Mit drei Entscheidungen in den letzten beiden Wochen haben verschiedene Gremien der Europäischen Union die Verwendung von Nanopartikeln eingeschränkt: Mit der neuen Kosmetikrichtlinie gelten künftig klare Vorschriften für Zulassung, Sicherheitsprüfung und Kennzeichnung von Nanomaterialien in Alltagsprodukten wie Sonnencremes und Lippenstiften. Auch im Bereich der Lebensmittel müssen mit der Verabschiedung der Novel-Food-Verordnung Lebensmittel, die Nanopartikel enthalten, künftig entsprechend gekennzeichnet werden. Bevor sie zugelassen werden, muss anhand standardisierter Testverfahren umfassend untersucht werden, ob die Substanzen für Umwelt und Gesundheit unbedenklich sind. Das komme einem Moratorium gleich, da diese Testverfahren noch nicht existieren, wie die Organisation «Women in Europe for a Common Future» (WECF) in einem Communiqué mitteilt.

Drittens hat der Umweltausschuss des Europäischen Parlaments (ENVI) einen Bericht zur Regulierung von Nanomaterialien vorgelegt, der eindringlich gesetzliche Regelungen fordert. Nach Aussagen von ENVI sind die gegenwärtigen Regeln so sinnvoll wie mit einem Fischernetz Plankton fangen zu wollen.

«Alle drei EU-Entscheidungen bedeuten in erster Linie mehr Sicherheit für die Verbraucher», kommentiert Sonja Haider, Chemikalienexpertin von WECF, die Entwicklung in Brüssel. «WECF setzt sich dafür ein, erst die Risiken zu bewerten, ehe neue Technologien den Markt stürmen. Die Entscheidungen von Brüssel zeigen, dass die Politik das Thema erfasst hat und anfängt, die Gefahren nicht getesteter Technologien für die Gesundheit ernst zu nehmen. Auch Politiker beugen sich nicht mehr unkritisch den Heilsversprechungen der Industrie. Neue Errungenschaften – sei es Asbest, Atom- oder die Gentechnik – werden als Revolutionen angepriesen die Welt und das Leben zu verbessern. In der Rückschau bleiben die Ergebnisse meist hinter den Versprechungen zurück. Keines der genannten Beispiele hat wirklich die Lebensqualität der Menschen nachhaltig verbessert, die Gesundheit dafür aber massiv gefährdet. Diese Erkenntnis hat mittlerweile hoffentlich auch die Politik erreicht.»

Nanomaterialien werden besonders in verbrauchersensiblen Produkten wie Kosmetika verwendet. Es sind bereits eine Vielzahl von Produkten und Lebensmitteln mit Nanomaterialien auf dem EU-Markt, ohne dass ihre Sicherheit ausreichend geklärt sei, so WECF weiter. Und noch immer gebe es grosse Erkenntnislücken darüber, wie gefährlich die Nanopartikel für die menschliche Gesundheit sind.

«WECF sorgt sich bei der Verwendung von Nanopartikel besonders um die gesundheitlichen Risiken für Kinder. Diese sind in ihren unterschiedlichen Entwicklungsphasen – auch schon während der Schwangerschaft – besonders sensibel für gesundheitsschädigende Substanzen», ergänzt Sonja Haider. «Spätestens wenn man weiss, dass Nanopartikel mit unbekannter Wirkung natürliche körpereigene Schranken wie die Plazenta, die Blut-Hirn-Schranke durchwandern oder gar in den Zellkern vordringen können, sollten die Alarmglocken schrillen.» (WECF/07.04.2009)

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Was ist Nanotechnologie?

Die Nanotechnologie befasst sich mit der Entwicklung und Herstellung enorm kleiner Festkörperpartikel. Deren Grösse ist per Definition kleiner als 100 Nanometer (nm). Ein Nanometer entspricht einem Millionstel Millimeter. Man unterscheidet zwischen künstlich hergestellten Nanopartikeln und solchen, die ungewollt auftreten, etwa im Feinstaub als Nebenprodukt von Verbrennungsprozessen.

Nanotechnologische Produkte sind zum Beispiel in Farben, Lacken oder Kunststoffen enthalten. Aber auch im Bereich der Elektronik sowie bei neuen Anwendungen für die Medizin kommt die Technologie zum Einsatz. Im Konsumbereich kamen zum Beispiel kratzfeste Brillengläser, Anti-Graffiti-Anstriche, High-Tech-Sonnencremes oder abriebfeste Textilien auf den Markt.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Nanoprodukten wachsen die Bedenken über mögliche negative Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt. Die Diskussion dreht sich insbesondere um ungebundene, freie synthetische Nanopartikel (zum Beispiel in Sprays) und um Materialien, aus denen solche freigesetzt werden können. Studien zeigen, dass ein Teil der Kleinstpartikel über die Lungenbläschen in den Blutkreislauf gelangen können. Einmal im Blutkreislauf, können sich die Partikel ungehindert im Körper verteilen, und es wird befürchtet, dass auch Organe geschädigt werden könnten.

Generell sind die Auswirkungen auf die Gesundheit erst unvollständig untersucht. Gleiches gilt für die möglichen Effekte auf die Umwelt. Bei Kläranlagen zeigten erste Untersuchungen, dass die Reinigungsverfahren nicht ausreichen, um Nanopartikel im Abwasser zu eliminieren. Zur Frage, ob Nanopartikel in die Nahrungskette gelangen können, sind bis jetzt kaum Daten verfügbar.

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Untersuchungen zeigen aber, dass sie von Umweltorganismen aufgenommen werden können. Daher ist auch die Möglichkeit einer Anreicherung von Nanopartikeln in Ökosystemen und Lebewesen zumindest nicht auszuschliessen. Stefan Bachmann