Haben Sie sich heute schon die Zähne geputzt? Orangensaft aus dem Tetrapak getrunken? Oder Ihr Auto gewaschen, eine Runde mit dem Mountainbike gedreht, Tennis gespielt? Dann sind Sie wahrscheinlich mit Nanotechnologie in Berührung gekommen. Sei es die Gesichtscreme mit Silberpartikeln, die eine glattere Haut verspricht, der Sonnenschutz mit Titanoxid, der mit optimaler Wirkung wirbt, das Sportshirt, das auch nach etlichen Runden auf der Finnenbahn wie frisch gewaschen duftet, oder die Fensterscheiben, die so sauber sind wie am Tag des Einzugs - synthetische Nanomaterialien haben längst Einzug in unseren Alltag gehalten.

Dabei ist noch gänzlich unklar, welche Auswirkungen die Winzlinge auf Mensch und Umwelt haben. Die Forschung hat erste Hinweise geliefert, dass synthetische Nanopartikel in der Lunge Zellschäden anrichten und dass sie im Wasser für Kleinstlebewesen giftig sein können. Kritische Stimmen sehen in der als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts gepriesenen Nanotechnik denn auch Parallelen zur Asbestproblematik. Und sie bemängeln, dass - wie bei neuen Technologien oft der Fall - die Risikoforschung weit hinter der Entwicklung von Anwendungen zurückbleibt.

«Aufgrund der heutigen Kenntnisse lassen sich die Risiken noch nicht beurteilen», hält der im Sommer 2007 erschienene Grundlagenbericht des Bundes zu synthetischen Nanopartikeln fest. Er ist Teil des Aktionsplans, der vom Bundesamt für Umwelt und vom Bundesamt für Gesundheit erarbeitet wird. Dieser soll aufzeigen, welche Massnahmen für einen sicheren Umgang mit Nanopartikeln nötig sind. Die Liste ist lang: Es fehlen Test- und Messmethoden, um Nanomaterialien auf ihre Giftigkeit und ihr Umweltverhalten zu prüfen; es mangelt an einer breiten Datenlage; zudem besteht kein Überblick über existierende Produkte. Zu allem Übel gibt es noch nicht einmal eine einheitliche Definition. Das Resümee des Berichts erstaunt wenig: Im Umgang mit der neuen Technologie gelte es, Vorsicht walten zu lassen.

Deklarationspflicht tut not

Das ist so manchem Konsumenten nicht geheuer: «Persönlich würde ich jedem von den Nanogesichtscremen und Anti-Aging-Produkten mit Nanopartikeln abraten», sagt Thomas Meier von der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), der im Expertenteam für den Aktionsplan des Bundes sitzt. Nur: Wer wissen will, ob das Make-up, der Badreiniger oder die PET-Flasche mit Mineralwasser Nanopartikel enthält, hat keine Chance - auf dem Produkt sind diese nicht deklariert. Handkehrum sind viele angebliche Nanoprodukte gar keine. Wie viele Konsumgüter tatsächlich Nanoteile aufweisen und wie viele davon in der Schweiz im Verkauf sind, ist unklar. Eine Deklarationspflicht existiert nicht. «Oft weiss der Handel selber nicht genau, ob es in einem Produkt synthetische Nanopartikel oder Nanomaterialien hat», so Meier. Sicher ist, dass es laufend mehr werden: Der Weltmarkt für Nanotechnologie hat heute gemäss Credit Suisse 75 Milliarden Franken Umsatz erreicht - dies bei einem Wachstum von rund 30 Prozent pro Jahr.

Eine verbindliche Deklaration tut daher not; vor allem bei den sensiblen Bereichen wie Lebensmittel, Kosmetik und Verpackungen muss laut Meier gehandelt werden. Das haben auch verschiedene Gesprächsrunden zur Nanotechnologie, die der Bund bereits 2006 schweizweit mit Bürgern geführt hat, gezeigt: Die Leute wollen wissen, ob sie ein Nanoprodukt kaufen oder nicht. «Ich würde es hassen, wenn ich ein Produkt mit Nanoteilen unwissentlich benutzen würde», sagte eine Teilnehmerin aus der Westschweiz etwa. Jegliche Versuche, eine Deklarationspflicht einzuführen, sind bis jetzt jedoch gescheitert. Zwar reichte die grüne Nationalrätin Maya Graf 2006 zwei Motionen ein. In der einen forderte sie vermehrt öffentliche Gelder für die Risikoforschung, was gutgeheissen wurde. Die andere Motion enthielt unter anderem die Forderung nach einer gesetzlichen Regulation in allen Bereichen der Nanotechnologie. «Der Industrie und dem Handel muss hier eine klare gesetzliche Linie vorgegeben werden», begründet Maya Graf ihren Vorstoss. Der Bundesrat lehnte diesen Punkt der Motion damals jedoch ab. Die Begründung: Man wisse zu wenig über die Nanotechnologie und müsse den Aktionsplan abwarten.

Das Ringen um Definitionen

Nun kommt der Aktionsplan vor den Bundesrat. Recherchen des Beobachters zeigen: Eine Deklarationspflicht wird er nicht enthalten. Vielmehr soll für die Hersteller eine Anleitung zur Selbstkontrolle erstellt werden, mit der sie eine erste Abschätzung der Risiken vornehmen können. Auch sollen die Möglichkeiten der Produktinformation ausgelotet werden. Damit setzt der Bund vorerst auf die Eigenverantwortung der Hersteller. «Von einer Regulierung jedoch ist man noch weit entfernt, weil die methodischen Grundlagen fehlen», meint Christoph Studer, Nanoexperte beim Bund. Und fügt an, dass mit dem Nationalen Forschungsprogramm «Chancen und Risiken von Nanomaterialien», das der Bundesrat im November lanciert hat, gute Voraussetzungen geschaffen seien, die fehlenden Grundlagen zu erarbeiten.

