, wobei Simons jedoch deutliche Unterschiede in der allgemeinen Bewertung erkennt: «Das Nicht- oder Halbwissen macht in der Gentechnik Angst, da hier die Vorstellung vorherrscht, man wolle dem Herrgott ins Handwerk pfuschen. Bei der Nanotechnologie bewirkt die Unkenntnis hingegen Zuversicht.»

Zum positiven Image von Nanotechnologie hätten ausbleibende Risikomeldungen wie auch die Wirtschaft selbst beigetragen. «Die Menschen erhielten bisher noch keine Meldungen mit der Botschaft, dass Nanotechnologie schlimm sein könnte. Sehr positiv besetzt ist das diffuse Wissen über die Anwendung in der Medizin oder im Umweltbereich, wo man die Lösung wichtiger Probleme durch Nanotechnologie erhofft.»

Böse Nanoteilchen

Dennoch fanden die Forscher auch negativ besetzte Begriffe, die der Nanotechnologie zuzuordnen sind: «Der Begriff Nanoteilchen löst ablehnende Assoziationen aus, wenn sie etwa mit freien Radikalen, Asbest, Feinstaub oder mit der Entstehung von Krebs verknüpft werden. Diese Themen sind stark angstbesetzt.» Kaum einer der 1000 Befragten verband allerdings Nanoteilchen auf Anhieb mit Nanotechnologie.

Anzeige

Trotz des schwierigen Themas ist Simons der Ansicht, dass die stärkere Vermittlung von Wissen über Nanotechnologie sinnvoll wäre. «Chancen und Risiken dieser Technik werden derzeit in der Öffentlichkeit kaum diskutiert. Die Kommunikation von etwaigen Gefahren ist jedoch erst möglich, wenn es eine bestimmte Wissensgrundlage gibt.» Dafür sei es allerdings nötig, noch mehr über in den Köpfen vorhandene Bilder und Ängste Bescheid zu wissen und die Kommunikationsstrategie daran anzuknüpfen. (pte/21.10.2009)

Was ist Nanotechnologie?

Bei der Nanotechnologie handelt es sich um eine Querschnittdisziplin aus Physik, Chemie und Biologie. Sie arbeitet in der Grössenordnung von Nanometern (nm). Der Begriff «nano» kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Zwerg» – ein Nanometer ist tatsächlich winzig: Er verhält sich zum Meter wie die Grösse eines Fussballs zur Erde. So funktioniert die Technologie mit Molekülen oder gar einzelnen Atomen, die zu neuen Materialien zusammengesetzt werden. Dazu gehören auch die synthetischen Nanopartikel, gezielt hergestellte Feststoffteilchen, zwischen 1 und 100 nm klein.

Das Besondere ist, dass diese Partikel neue physikalische, elektronische oder chemische Eigenschaften annehmen. Sie werden in der Verpackungs-, der Kosmetik- oder auch der Lebensmittelindustrie eingesetzt: Fahrradrahmen werden härter, Scheiben bruchsicherer, Tennisschläger elastischer, Nahrungsmittel und Kosmetika homogener. In der Medizin ist die Nanotechnologie Hoffnungsträgerin der Zukunft.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Nanoprodukten wachsen jedoch auch die Bedenken über mögliche negative Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Die Diskussion dreht sich insbesondere um ungebundene, freie synthetische Nanopartikel (zum Beispiel in Sprays) und um Materialien, aus denen solche freigesetzt werden können. Studien zeigen, dass ein Teil der Kleinstpartikel über die Lungenbläschen in den Blutkreislauf gelangen können. Einmal im Blutkreislauf, können sich die Partikel ungehindert im Körper verteilen, und es wird befürchtet, dass auch Organe geschädigt werden könnten.

Generell sind die Auswirkungen auf die Gesundheit erst unvollständig untersucht. Gleiches gilt für die möglichen Effekte auf die Umwelt. Bei Kläranlagen zeigten erste Untersuchungen, dass die Reinigungsverfahren nicht ausreichen, um Nanopartikel im Abwasser zu eliminieren.

Wie eine Studie des Wasserforschungsinstituts der ETH (Eawag) dieses Jahr zeigte, landen die Winzlinge vermehrt auch in Schweizer Gewässern. Die Eawag-Re­sultate sind brisant, denn sie weisen erstmals nach, dass die am häufigsten verwendeten Silbernano­par­tikel die Photosynthese bei Algen hemmen. Doch das ist nicht das Hauptpro­blem: Die Nanopartikel durchdringen auch die Zellwände der Algen und wer­den von den Zellen aufgenommen. Was die neuen Stoffe dort bewirken, ist noch unklar und soll nun weiter erforscht werden. 

Placeholder
Dieses Bild kann nicht angezeigt werden.