Eine dieser fehlenden Grundlagen ist die Definition, was «nano» eigentlich ist. Ein entscheidender Punkt bei der Diskussion um eine Deklarationspflicht: Solange eine gültige Definition fehle, sei eine Deklaration nicht sinnvoll, heisst es bei Bund, Industrie und Forschung unisono. Derzeit scheitert die Definition daran, dass unklar ist, ab welcher Grösse, sprich: ab wie vielen Nanometern, von Nanopartikeln geredet wird: «So können Produkte, die ‹nano› anpreisen, unter Umständen gar keine Nanopartikel enthalten, während Produkte, die mit ‹Mikropartikeln› werben, in Wirklichkeit Nanopartikel enthalten», hält Bernd Nowack von der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) fest. Zweites Problem: Die Definition soll international einheitlich sein, was einen längeren Abstimmungsprozess mit sich bringt.

Vor allem die Industrie verlangt: Wenn schon eine Regelung, dann eine internationale. Grundsätzlich aber sieht sie keine Notwendigkeit einer Deklaration: «Im Umgang mit neuen Stoffen wenden unsere Firmen in Eigenverantwortung die notwendigen und sachgerechten Massnahmen an», teilt etwa der Branchenverband SCGI Chemie Pharma Schweiz mit. Für die Selbstkontrolle sprechen nicht zuletzt kommerzielle Gründe, da eine Regulation auch bedeutet, den Produktionsprozess teilweise offenzulegen. Ihre Geschäftsgeheimnisse wollen die Hersteller aber wahren.

Wie unklar die aktuelle Situation für Konsumenten ist, zeigen die Anfragen des Beobachters bei Firmen aus der Chemie-, Textil-, Metall- und Lebensmittelindustrie. Auf die Frage, ob und wie synthetische Nanomaterialien verwendet würden, kamen die unterschiedlichsten Antworten: Die einen legen einen Katalog an Vorsichtsmassnahmen, Risikotests und Produktinformationen vor. Die anderen tendieren zur Verharmlosung, etwa indem darauf verwiesen wird, dass auch Wasser im nanoskaligen Bereich wirke. Und die Dritten schicken ellenlange Papiere, die zeigen, wie komplex die Materie und wie schwierig eine einheitliche Definition ist.

Konsumentenschützer Thomas Meier, der im Expertengremium die Debatten miterlebt, ärgert es, dass vor allem um Definitionen gerungen wird. Es gehe doch jetzt vor allem darum, dass der Konsument entscheiden könne, «ob er ‹nano› will oder nicht». Für Meier ist die Richtung klar: «Sollte sich zeigen, dass aus dem Aktionsplan keine Deklarationsbestimmung innert nützlicher Frist hervorgeht, wird die SKS bei den Händlern, namentlich den Grossverteilern, Druck machen.» Dies könne schon dieses Jahr der Fall sein. Die fehlende internationale Definition ist für den Konsumentenschutz dabei kein Hindernis. Es sei relativ klar, was synthetische Nanopartikel sind, so Meier. Die Schweiz müsse nicht warten, bis ein internationales Gremium eine von allen Seiten akzeptierte Definition absegne, sondern könnte bereits heute die Kennzeichnung «enthält synthetische Nanopartikel» verlangen.

Was ist Nanotechnologie?

Bei der Nanotechnologie handelt es sich um eine Querschnittdisziplin aus Physik, Chemie und Biologie. Sie arbeitet in der Grössenordnung von Nanometern (nm). Der Begriff «nano» kommt aus dem Griechischen und bedeutet «Zwerg» - ein Nanometer ist winzig: Er verhält sich zum Meter wie die Grösse eines Fussballs zur Erde. So funktioniert die Technologie mit Molekülen oder gar einzelnen Atomen, die zu neuen Materialien zusammengesetzt werden. Dazu gehören auch die synthetischen Nanopartikel, gezielt hergestellte Feststoffteilchen, zwischen 1 und 100 nm klein.

Das Besondere ist, dass diese Partikel neue physikalische, elektronische oder chemische Eigenschaften annehmen. Sie werden in der Verpackungs-, der Kosmetik- oder auch der Lebensmittelindustrie eingesetzt: Fahrradrahmen werden härter, Scheiben bruchsicherer, Tennisschläger elastischer, Nahrungsmittel und Kosmetika homogener. In der Medizin ist die Nanotechnologie Hoffnungsträgerin der Zukunft.

Die Winzigkeit der Partikel birgt aber auch das grösste Risiko für Mensch und Umwelt. Es wird derzeit erforscht, ob die Teilchen in den Menschen eindringen und dort Schaden - ähnlich wie Asbestfasern - anrichten können oder welche Auswirkungen sie auf die Umwelt bei der Entsorgung haben. Die Risikoforschung steht erst am Anfang. Nanopartikel ver-ändern ihre Eigenschaften nach Umgebung und Verarbeitungsart.

Diese Komplexität macht eine Risikobewertung schwierig. Bereits aber gibt es konkrete Hinweise darauf, dass die synthetischen Nanopartikel die obersten Hautschichten durchdringen, die Blut-Hirn-Schranke sowie die Luft-Blut-Gewebe-Schranke in der Lunge überwinden können.